Zwischenruf: Zwischen Pisa und Hühnerstall Drucken E-Mail

Szenen einer Hühnerhaltung – eine Provinzposse

Ein Zwischenruf von Harald Hoos



Nein, ich spreche nicht von einer Hühnerhaltung in einer norditalienischen Stadt, die für ihr schiefes Wahrzeichen bekannt ist. Ich spreche von einer Hühnerhaltung an einer gehobenen deutschen Bildungseinrichtung. Diese Hühnerhaltung ist aber mindestens genau so schräg, wie der oben erwähnte Turm von Pisa.
Jetzt sollte aber erst einmal umrissen werden, um was es eigentlich geht. Dabei werde ich mich auf die wesentlichen Eckpunkte beschränken, da sonst auch der Leser in eine Schräglage - bedingt durch Ermüdung - verfällt.

Sommer 2006. Am Otto-Hahn-Gymnasium in Landau haben die Abgänger des Abiturjahrgangs der Schule unvermittelt "Otto den Hahn" als Abschiedsgeschenk vermacht. Ein lebendes Federvieh. Was tun? Eltern argwöhnten schon, dass die Hühnerhaltung wohl ein Versorgungs- und Disziplinproblem nach sich ziehen könnte, wenn Otto der Hahn am Gymnasium einziehen würde. Er zog ein – das Problem kam.

Es dauerte nicht lange, bis Schüler dem Tierschutz mitteilten, man solle sich mal die Hühnerhaltung an der Schule anschauen. Es wäre wohl alles nicht so optimal. Otto hatte inzwischen weibliche Mitbewohner bekommen. Futter und Wasser waren dann öfters an Wochenenden und in den Ferienzeiten knapp, die Ausstattung des Stalls ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Unvoreingenommen und mit der Hoffnung schnell eine Verbesserung der Lebensumstände der Hühner erwirken zu können, wandten sich die Tierschützer an die Schulleitung. In der Schulleitung herrschte wohl jedoch die Meinung, Tierschützer seien Personen, die auf Grund ihres überspannten Verhaltens und ihrer verzerrten Wahrnehmung – welcher normale Mensch sorgt sich schon um ein paar Hühner an einer Schule, wo es doch z.B. den zahllosen Hühnern in Legebatterien viel schlechter geht?
 
Vor diesem Hintergrund wurden die zwei Tierschützer von dem Schulleiter, Herrn Straßner, und seiner Stellvertreterin bei einem Gespräch milde belächelt. Frau Pfirrman, die stellvertretende Schulleiterin, erklärte dann den Tierschützern das pädagogische Konzept: Das Ganze sei ein Projekt der Schüler, mit dessen Hilfe die Schüler Eigenverantwortung und Disziplin lernen sollen. Die Lehrer würden da nicht eingreifen. Aha!
War der Tamagotchi-Boom 2006 nicht schon vorbei? Sie erinnern sich, Tamagotchis, diese virtuellen Haustiere in Form kleiner schlüsselanhängerähnlichen Elektronikteile, die mikroprozessorgesteuert nach Pflege und Futter krähten, per Display Liebeszuneigungen einforderten, die ihnen dann per Tastendruck erteilt wurden? Vergaß der Elektronikpfleger sein bit- und bytegesteuertes Hosentaschentier, stand dann irgendwann "R.I.P." im Display und mittels „Reset“ wurde reanimiert bzw. reinkarniert. Nur bei einem lebendigen Huhn gibt es weder eine Reset-Taste noch sind Bits und Bytes im Spiel. Hier ist Hunger, Schmerz, Gefühle und Blut im Spiel.
Nun, nach dieser pädagogisch wertvollen Aussage der stellvertretenden Schulleiterin, getroffen, während dem Schulleiter in lässiger Sitzhaltung ein Grinsen über das Gesicht rann, waren zwei Standpunkte geschaffen, die nicht weiter voneinander entfernt sein konnten.
Die folgenden Monate und Jahre lassen sich schnell zusammenfassen: Wochenende oder Ferien = zeitweise Futter und Wassermangel. Was nützt es da, dass der Stall inzwischen – zugegebenermaßen – recht komfortabel ausgestattet wurde? Hunger in einer Villa ist das gleiche Gefühl wie Hunger in der Gosse!
Die Tierschützer, inzwischen engagierte sich auch zwei Aktivisten von pro iure animalis in der Sache, dokumentierten, prangerten an, boten weitere Gespräche an, boten Unterstützung an; aber es waren ja die entrückten Spinner.
Inzwischen im Jahr 2009 angekommen, also das Jahr 3 n.O. (n.O. = nach Otto), war wieder Wassermangel in der Sommerzeit bei den Hühnern. Mindestens 24 Stunden, mutmaßlich jedoch eher 48 Stunden, starrten die Hühner in eine trockene Tränke. Zwei Telefonate fanden statt an diesem Tag zwischen dem Chefpädagogen und den Tierschützern. Um den Misstand amtlich zu dokumentieren, holten die Tierschützer die Polizei auf den Schulhof. Denn auch die beiden Telefonate im Abstand von zwei Stunden zeigten keine Wirkung und brachten den Hühnern nichts Durststillendes. Der Schulleiter ließ dann die Tierschützer, die sich gerade mit der Polizei auf dem Schulhof befanden, durch die Polizeibeamten des Platzes verweisen. In der Zeitung stand dann später zu lesen, die Tierschützer hätten Herrn Straßner bis spät in die Nacht mit Telefonaten terrorisiert.
Um das ganze ebenfalls aus tierschutzrechtlicher Sicht aktenkundig zu bekommen, hat pro iure animalis Anzeige wegen mutmaßlichem Verstoß gegen das Tierschutzgesetz erstattet. Denn in diesem Gesetz steht in § 2 geschrieben: Wer ein Tier hält, betreut oder zu betreuen hat, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen.
Zugegeben, uns Tierschützern ist hier ein taktischer Fehler unterlaufen. Denn immer, wenn der ebenfalls verständigte Amtsveterinär nach einem Eklat  in den darauffolgenden Tagen vor Ort kam, waren die Huhn-Betreuer sensibilisiert. So fand der Veterinär immer eine scheinbar intakte Hühnerhaltung mit ausreichend Futter und Wasser vor; jedoch gibt es genügend Zeugen und ausreichend Fotomaterial, die den temporären Mangelzustand dokumentieren.
Inzwischen war auch die Aufsichtsbehörde für Schulen eingeschaltet und diese drängte auf einen Dialog. Ein begrüßenswerter Schritt.
In großer Runde, zehn Personen am Tisch –  Tierschützer und Vertreter von pro iure animalis, Schulleitung, Schulaufsicht, Projektleiter und Schüler – eröffnete der Schulleiter den Dialog mit dem berühmten Geschick eines Elefanten im Porzellanladen. Er ging zuerst auf seinen erdachten Telefonterror ein und wusste dann zu berichten, dass der Amtsveterinär eine Einladung zu der Runde ausschlug und den Rat gab, sich mit den Tierschützern nicht zu unterhalten, da die doch nur auf Krawall aus wären. Dass es der Schulleiter mit der Wahrheit nicht so genau nimmt war ja bereits bekannt und bestätigte sich erneut, als der besagte Amtsveterinär später eine solche Aussage glaubhaft bestritt. Weitere Nicht-Wahrheiten aus dem Mund des Schuldirektors folgten.
Wir wussten inzwischen auch von Straßners Auffassung, dass sich Leute wie Tierschützer lieber um arme Kinder kümmern oder sich bei der "Tafel" für Bedürftige engagieren sollten, als hier um ein paar Hühner sich zu bemühen. Ich möchte nun nicht dezidiert ausführen, warum dieses Gespräch kein Erfolg wurde. Jeder Leser darf hier gerne seine Phantasie spielen lassen.
Immerhin: Ein Futterspender und eine automatische Tränke wurden installiert – ein Garant dafür, mangelnde Pflege und Aufsicht auszugleichen.
Die Aktivisten von pro iure animalis und die weiteren Tierschützer waren schon geneigt, es bei den gegebenen Bedingungen auf sich bewenden zu lassen – Futter und Wasser waren nun vorhanden – und formulierten dies auch gegenüber der Aufsichtsbehörde dementsprechend. Über jegliches Fehlen eine pädagogischen Konzeptes war man bereit hinwegzusehen. Doch dann kam der Tag X:
Ein krankes Huhn saß im Stall. In dem Stall, aus dem es inzwischen stark roch, in dem eine Tränke stand, die den Hühnern nur noch Wasser spendete, in dem Schlamm und Fäkalien gelöst waren. Denn Hühner scharren bekanntlich und wenn eine Wassertränke auf dem Boden steht, wird auch diese vollgescharrt. Zu diesem Zeitpunkt war die automatische Wassertränke auf Grund der harten und frostigen Witterungsbedingungen – verständlicherweise – außer Betrieb. An der notwendigen Versorgung und Wartung der manuellen Tränke haperte es wieder.
Aber zurück zu dem kranken Huhn. Der Kamm war blaugefärbt bei dem Tier, das mit eingezogenem Kopf apathisch im Eck saß. War jetzt eine Infektion ausgebrochen? Eine aus veterinärmedizinischer Sicht durchaus berechtigte Frage. Niemand, der sch zuständig fühlte, war an diesem Samstag in der Schule zu erreichen, also benachrichtigten wir den Amtsveterinär, der vor Ort kam und ebenfalls Handlungsbedarf sah. Er wies den inzwischen ebenfalls eingetroffenen Schulleiter an, das Tier zu einem Tierarzt zu bringen. Lange Rede, kurzer Sinn: das Huhn verstarb wenig später. Das Tier wurde dann ans Landesveterinäramt Koblenz überstellt und untersucht. Leider kennen wir den genauen Inhalt dieses Berichtes nicht. Doch wir kennen den Vorwurf der Schule gegen uns: Wir hätten einen Aufstand um ein gesundes Huhn gemacht, das dann an Altersschwäche verstarb.
Es ist hier sicher erlaubt, eine Mutmaßung bezüglich des Befundes anzustellen: Es scheint Fakt zu sein, dass – glücklicherweise – keine Infektion vorlag. Das ist wahrscheinlich mit "gesund" gemeint. Doch ein gesundes Huhn? Schickt der Amtsveterinär den Schulleiter mit einem gesunden Huhn zum Tierarzt? Ist ein Huhn gesund, wenn schon offensichtlich Durchblutungsstörungen (blauer Kamm) vorliegen? Ein Tierarzt, der die Bilder sah und eine kurze Beschreibung der Situation erhielt, urteilte spontan: akute Atemnot!
Das war an einem Samstag. Nun wissen wir seitens der Schule von dem Projektleiter Herrn Kuhfahl, dass ihm das Problem seit Dienstag zuvor bekannt war. Warum muss dann ein Huhn so lange leiden? Warum waren sich die betreuenden Personen absolut sicher, dass sich keine Infektion im Hühnerstall ausbreitet?
Herr Straßner handelte nun blitzartig: er ließ die Hühner in ein unbekanntes Exil wegbringen.

Soweit der tierische Teil der Geschichte. Nun folgt der Menschliche.
Ein Aufschrei ging durch die Schule: Ideologisch verblendete Tierschützer, die Kindern keine Hühnerhaltung gönnen, haben es nun mit blinder Hartnäckigkeit geschafft, die Hühner ins Exil zu vertreiben. So lässt sich das Urteil in einem Satz zusammenfassen.
 
Die regionale Presse wurde dafür gewonnen, auf den Tierschützern rumzuhacken. Wer den Zeitungsbericht initiiert hat, wissen wir nicht. Doch wir wissen, dass der Bericht eine journalistische Bankrotterklärung war. Frau Sabine Schilling, die Verfasserin des Beitrags, befand es nicht für nötig sich nach unserem Standpunkt zu erkundigen und übernahm wohlwollend alle Halb- und Nicht-Wahrheiten ihrer Informanten.
Ein Journalismus, den man bestenfalls aus der Boulevardpresse oder eher aus anderen Staatsformen kennt und üblicherweise als gezielte Desinformation beschreibt.

Scheinbar die ganze Schule echauffierte sich daraufhin. Die ganze Schule? Nein! Bei genauer Betrachtung kristallisiert sich heraus, dass nur ein knappes Dutzend Eltern lautstark, aber mit wenig Wahrheitsgehalt, das Wort ergriffen hat. Die meisten sind dem Schulelternbeirat zuzuordnen: bis ins Fernsehen trieb Volkes Zorn die Hühnergeschichte.

Eine Frage ist hier allerdings von zentraler Bedeutung: Wo waren denn diese Eltern die ganze Zeit vorher?
Keiner von ihnen hat in den drei Jahren der Auseinandersetzung sich zu Wort gemeldet!

Einen guten Nebeneffekt hatte der Fernsehbericht allerdings. Für den Beitrag hat der Sender auch mich zu einem kurzen Statement vor der Kamera an den Ort des Geschehens eingeladen. Viele Schüler waren ebenfalls vor Ort, von denen dann ein paar wenige auch im persönlichen Gespräch am Rande der Dreharbeiten ihrem Unmut über die Tierschützer Luft machten. Angesprochen auf die Versorgungsmissstände kamen dann schnell drei wichtige Aussagen aus Schülermund zutage:
1. Ja, das mit dem Futter- und Wassermangel war immer, wenn eine bestimmte Schülergruppe für die Betreuung eingeteilt war,
2. Unterricht ist halt wichtiger wie Hühner versorgen, das geht vor,
3. ist doch nicht so schlimm wenn da mal ein Moment kein Wasser da ist. Aha!

Die tobende Elterngruppe lief nun zu Höchstform auf und hat wohl ihre Sprösslinge auch angespornt und instrumentalisiert. Denn das Gästebuch von www.pro-iure-animalis.de wurde traktiert. Erst einmal mit Nachrichten, die zu 80% anonym versandt wurden, da anonym-sein bekanntlich stark und hemmungslos macht! Beleidigungen wurden perfide mit Falschbehauptungen gemischt. Soziale Kompetenz in Reinkultur wurde gezeigt und vorgelebt.
Da wir nicht gewillt waren, hier noch mehrere Nebenkriegsschauplätze aufzutun, haben wir diese Beiträge gesperrt und auf die üblichen gewünschten Umgangsformen in einem Gästebuch hingewiesen. Hätten wir dies nicht getan, wäre uns freilich die Möglichkeit offen gestanden, ja wäre es sogar zwingend notwendig gewesen, gegen einige Einträger juristisch vorzugehen. Da kam dann aber schon die nächste Tirade. Wie wir uns erdreisten können, diese Beiträge zu sperren! Das ist doch ... Ja genau, Sie haben richtig geraten: ZENSUR! Und mit dem Wort Zensur kann man jeden auf seine Seite ziehen.
 
Frau Dr. Sabine Neckenich, auch im Schulelternbeirat, warf uns öffentlich in einem Leserbrief als Reaktion auf die Zeitungsberichterstattung Zensur vor.
Ist es Zensur, wenn ich jemandem quasi darin die Hand reiche, dass ich seine schriftlich getätigte Beleidigungen wohlwollend aus meinem Gästebuch, in dem ich Hausrecht habe, entferne und ihm somit ihm signalisiere, dass er sich wohl vertan hat?

Im Übrigen sind sachlich differenzierten Darstellungen nicht die Stärke von Frau Dr. Neckenich.  Behauptet sie doch in ihrem Leserbrief, wir hätten diffamierende Briefe an den Bischof von Speyer geschrieben.
Welche Briefe mit welchem Inhalt wird natürlich bei derartiger Polemik ausgelassen, die mit der Sache ferner absolut nichts zu tun hat. Kritik an kirchlichen Würdenträgern ist für manche Menschen ein Tabu, zumal für Personen, die eine starke Affinität zu kreationistisch-biblischen Inhalten haben.

Doch zurück zu unserem Gästebuch.
Neben den schon erwähnten Beschimpfungen wurde uns stupide und monoton unterstellt, wir hätten nie das Gespräch mit der Schule gesucht. In der Zeitung brachte Herr Straßner seine Hoffnung zum Ausdruck, wir würden ein erneutes Gesprächsangebot der Schulelternsprecherin, Frau Beate Hahn (zugegeben, bei dem Namen musste ich schmunzeln ...), annehmen.
Wer aber ist Frau Hahn? Den Namen lasen wir alle in dem besagten Artikel zum ersten Mal, ein Gesprächsangebot wurde uns von ihr nie unterbreitet. Also wie etwas annehmen, das nie angeboten wurde?
Neben diesem dubiosen Angebot wurden aber unsererseits an sieben Personen der Schule, Personen, die mit Name und E-Mail-Adresse in unserem Gästebuch auftauchten, Gesprächsangebote unterbreitet. Und nun dürfen Sie raten, wie viele Reaktionen kamen. Richtig: Null! Nein, nicht ganz.
Frau Waltraud Schmitt korrespondierte kurz mit mir per E-Mail und gab zu verstehen, sie wisse über alle Vorgänge bezüglich der Hühner Bescheid und bräuchte sich bei uns nicht zu informieren.
Gibt es eine Möglichkeit, sich deutlicher jeder Erkenntnis zu verweigern?
Ist es wirklich so schwierig mit einem Tierschützer zu reden? Vielleicht haben einige Leute ein Problem damit, dass Tierschützer in der Regel ein Attribut haben, welches in unserer Gesellschaft oftmals auf Argwohn stößt: Sie arbeiten hartnäckig mit Überzeugung an einer Sache. Einer Sache, die einen sensiblen Bereich betrifft, nämlich Ethik und Mitgefühl und das nicht gegenüber Menschen, sondern gegenüber unseren tierischen Mitschöpfen. Also in mehrfacher Hinsicht eine derbe Herausforderung für manch einen Zeitgenossen in einer anthropozentrischen Welt, in der eine gewisse Verrohung und Blindheit gegenüber unseren Mitkreaturen schon fast ein Muss ist.
Doch kann dies eine Erklärung dafür sein, allergisch auf uns zu reagieren?
 
Apropos allergische Reaktion. Eine solche Reaktion legt der Schuleiter schon dann an den Tag, wenn er mich sieht. Anders lassen sich seine verbalen Entgleisungen mir gegenüber nicht erklären. Seine Kernaussage ist, dass er mich für niveaulos hält. Um hier zumindest ein Zeichen zu setzen, habe ich ihm schriftlich die Möglichkeit geboten, sich zu entschuldigen. Nicht dass ich mit einer Entschuldigung gerechnet habe, aber seine Reaktion hat schon eine besondere Note. Er teilte mir mit, dass er nicht wisse, für was er sich entschuldigen solle und im Übrigen lasse er sich nicht auf mein Niveau herab, so der Auszug aus einer E-Mail.
 
Der Leserbrief von Frau Iris Zerger bringt die Hoffnung zum Ausdruck, dass Menschen, die für Tierschutz spenden, dies nur an seriöse Organisationen tun. Im unserem Internet-Gästebuch wurde gar geargwöhnt, wir würden für unsere widerliche Arbeit sicher auch noch öffentliche Gelder erhalten. Ich kann alle beruhigen: Wir erhalten keine öffentliche Gelder! Unser fanatisches, verblendetes Sektierertum – um hier bei den Worten von Frau Zerger zu bleiben – finanzieren wir mit großem Idealismus aus eigener Tasche. Denn Tierschützer und Tierrechtler, die wirklich Finger in Wunden legen, erhalten keine öffentlichen Zuschüsse.

Aber vielleicht kann ich ja dieses Thema vortragen, wenn ich als Vertreter von pro-iure-animalis Mitte April auf Einladung einer Bundestagsfraktion zum Thema Tierschutz und Tierschutzgesetz in einer öffentlichen Anhörung in Berlin sprechen werde.

Ein weiteres Stilmittel in der üblichen Auseinandersetzung mit Tierschützern muss ich einfach noch aufgreifen, das auch in diesem vorliegenden Fall wieder in Reinkultur Anwendung gefunden hat: der Verweis auf scheinbar schlimmere Missstände und somit die Verschiebung des Focus von der eigenen Tat auf die Anderer. Um im vorliegenden Fall zu bleiben: vielfach haben wir das Argument gehört, kümmert euch doch mal um die Massentierhaltung, das ist viel schlimmer!
Keine Sorge – wir kümmern uns darum! Es ist gerade Ostersonntag, während ich diesen Text schreibe. Meine Kollegen von pro iure animalis sind auf dem Weg nach München. Dort findet ein Kreuzzug der Tiere statt, bei dem auf das Leiden unserer Mitkreaturen aufmerksamgemacht wird. Es wird u.a. auf Massentierhaltung hingewiesen und auch auf die Perversion, die dazu führt, dass christliche Feste wie Ostern und Weihnachten in der Tierrechtsszene gerne als Tiermordfeste bezeichnet werden. 
Wer macht sich Gedanken über das Leid eines Osterlamms oder einer Weihnachtsgans, welches diese durchleben muss, bevor sie auf dem Festtagsteller landet? Die Leserbriefschreiber, die Mitglieder der Bibelkreise, die tobenden Eltern oder gar der Bischof von Speyer?

Ein kurzes Fazit.
Falls Sie, liebe Leser, es im Zuge dieser Ausführungen vergessen haben sollten: Wir sprechen von einer Hühnerhaltung an einem Gymnasium! Etwas reduziert zusammengefasst haben die Schüler gelernt, wenn wir sch... bauen, müssen wir nur schauen, die richtigen Leute auf unsere Seite zu ziehen - und im Fall Schüler sind das zunächst die Eltern. Denn welche Eltern gestehen schon gerne öffentlich ein, dass ihre Sprösslinge sich heftigst vertan, ja sogar vielleicht versagt haben? Elterlicher Stolz und der Beschützerinstinkt überwiegt.
Dann bleibt in diesem Fall noch die Schule in Form von Schulleitung und Lehrern, die sich auch nicht gerne in der öffentlichen Kritik sehen; somit haben wir eine solide und starke Personengruppe, die ohne weitere Absprache mit der stupiden Behauptung, es sei alles ganz toll und prächtig gewesen, jeder berechtigten Kritik entgegentreten kann. Das ganze noch ein bisschen untermalt und ausgeschmückt mit ein paar diffamierenden Versatzstücken und die Sache ist im Griff.
Sie merken es schon, einen gewissen Zynismus kann ich mir nicht verkneifen – und ich will es auch nicht. Ist es doch so, dass an einer solchen Bildungseinrichtung die Elite unseres Landes heranerzogen wird: die Akademiker der nächsten Generation. Ist in diesem Fall eine solche Lektion nicht sogar hilfreich? Kennen wir nicht gerade aus dem Bereich Gesellschaft und Politik das Gebaren, anstatt sich sachbezogen mit einem Thema auseinander zu setzen, eine Schlammschlacht loszutreten?
Und vor diesem Hintergrund musste ich bei dem Leserbrief von Herrn Christian Rong dann erneut schmunzeln. Da steht geschrieben, dass man dieser Tierschutzorganisation, die zudem gar kein eingetragener Verein wäre (ja stimmt, dazu fehlt uns einfach der Sinn für die Vereinsmeierei), einfach Hausverbot erteilen solle, denn es gäbe ganz andere Probleme in unserer Gesellschaft, für welche die Schuleltern die gesamte Aufmerksamkeit der Schulleitung und der Lehrerschaft bräuchten. Da gebe ich Herrn Rong bedingungslos Recht! Meine vorangegangenen Ausführungen, speziell die zwei voranstehenden Absätze, belegen dies.

Ach ja, und beinahe hätte ich es vergessen. Wir haben ja von allem keine Ahnung und stellen uns über das Urteil von Experten. So war es zu lesen, wenn es um das kranke Huhn geht, das ja nach der Lesart der Schulgemeinschaft nicht krank sondern nur altersschwach war. Nur wird übersehen, dass wir in unseren Reihen eine Dame haben, die erfolgreich das Studium der Veterinärmedizin mit anschließender Promotion absolviert hat.
Es sei an dieser Stelle erlaubt – auch wenn dies sicher wieder als Provokation aufgefasst wird – zu fragen, wer in dem sich echauffierenden Personenkreis tiefgreifende Erfahrung mit Hühnerhaltung und Hühnererkrankungen hat und somit die Kompetenz aufweist, die Haltung an der Schule zu klassifizieren und zu beurteilen?

Jetzt bleibt nur noch eine Frage offen: Wo sind die schweigenden Hühnerhaltungs-Kritiker aus Reihen der Schulgemeinschaft, wo bleibt die Zivilcourage jenseits der Anonymität? Schließlich haben zuerst Schüler auf den Missstand mit den Hühnern aufmerksam gemacht und auch Eltern haben zu Beginn des Projekts Bedenken geäußert. Es fällt uns allen schwer zu glauben, dass diese Personen nun auch in den Chor einstimmen, dass es den Hühnern prächtig gegangen ist und diese in luxuriösen Umständen gelebt haben.

Auch wenn es jedem Leser inzwischen klar sein dürfte, sei noch mal erwähnt: Wir haben nicht generell etwas gegen eine Hühnerhaltung an einer Schule einzuwenden. Im Gegenteil. Mit der entsprechenden Betreuung sehen wir in einem solchen Projekt durchaus eine Chance, das Bewusstsein für Tiere, die Tierrechte und den Tierschutz bei Schülern zu wecken. Die Betonung liegt hierbei auf der nötigen Betreuung und Begleitung.
Nichts desto trotz sehe ich es bei dem vorliegenden Fall inzwischen so, dass das Otto-Hahn-Gymnasium in Landau besser hühnerfrei bleiben sollte und die verbleibenden sechs Tiere in ihrem Exil endlich eine neue Heimat mit huhngerechteren Bedingungen erleben dürfen.

 


Share |