Wie können wir Tierrechte verwirklichen? Drucken E-Mail

Wie können wir Tierrechte verwirklichen? 
Helmut F. Kaplan

Hinweis: Beim folgenden Text handelt es sich um die schriftliche Ausarbeitung der gleichnamigen Rede, die am 14. Mai 2011 beim „Event für Tierrechte“ am Kölner Domplatz gehalten wurde.

Ich arbeite nunmehr seit vielen Jahren in der Tierrechtsbewegung. Das ist schon allein wegen des Leidens, mit dem man dauernd konfrontiert wird, keine besonders angenehme Tätigkeit. Und das letzte Jahr war besonders schwierig. Denn BIS vor einem Jahr konnte man sich sagen: Wenn es uns nur gelänge, die Menschen über die grauenhaften Fakten im Zusammenhang mit der Fleischproduktion aufzuklären, sie hinreichend zu informieren, dann würden sich die Dinge schon in die richtige Richtung verändern.

Diese Sicht war völlig falsch: Die grauenhaften Fakten im Zusammenhang mit der Fleischproduktion SIND nun – im Zuge der Foer-Duve-Debatte – ein Jahr lang in allen Zeitungen, Magazinen und Sendungen verbreitet worden – und: Geändert hat sich gar nichts!

Überblickt man einen längeren Zeitraum, kann man auch die eindeutigen RÜCKSCHRITTE nicht übersehen. So war etwa das ethische Element in der Tierrechts- bzw. Vegetarismus-Diskussion schon einmal viel präsenter. In den 80er- und 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts war doch tatsächlich von der „Befreiung der Tiere“ die Rede. Heute wüsste kaum jemand mehr, was denn damit überhaupt gemeint ist. Und der politische Einfluss der Tierrechtsbewegung war damals auch stärker, so wurde beispielsweise ganz konkret die Schließung von Zoos erwogen.

Außerdem: Trotz gegenteiliger Gerüchte und gefühltem Vegetarismustrend STEIGEN Fleischproduktion und -konsum de facto dauernd. Schließlich: Die obszöne Selbstverständlichkeit, mit der heute wieder für Pelz geworben und in Pelz posiert wird, hätte man sich noch vor wenigen Jahren auch nicht (alp)träumen lassen.

Angesichts solcher Entwicklungen ist von denen, die sich für Tierrechte einsetzen, nichts weniger als ein Kunststück gefordert – kein kleines, sondern ein großes: Wir sollen realistisch sein und bleiben, diese Situation seelisch ertragen – und auch noch eine positive Zukunftsperspektive haben! Denn wir können die Tiere in ihren Folter- und Todesgefängnissen ja nicht im Stich lassen!

Ein Wort noch zum notwendigen Realismus: In der Tierrechtsbewegung gibt es eine fatale Tendenz zu MANGELNDEM Realismus: Viele verkehren fast ausschließlich unter ihresgleichen und dies führt leicht zu einem völlig irrealen und irrationalen Optimismus á la „Vegetarier-Zahlen schon wieder gestiegen!“, „Vegan ist in!“ usw. Überspitzt formuliert: Die Leute bleiben in ihrer Vegan-WG hocken und halten die dann für die Welt. Eine REALISTISCHE Wahrnehmung ist aber die unabdingbare Voraussetzung jeglichen Erfolgs. Denn nur wer die Wirklichkeit realistisch wahrnimmt, hat eine Chance, sie wirksam zu verändern!

Zur Zukunftsperspektive: Ich denke, da geht es uns allen ähnlich; mir geht es jedenfalls so: Ich überlege ununterbrochen, welches Rezept wir denn nun anwenden, welche Strategie wir denn nun fahren sollten, damit sich ENDLICH etwas in die richtige Richtung bewegt!

Ich plädiere für zweierlei: Erstens BILDER. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte! Zugegeben: Auch Bilder haben bis jetzt wenig bewirkt. Aber wenn schon das stärkste Instrument zuwenig bewirkt, müssen wir es eben noch massiver einsetzen! Fest steht jedenfalls: WENN sich irgendwo etwas bewegt, dann immer erst, nachdem es starke Bilder gegeben hat: Der ABU GRAIB-Folterskandal wurde durch Fotos und Videos aufgedeckt. Im VIETNAMKRIEG waren es die Bilder, die ab einem gewissen Zeitpunkt das Geschehen bestimmten. Und die Reaktionen auf WIKILEAKS waren nicht zuletzt deshalb so hysterisch, weil WikiLeaks die Post-Vietnam-Strategie der Bilderzensur besonders spektakulär durchkreuzte.

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Die Sache hat leider eine Kehrseite: Auch die Wirkung des besten Bildes kann durch wenige Worte zunichte gemacht werden. Durch religiöse, ideologische, weltanschauliche „Filter“ nämlich, die sich quasi zwischen Bilder, sprich: die Realität, und den Betrachter schieben. Ein Beispiel: In dem kürzlich erschienen Buch „Soldaten“ (von Sönke Neitzel und Harald Welzer) wird – einmal mehr – dramatisch veranschaulicht, wie erschütternd schnell aus ganz normalen Menschen brutale Mord- und Foltermaschinen werden können.

Was passiert da? Die Täter sehen zwar die „Bilder“, die aktuelle Realität: weinende Menschen, verzweifelte Menschen, um ihr Leben bettelnde Menschen usw. Aber diese „Bilder“ verfehlen ihre mögliche und wünschenswerte Wirkung. Warum? Weil sich die Täter sagen: In Wirklichkeit sind das doch gar keine richtigen Menschen! Sondern minderwertige Menschen, Untermenschen, gar keine Menschen, Ungeziefer usw.

Diese für die Opfer tendenziell tödliche Umdefinierung bzw. „moralische Herabstufung“ kann schnell wieder rückgängig gemacht werden. Etwa durch einen politischen Friedensschluss, der die betreffenden Menschen (wieder) zu Verbündeten oder dergleichen erklärt. Ebenso schnell kann die ursprüngliche „Herabstufung“ erfolgen: Jüdische Nachbarn beispielsweise, mit denen man jahrelange freundschaftliche Beziehungen pflegte, konnten sich im „Dritten Reich“ binnen kürzester Zeit in Personen verwandeln, mit denen man absolut nichts mehr zu tun haben wollte.

Eine analoge „Bildervernichtung durch Worte“ findet in Bezug auf Tiere statt: Die Menschen sehen zwar – in Tierfabriken, Schlachthöfen, Versuchlabors usw. – die leidenden Tiere, denken aber sofort: Ja, gut, sieht schon schlimm aus – aber es sind Tiere, keine Menschen. Und Tiere sind nicht nach Gottes Ebenbild erschaffen, haben keine unsterbliche Seele, sind nicht „vernunftbegabt“; die kriegen das alles auch nicht so richtig mit usw.

Und diese „Bildervernichtung durch Worte“ wirkt noch wesentlich stärker als im Hinblick auf Menschen! Erstens existieren diese – hier wohl primär religiösen – „Filter“ seit Jahrtausenden. Und zweitens ist es natürlich bei Mitgliedern anderer Spezies ungleich leichter, sich einzureden, daß sie eigentlich überhaupt nicht so sind und überhaupt nicht so empfinden wie wir.

An die Stelle dieser „BILDERVERNICHTENDEN“ DOGMEN sollen – neben biologischen Fakten – ETHISCHE PRINZIPIEN treten! Einfache, einleuchtende ethische Prinzipien. Zum Beispiel: Gleicher Schmerz ist gleich schlecht, egal ob er von Weißen, Schwarzen, Frauen oder Tieren erlebt wird.

Zur ersten Strategie BILDER soll also die zweite Strategie ETHIK kommen – um sicherzustellen, dass die Bilder ihre Wirkung nicht verfehlen. Also: Erstens BILDER, die die grausame Realität anschaulich zeigen. Zweitens ETHISCHE PRINZIPIEN, die sicherstellen, dass diese Bilder auch richtig wahrgenommen werden – und nicht durch irgendwelche Thesen, Theorien oder Hirngespinste neutralisiert oder verfälscht werden.

Die Tierrechtsbewegung IST nämlich die konsequente und notwendige Fortsetzung anderer Befreiungsbewegungen wie etwa der Befreiung der Sklaven oder der Emanzipation der Frauen. Aber das müssen wir SAGEN und das müssen wir ZEIGEN. Und beides funktioniert nur mit klaren ethischen Aussagen, nicht mit kranken geistigen Verrenkungen – wie etwa: „Weniger Fleisch essen!“

Wir fordern ja auch nicht „Weniger Foltern!“ oder „Weniger Vergewaltigen!“ Warum? Weil Foltern und Vergewaltigen IMMER falsch sind. Und Tiere zu essen, ist auch IMMER falsch – egal, wie wir sie aufziehen und an welchen Wochentagen wir sie essen.

Deshalb ist dieses Gerede von „Bio“ und „fleischfreiem Montag“ und so weiter und so fort pures Gift – weil wir damit unser eigenes Hauptargument zunichte machen: Leidensfähige Lebewesen für einen kurzen Gaumenkitzel umzubringen ist ein durch nichts zu rechtfertigendes Verbrechen.

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