Nachruhm


Nachruhm        von Manfred Kyber  (1880 bis 1933)

   Die Totenfeier am Sarge des berühmten Anatomen und Leiters des Physiologischen Instituts der alten Universität gestaltete sich zu einer ergreifenden Huldigung der akademischen Kreise vor den Verdiensten des großen Verstorbenen. Der Katafalk war mit Kränzen und seidenen Schleifen behangen, in Lorbeer und Blumen gehüllt, brennende Wachskerzen umrahmten ihn und vor ihm waren auf samtenem Kissen die zahlreichen Orden ausgebreitet, die der gelehrte Forscher mit berechtigtem Stolz getragen hatte. Zu beiden Seiten der Bahre standen die Chargierten der Korporationen mit blanken Schlägern und neben den Angehörigen saßen der Senat der Universität in vollem Ornat, sämtliche Professoren der Hochschule und die Vertreter der Behörden. Der Priester hatte soeben seine Rede beendet, die allen tief zu Herzen gegangen war. „Er war ein vorbildlicher Mensch und ein vorbildlicher Gelehrter,“ schloß er, „er war das eine, weil er das andere war, denn ein großer Forscher sein, heißt ein großer Mensch sein. Wir stehen an der Bahre eines ganz Großen, mit Trübsal in der Seele, weil er uns genommen ist. Aber mit- nichten sollen wir trauern und wehklagen, denn dieser große Tote ist nicht tot, er lebt weiter und stehet nun vor Gottes Thron in vollem Glanze seines ganzen arbeitsreichen Lebens, wie es denn in der Schrift heißt: sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach!“

... Alle schwiegen ergriffen und es fiel auch niemand auf, daß der Priester anscheinend eine Kleinigkeit vergessen hatte, nämlich die, daß der große Tote, der nun vor Gottes Thron stehen sollte, sein ganzes Leben lang für die Überzeugung eingetreten war, daß es gar keinen Gott gäbe. Aber solche Kleinigkeiten werden bei Grabreden meistens vergessen.
   Hierauf erhob sich der Rektor der Universität mit der goldenen Amtskette um den Hals und sprach mit bewegter Stimme warme Worte des Nachrufes für seinen berühmten Kollegen.
„Er war allezeit eine Zierde unserer alten alma mater und eine Zierde der Wissenschaft, der er sein ganzes Leben geweiht hatte, ein Vorbild uns und allen, die nach uns kommen werden, denn auf ewig wird sein Name in goldenen Lettern auf den Marmortafeln der menschlichen Kultur glänzen. Ich kann in diesem ernsten und feierlichen Augenblick nur weniges aus der Überfülle seines Geistes herausgreifen, nur andeuten, wie er an den unzähligen Tierversuchen Beweis auf Beweis gehäuft. Es ist nicht auszudenken, welche unerhörten Perspektiven sich mit diesen völlig neuen medizinischen Tatsachen der leidenden Menschheit und der Wissenschaft als solcher eröffnen. Nur nacheifern können wir dem gewaltigen Forscher, der uns solche Wege gewiesen, und wir und die ihn bewundernde akademische Jugend, der er ein Führer zu wahrem Menschentum war, wir wollen an seiner Asche geloben, sein Lebenswerk fortzusetzen und auszubauen, zum Heile der europäischen Wissenschaft und zur Ehre unseres geliebten Vaterlandes. Es  hat unserem großen Toten nicht an reicher Anerkennung gefehlt, wie wir dankbar feststellen können, auch von allerhöchster Stelle sind ihm ehrenvollen Zeichen der Huld zuteil geworden“ – alle Blicke richteten sich staunend auf das Samtkissen mit den Orden, die einige Pfund wogen – „ja, noch kurz vor seinem Tode ward ihm die Freude, zum Wirklichen Geheimen Medizinalrat mit dem Prädikat Exzellenz ernannt zu werden, eine Ehrung, die mit ihm auch unsere ganze Hochschule als solche empfunden hat. So reich aber sein Ruhm auch war, noch reicher wird sein Nachruhm sein für alle Zeiten und wir, die wir ihm nachtrauern, wollen es ihm gönnen, daß er nun ruhe von seiner Arbeit, daß er auf der Asphodeloswiese lustwandele mit den großen Geistern aller Zeiten, zu
denen ihn seine Werke erhoben haben, und so darf auch ich schließen mit den Worten meines geistlichen Vorredners: und ihre Werke folgen ihnen nach!“

   Alle schwiegen voller Andacht, teils vor der europäischen Wissenschaft und teils vor dem Prädikat Exzellenz. Der Rektor Magnifikus hatte nur die Kleinigkeit außer acht gelassen, daß die europäische Wissenschaft die Asphodeloswiese eine Fabel nennt und von den großen Geistern der Vergangenheit behauptet, daß sie sich in chemische Substanzen aufgelöst haben. Aber das sind ja Kleinigkeiten und es ist das Vorrecht der heutigen üblichen Bildung, ein griechisches Wort zu gebrauchen für etwas, bei dem man sich nichts mehr denkt. Wenn man überhaupt denken sollte – du lieber Gott, wo käme man da hin bei unserer heutigen Zivilisation und europäischen Wissenschaft!

   Der Vertreter des Staates erklärte, daß der Verstorbene eine Säule des modernen Staatswesens gewesen sei, und der Vertreter der Stadt sagte, daß der Magistrat einstimmig beschlossen habe, einer Straße den Namen des großen Toten zu verleihen. Der Kirchenchor sang ein Lied, es war ein altes Lied aus einer alten Zeit, andere Menschen mit anderer Gesinnung hatten dies alte Lied geschaffen und es nahm sich seltsam aus nach den tönenden Worten von heute. Sehr leise und überirdisch sang es wie mit fremden Stimmen durch den Raum: „Wie wird’s sein, wie wird’s sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in die Stadt der goldenen Gassen...“
    Dann sank der Sarg in die Tiefe.

       Der Tote hatte die ganze Zeit dabeigestanden. Ihm war, als habe sich eigentlich nicht viel verändert. Er erinnerte sich nur, einen sehr schönen Glanz gesehen zu haben, dann war alles wieder wie sonst, und er wußte kaum, daß er gestorben war.
Nur leichter war alles an ihm, keine Schwere mehr und keine grobe Stofflichkeit. Ein großes Erstaunen faßte ihn – es gab also doch ein Fortleben nach dem Tode, die alte Wissenschaft hatte recht und die neue hatte unrecht. Aber es war schöner so und es beruhigte ihn sehr, obwohl es anfangs etwas Quälendes hatte, daß er mit niemandem mehr sprechen konnte, daß keiner seiner Angehörigen und seiner Kollegen merkte, wie nahe er ihnen war. Immerhin war es tröstlich, zu hören, wie man ihn feierte und daß man so zuversichtlich von Gottes Thron und von der Asphodeloswiese gesprochen hatte. Freilich – die Titel und Orden fehlten ihm, die erschienen nicht mehr greifbar. Aber war er nicht immer noch der große Gelehrte, der berühmte Forscher? Hieß es nicht: und ihre Werke folgen ihnen nach? ...
   Er war nun allein, die Umrisse des Raumes wurden dunkel und verschwammen ins Raumlose. Es war sehr still, nur ganz von ferne verklang das alte Lied, kaum noch hörbar: wenn wir ziehn in Salem ein – in die Stadt der goldnen Gassen...
   Das würde nun erfolgen, vielleicht gleich. Eine große Spannung erfüllte ihn, aber in dieser Spannung war etwas von Angst, etwas Unsagbares, eine große bange Frage, die ihn ganz ausfüllte. Es war auch so dunkel geworden, man konnte nichts mehr sehen.
   Dann wurde es hell und ein Engel stand vor ihm. Also auch das gab es. Dann würde es ja auch einen Gott geben und die vielen Toten, die lebendig waren, und das geistige Jerusalem. Wie schön war das alles!  Aber der Engel sah ernst und traurig aus.
„Wohin willst du?“ fragte er.
„Ins Paradies.“
„Komm,“ sagte der Engel.

   Große dunkle Tore öffneten sich lautlos und sie traten in einen Raum, der grell erleuchtet war. Die Wände waren blutrot und auf dem Boden hockten unzählige verstümmelte Tiere und wimmerten. Sie streckten die zerschnittenen Glieder nach dem Toten aus und sahen ihnen aus geblendeten und erloschenen Augen an. Immer weiter, ins Unabsehbare, dehnte sich ihre Reihe.
   „Hier sind die Hündinnen, denen du bei lebendigem Leibe die Jungen herausgeschnitten hast. Hattest du keine Kinder, die du liebtest? Wenn deine Kinder sterben und sie suchen ihren Vater im Paradies, so werden sie dich hier finden. Es ist das Paradies, das du dir geschaffen hast. Hier sind die Katzen, denen du das Gehör zerstört hast unter gräßlichen Martern. Gott gab ihnen ein so feines Gehör, daß es ein Wunder der Schöpfung ist. Du wirst nichts mehr hören als das. Hier sind die Affen und Kaninchen, denen du das Augenlicht nahmst. Gott gab es ihnen, um die Sonne zu sehen. Sahst du nicht auch die Sonne dein Leben lang? Du wirst nun nichts mehr sehen, als diese geblendeten und erloschenen Augen. Soll ich dich weiterführen? Es ist eine lange, lange Reihe.“
   „Das ist entsetzlich,“ sagte der Tote.
   „Das ist es,“ sagte der Engel.
   „Leben denn alle diese Tiere weiter?“, fragte der Tote.
    „Alle diese Tiere leben bei Gott,“ sagte der Engel, „du kannst nicht dorthin, denn sie stehen davor und klagen dich an, sie lassen dich nicht durch. Was du hier siehst, sind ihre einstigen Spiegelbilder, es sind deine Werke und sie bleiben bei dir. Du wirst alle ihre Qualen an dir erfahren, bis du wieder zur Erde geboren wirst, um zu sühnen. Es ist ein langer und trauriger Weg. Aber sie werden nicht deine einzigen Gefährten sein, du hast noch einen anderen, sieh her, wer vor dir steht inmitten deiner Werke.“
   Der Tote sah auf und erblickte ein scheußliches Gespenst mit einer menschlichen Fratze, in einem Gewand voll Schmutz und Blut und mit einem Messer in der Hand.
„Das ist das Scheußlichste, was ich jemals sah,“ sagte der Tote und es packte ihn das Grauen, wie er es noch nie erlebt. „Wer ist das Scheusal?“ Muß ich das immer ansehen?“
    „Das bist du,“ sagte der Engel.
    „Aber die Wissenschaft?“ fragte der Tote angstvoll, „habe ich ihr nicht gedient? Gehöre ich nicht zu den großen Geistern, auch wenn ich diese Taten beging?“
    „Die großen Geister waren den Tieren Brüder und nicht Henker,“ sagte der Engel, „sie würden dir den Rücken  kehren, wenn du es wagen könntest, zu ihnen hinauf zu gelangen. Aber du gelangst gar nicht in ihre Nähe. Du warst eine Null und kein großer Geist. Du wußtest es auch, daß du eine Null warst, du wußtest, daß dir nichts einfallen würde, und darum hast du aus Eitelkeit alle diese Greuel begangen, in der Hoffnung, der Zufall könnte dir etwas von den Geheimnissen der Natur enträtseln, wenn du sie folterst. Nachher kam die Mordlust, die Herrscherwut kleiner Seelen dazu. Siehst du das alles? Du kannst es deutlich sehen an deinem Spiegelbild, es hat getreulich alle deine Züge aufgezeichnet. Bleibe bei ihm, wasche sein blutiges und schmutziges Kleid, bis es weiß wird wie Schnee. Es kann tausend Jahre dauern, vielleicht auch länger. Bleibe bei ihm, denn du kannst ihm nicht entrinnen. Es ist dein Gefährte und diese verstümmelten Geschöpfe Gottes sind dein Paradies.“
  

„Das ist alles wahr,“ sagte der Tote, „aber auch wenn ich so dachte und tat, habe ich nicht doch eine Erkenntnis gefördert? Tritt nicht doch die Wissenschaft für mich ein?“

   „Eine Erkenntnis durch Verbrechen?“ fragte der Engel. „Erkenntnisse hatte die Wissenschaft einst, als sie ein Tempel war. Ich will dir zeigen, wie eure Wissenschaft heute aussieht.“
   Ein häßliches gelbes Licht zuckte auf und der Tote sah einen Narren sitzen, der mit blutigen Händen Kartenhäuser baute. Ein Luftstoß fegte sie um, aber der Narr baute immer weiter.
   „Ist das alles?“ fragte der Tote und klammerte sich hilfesuchend an das Gewand des Engels.
   „Das ist alles,“ sagte der Engel, „lehrt eure Wissenschaft nicht auch, daß es keinen Gott und keine Vergeltung und kein Leben nach dem Tode gibt? Ich muß nun gehen. Bleibe in deinem  Paradies.“

   Der Tote blieb in seinem Paradiese und hatte es vor Augen Stunde um Stunde, Tag für Tag und Jahr für Jahr. Es ist dies mit einer Zeit nicht mehr zu messen, jedenfalls nicht wissenschaftlich und das ist doch das einzig Maßgebliche, nicht wahr? Aus sehr weiter Ferne klang ein altes Lied aus einer alten Zeit, kaum noch hörbar und verhallend: wie wird’s sein, wie wird’s sein, wenn wir ziehn in Salem ein, in die Stadt der goldenen Gassen...
   Vielleicht bedeutet dieses Lied doch etwas, denn wir müssen ja alle einmal sterben?  Aber wer denkt heute daran, im Zeitalter der aufgeklärten europäischen Wissenschaft?

   Die Zeitungen brachten spaltenlange Nachrufe über den berühmten großen Forscher und Gelehrten, Seine Exzellenz den Wirklichen Geheimen Medizinalrat, dessen Tod einen unersetzlichen Verlust für die Wissenschaft bedeute, dessen Name aber für alle Zeiten ein Ruhmesblatt in der Geschichte der Menschheit bleiben würde, ein herrliches Zeichen unserer fortschrittlichen Kultur und ein Denkmal allen kommenden Geschlechtern, wie es die Besten vor ihm waren. Ehre diesen großen Toten!
   Ja, sie ruhen von ihrer Arbeit und ihre Werke folgen ihnen nach.

Aus: Manfred Kyber, Neue Tiergeschichten. Neue Ausgabe mit 6 Bildern von Else Wenz-Vietor.  Leipzig: 1926. Hesse & Becker Verlag  55. Tausend.  S. 120 – 132.

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