Einige ausgewählte Anmerkungen zu „Tiere sind ein Zweck an sich“

 

Einige ausgewählte Anmerkungen zu „Tiere sind ein Zweck an sich“
DER SPIEGEL 6/ 3. 2 14
https://magazin.spiegel.de/digital/index_SP.html#SP/2014/6/124838668


Man spürt es in jedem Satz der beiden SPIEGEL-Reporter, dass sie ihre persönlichen Wertvorstellungen in Gefahr sehen, dass sie fürchten, vor einem moralisch-logischen Gedankengebäude zu stehen, das so ganz anders ist, als das, was sie bisher für richtig und moralisch relevant hielten. Elke Schmitter und Romain Leick sind anthropozentrische Sichtweisen gewöhnt, nun droht ein Schritt in unbekanntes philosophisches Land, in das Land der generellen Ehrfurcht vor dem Leben, ein Schritt, den die Publizistin Hilal Sezgin vorgezeichnet hat.
„Moralische Werte und Gesetze verändern sich mit der Zeit“ lautet eine ungläubige Frage der Redakteure. Ja, natürlich verändern sich diese Normen, passen sich an, laufen synchron zur wissenschaftlichen Erkenntnis, zur Weiterentwicklung der Empathie, zur Weiterentwicklung menschlicher Ethik. Die Moralvorstellungen vor tausend Jahren hatten andere Fundamente als die Vorstellungen vor zweitausend Jahren und die wiederum andere als die vor dreitausend Jahren. Würden sich moralische Werte nicht ändern, müssten wir unterstellen, dass sie einstmals quasi vom Himmel gefallen sind und für alle Zukunft unverändert Gültigkeit haben, also ein unveränderliches physikalisches Naturgesetz der Moral. Wenn es keine Weiterentwicklung der Moral gäbe, wir eine statische Moral hätten, gäbe es auch keine Höherentwicklung der Menschheit. Oder besteht die Abschaffung der Sklaverei aus etwas anderem, als aus einer moralischen Verbesserung, aus einem Fortschritt in der moralischen Entwicklung?
Und nun stehen die beiden vor dem engen Tor einer globalen Ethik, durch das sie gehen müssen um zu begreifen, dass moralische Grundsätze nicht nur auf Menschen, sondern darüber hinaus für die gesamte belebte Welt gelten. Wenn Frau Sezgin davon spricht, dass Fleischessen viele lebenswichtige Ressourcen verbraucht, wird mit der Antwort gekontert, dass dies eine Frage angewandter Ökologie, nicht aber „eine moralische Grundsatzentscheidung“ sei.
Frau Schmitter und Herr Leick irren aber zutiefst. Ist es denn keine moralische Grundsatzentscheidung, die vorhandene Biodiversität nicht weiter zu vernichten, die Vermüllung des Planeten zu stoppen, den Urwald nicht für Sojaplantagen abzuholzen, um damit Tierfutter zu erzeugen, Tierfutter für die Aufrechterhaltung eines infernalischen Kreislaufs in der weltweiten Massentierhaltung? Oder war es nicht stillschweigende Übereinkunft, künftigen Generationen auch einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen? Ich glaube, die Antwort ist evident und erübrigt sich von selbst.
Weniger harmlos als diese undurchdachten Ansichten ist aber der Machtanspruch, der aus einem anthropozentrischen Überlegenheitsgefühl resultiert. Diese Hybris „ warum sollten die Menschen nicht ihre überlegenen Möglichkeiten nutzen“ erzeugt einen totalitären Machtanspruch, verkörpert die Vorstellung, weil ich diese oder jene überlegenen Fähigkeiten besitze ist es mir erlaubt, diese skrupellos gegenüber denjenigen einzusetzen, der diese Fähigkeiten nicht besitzt. Das Eis wird argumentativ sehr dünn, denn in dieser Aussage manifestiert sich ein archaisches Faustrecht, das Recht des Stärkeren. Der Schwächere, ob Mensch, ob Tier oder gar die gesamte Natur bleiben auf der Strecke, können versklavt, können grenzenlos ausgebeutet werden, denn ich habe ja eine bestimmte Fähigkeit, die der Schwächere nicht hat. Diese Vorstellung kennzeichnet einen radikalen Arten-Rassismus, der in seiner vernichtenden Wirkung weit über das hinausgeht, was man auf der menschlichen Seite als rassistisch – und damit als moralisch verwerflich – anprangert. Es ist das potentielle Todesverdikt für andere Lebensformen, das schwärzeste Verbrechen der Menschheit. Für einen Bissen Fleisch, für einen kurzen Gaumenkitzel ist es mir erlaubt, jegliche Tierqual zu rechtfertigen, denn ich besitze die Fähigkeit, die Tierwelt zu beherrschen. Man möge nur  diese Logik auf menschlich schwache und hilfsbedürftige Wesen übertragen und die ungeheuerliche Absurdität dieses Gedankenganges wird deutlich.
Aber der Gedankenfehler liegt noch tiefer. Tiere gehören anderen Lebensformen an, deren Spezifika wir zwar beschreiben, deren innere Struktur aber aus dem Grund niemals verstehen können, weil wir dieser Lebensform nicht angehören. Sämtliche Aussagen zum Mensch-Tier-Verhältnis unterliegen naturgemäß der menschlichen Sichtweise. Die Sichtweise der Tiere, die wir zwar nicht verstehen können, existiert nicht destotrotz und die meisten Tiere besitzen a n d e r e Fähigkeiten, die dem Menschen fehlen und deshalb von menschlicher Seite nicht zur Beurteilung herangezogen werden. Es ist eine Überheblichkeit par excellence, die Ansprüche anderer Lebensformen deshalb gering zu achten und zu negieren, weil die Menschheit in toto die furchtbare Fähigkeit hat, das gesamte Leben auf unserem Planeten zu versklaven. Und kann naiver argumentiert werden, dass der Mensch seine Hoheitsansprüche daraus ableitet, dass er das Wissen habe, Tiere zu züchten, “von denen es sonst viele gar nicht gäbe“? Mag sein, dass er einige züchtet, die sonst nicht existierten, aber was sind diese Wenigen gegen die Vielen, die zu Tausenden durch menschliche „Fähigkeiten“ von der Erde - täglich, monatlich, jährlich - unwiederbringlich verschwinden?
Und es kommt nicht auf Fähigkeiten an - die übrigens nirgends so ungleich wie beim Menschen verteilt sind - es kommt auf das Mensch und Tier Gemeinsame, auf die Leidensfähigkeit, auf die Einzigartigkeit und Singularität des individuellen Lebens an. Dies gilt es für den moralisch denkenden Menschen zu respektieren, zu achten, denn gerade hier hat er die Möglichkeit, seine überlegene Vernunftbegabung und Denkfähigkeit, seine hochgelobte Empathie und sein Mitgefühl mit Leidenden zum Ausdruck zu bringen.
Es ist darüber hinaus nicht Lebensziel eines Schweines, seine qualvolle Leidenszeit im Kastenstand zu verbringen, sondern die Natur hat auch dieses Tier mit Bedürfnissen ausgestattet, die menschlichen Bedürfnissen nicht unähnlich sind, nämlich ein Leben in Freiheit, in Unversehrtheit, in Angstfreiheit zu verbringen, ein freies Leben in artgemäßen sozialen Strukturen. Man führe sich immer vor Augen, dass es nicht persönlicher Verdienst ist, Frau Schmitter und Herr Leick, dass sich ihr beider Wesen in einem menschlichen Körper manifestiert hat, sondern reiner Zufall, so wenig wie es die Schuld des Schweines ist, als Ausbeutungsobjekt für das Zufallsprodukt “Mensch“ geboren zu sein, um als Braten herhalten zu müssen.
Zu guter Letzt wird gern immer noch Immanuel Kant bemüht. So auch hier. Aber man muss ihn auch zu Ende lesen, und nicht als Schützenhilfe zur Stärkung einer sonst schwachen Position benutzen. Wenn Kant von der Autonomie des ausschließlich guten Willens spricht, dann meint er damit, dass der Mensch moralisch gut wäre, „wenn er seine Lebensführung nach dem moralischen Gesetz ausrichtete und die Autonomie des Willens zu seinem obersten lebensregierenden Handlungsgrundsatz machte. Allerdings zeigt die Erfahrung, dass die Menschen eher nach egoistischen Motiven handeln. Anders gewendet: der Mensch ist im Grunde zum Guten veranlagt, aber er ist de facto nicht gut.“(Studienbuch Schulpädagogik)
Nein, er ist de facto nicht gut, nur partiell zukunftsplanend, selten tief und antizipativ denkend, sondern meist nur unbewusst durchs Leben taumelnd. Er ist in der Mehrzahl keine „Krone der Schöpfung“, meist ist er der Albtraum des Planeten. In den wenigsten Fällen gehorcht der homo stupidus moralisch-ethischen Ansprüchen aus freier Überzeugung, sondern erst der Zwang unausweichlicher Notwendigkeiten ändert sein Verhalten – und das nur widerwillig. Ortega y Gasset bringt es im „Aufstand der Massen auf den Punkt“:
„Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt….
Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit……
Man pflanze ihnen eilig den Stolz auf die Macht der modernen Mittel ein, aber nicht den Geist….
Das veranlasst uns, in dem psychischen Diagramm des Massenmenschen die ersten beiden Linien einzutragen: die ungehemmte Ausdehnung seiner Lebenswünsche und darum seiner Person; und die grundsätzliche Undankbarkeit gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat….
Nichts beschäftigt sie so sehr wie ihr Wohlbefinden, und zugleich arbeiten sie den Ursachen dieses Wohlbefindens entgegen….
Ihrem eigenen Trieb überlassen, neigt die Masse, sie sei, wie sie sei, plebejisch oder „aristokratisch“, immer dazu, aus Lebensbegierde die Grundlagen ihres Lebens zu zerstören.“

Akademische Diskussionen helfen jedoch nicht wirklich weiter, denn was nützt alle geschriebene Weisheit, wenn der Empfänger sie nicht liest, sie nicht versteht, sie nicht verstehen kann und nicht verstehen will. " Jeder Geist ist dem unsichtbar, der keinen hat" (Schopenhauer) und jeder kann nur so viel Geist wahrnehmen, wie er intellektuelle Kapazität und Redlichkeit besitzt.
Wer sein Herz für die leidende Kreatur öffnen will, der kann es. Wen Qual, Pein, Lebensrecht seiner Mitgeschöpfe hingegen relativ kalt lassen, der verteidigt seinen anthropozentrischen Herrschaftsanspruch diesseits jeder übergreifenden Moral, auch wenn seine Argumente bar jeder stringenten Logik sind. Er sieht die Verrohung nicht, will sie nicht sehen, die täglich in einer immer enger werdenden Welt zunimmt und die Schwächsten zuerst, die Tierwelt, brutal trifft. Hilfreich zu weiterem Erkenntnisgewinn sind nicht tieferes Kantstudium und sophistische Auslassungen über Menschenrechte und Menschenwürde, hilfreich für beide Redakteure wäre, wenn sie einmal in einer Anlage der Massentierhaltung sich die Tiere anschauen, ihnen in die Augen blicken, den Viehtreibern beim Verladen der Todeskandidaten helfen, den Transport durch Europa begleiten, an der Seite eines Tieres bei seinen letzten angstzitternden Stunde auf dem Schlachthof bleiben und dann dem Kälbchen zur Seite stehen, wenn in der Tötungsbox der Bolzenschuß sein Hirn zerfetzt.
Vielleicht wäre dies überhaupt der Weg zur Erkenntnis, der zur moralischen Weiterentwicklung des Menschen am effektivsten beiträgt.

6.2.2014  Dr. Gunter Bleibohm