Von der Jagd und den Jägern Drucken E-Mail


Im seinem Buch "Von der Jagd und den Jägern - Bruder Tier und sein Recht zu leben" zeigt der deutsche Biologe und ehemalige Jäger Dr. Karl- Heinz Loske auf, dass die heutige Jagd schon lange nicht mehr im Einklang mit natürlichen Prozessen steht. Entsprechende Behauptungen der Jägerschaft entlarvt er als Mythen und stellt ihnen empirisch fundierte Tatsachen gegenüber. Sein Buch ist eine eindringliche Aufforderung an die Jäger, über sich selbst, ihre Mythen und ihr Tun nachzudenken. Dieser Artikel geht auf einige Argumente ein, welche Dr. Loske in seinem Buch zusammengetragen hat.

Der Mythos, Jäger seien Heger


Trotz veränderter Umweltbedingungen (Zersiedlung der Landschaft, grossflächige Monokulturen, Düngung, Biozide usw.) wächst der Schalenwildbestand (1) (Reh-, Hirsch-, Schwarz-, Muffel- und Damwild) in Deutschland kontinuierlich an. Grund dafür ist vor allem die intensive Hege und Fütterung sowie eine Bejagung der Tiere, welche zum Bestandesaufbau beiträgt. Jäger verstehen unter Hege an allererster Stelle die Wildfütterung. Die Futtermittel stammen aus der Viehhaltung. Zum Einsatz kommen unter anderem Heu, Mais, Silage, Rüben, Kartoffeln, Kraftfutter, Backwaren und sogar Schlachtabfälle. Hinzu kommen Salze zur Verbesserung der Mineralstoffversorgung und als Anreiz zur vermehrten Nahrungsaufnahme, sowie Wirkstoffe zur besseren Geweihbildung. Oft werden zur Prophylaxe gegen Krankheiten und Parasiten sogar Medikamente beigemischt. Dabei erfolgt die Fütterung keineswegs nur zu Notzeiten, sondern das ganze Jahr hindurch.

Karl-Heinz Loske: "Bei näherem Hinsehen stellt sich schnell heraus, dass es hier nicht um Mitgefühl für das hungernde Wild oder etwa um gemeinnützige Arbeit geht, sondern um ureigene Jagdinteressen. So ist die Wildtierfütterung für den Jäger aus mehreren Gründen interessant. Sie lockt wandernde Tiere an und bindet sie an das eigene Jagdrevier. Tiere, die nicht mehr in der Lage sind, harte klimatische Bedingungen, Nahrungsmangel, Parasiten oder andere Krankheiten aus eigener Kraft zu überstehen, werden am Leben erhalten und können ihr für die Wildbahn ungeeignetes Erbgut weiter vererben. Anstelle einer Auslese durch winterliche Nahrungsengpässe steigt so die Wilddichte und damit der Jagderfolg."

Ziel ist, mit Hilfe der Fütterung grössere Geweihe und Gehörne sowie mehr Wildbret (2) zu erreichen. So wird die winterliche Fastenzeit, in der Hirsch und Reh die Rohfaser von Baumrinde und Knospen brauchen, zur Mastzeit mit unnatürlicher Kraftnahrung, auf die der für die Winterruhe eingestellte Verdauungstrakt gar nicht vorbereitet ist. Wildtiere brauchen keine Fütterungen, weil der Winter für sie eine ganz normale Sache ist. Schwache und kranke Tiere werden von der Natur im Winterhalbjahr herausselektiert. Gesunde Rothirsche zum Beispiel kommen monatelang ohne Nahrung aus, und das Rehwild kann sogar in den Hochlagen der Alpen überwintern. Wildfütterungen sind für die Tiere schädlich. Zudem sind sie eine der Hauptursachen für die Zunahme der Wildschäden, wie wir noch sehen werden. Neben der Wildfütterung wird von Jägern auch das gezielte Töten von Tieren als Hege bezeichnet. So stellen sie z.B. bei den Futterstellen Fotofallen auf, um das Fressverhalten der Tiere zu beobachten und um herauszufinden, wie sie sich entwickeln und wann man sie am besten abschiessen kann. Jüngere Männchen, deren Geweih sich aller Voraussicht nach prächtig entwickeln wird, werden weiter gefüttert und gehegt, damit Jäger sie dann später, wenn ihr Geweih zu kapitaler Grösse herangewachsen ist, "ernten" und sich ein möglichst grosses, schönes Geweih in die gute Stube hängen können. Mit natürlicher Selektion hat die so bewertete Abschussreife älterer Männchen nichts zu tun. In einer natürlichen Population ist die Sterblichkeit nie auf hohe Altersklassen beschränkt. Trophäenjagd führt deshalb zu einseitigen und künstlich veränderten Altersstrukturen. Ausserdem dürfte es leider häufig vorkommen, dass ein vom Jäger willkürlich selektiertes Tier wichtige Anlagen hat, die der Population nach dem Abschuss fehlen. Gerade wenn alte Tiere abgeschossen werden, ist zu befürchten, dass viele, im Verlauf ihres Lebens erworbene Kenntnisse für eine Population verlorengehen und die vorhandene Sozialstruktur durcheinandergebracht wird.

Der Mythos, der Jäger diene als Raubtierersatz

Die Jagd der Neuzeit hat den Prozess der Ausrottung und Dezimierung vieler Tierarten enorm beschleunigt. Besonders bekannte Beispiele betreffen Wisent, Bison, Auerochse, Wandertaube (siehe unten "Die Geschichte der Wandertaube") und Blauwal. In weiten Teilen Mitteleuropas wurden alle grossen Beutegreifer wie Luchs, Braunbär, Wolf, Bartgeier und Steinadler durch die Jagd ausgerottet. Dies war auch das Ziel der Jagd, und oftmals wurde sie durch staatliche Forstverwaltungen systematisch unterstützt. Heute berufen sich die Jäger auf diese durch sie selbst verursachte Lücke. Nun, da es keine grossen Beutegreifer mehr gebe, brauche es sie, die Jäger, um als Spitzenregulatoren die Bestände des Wildes auf natürliche Grössen zu reduzieren. Mit dieser Argumentation sollte es den Jägern eigentlich recht sein, dass Braunbär, Luchs und Wolf momentan überall in Europa zurückkehren. Doch diese Art von Unterstützung wollen die Jäger nicht. Tatsächlich versuchen sie, die Wiedereinwanderung grosser Beutegreifer zu verhindern. Warum? Jäger müssten also zugeben, dass sie entweder nicht gewillt oder sonst unfähig sind, die Funktion grosser Beutegreifer zu übernehmen, die ausschliesslich junge, kranke und geschwächte Tiere erbeuten. Dieses Eingeständnis hätte natürlich verheerende Folgen für die eigene Glaubwürdigkeit. Jäger päppeln Schalenund Niederwild auf und wollen gleichzeitig Spitzenregulatoren sein. Zugleich bekämpfen sie erbarmungslos die noch bei uns lebenden Raubtiere.

Diesen grotesken Widerspruch hat sogar eine grosse Schweizer Tageszeitung in einer sarkastischen Karikatur zum Thema gemacht. Zählt man die Hauskatze dazu, so wurden in Deutschland im Jagdjahr 2003/2004 fast 1 Million Raubtiere geschossen, insbesondere auch der Rotfuchs. Obwohl über 90 % seiner Nahrung aus Mäusen, Regenwürmern, Früchten und Beeren besteht, wird er seit Jahren schärfstens bekämpft. Trotzdem konnte der Fuchsbestand nicht reduziert werden. Denn als r-Stratege (3) mit rascher Fortpflanzung - was die meisten bei uns noch lebenden Beutegreifer sind - kann man dem Rotfuchs durch Bejagung kaum etwas anhaben. Studien zeigen, dass sich eine Population, die sich durch Bejagung ständig bedroht und gefährdet fühlt, stärker vermehrt als eine ungefährdete. Unbejagte Fuchsbestände pendeln naturgemäss um ein niedriges Bestandesniveau.

So wurde z.B. im Kanton Genf nach dreijährigem Jagdverbot ein Rückgang der Fuchspopulation von 12 Familien mit 48 Welpen auf 6 Familien mit 23 Welpen festgestellt. Da der Fuchs für die Tollwut äusserst anfällig ist, wird zudem häufig behauptet, dass die Fuchsbejagung einen Beitrag zur Tollwutbekämpfung leisten würde. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Die Jagd fördert Tollwut-Epidemien. Füchse sind territoriale Tiere. Ihre durch die Jagd erzwungene Abwanderung in fremde Reviere und nachträgliche Kämpfe untereinander unterstützen die Ausbreitung der Seuche erst recht. Nur die Einstellung der Fuchsjagd würde dieses Migrationsverhalten verringern und damit das Tollwutrisiko reduzieren. Wo nicht gejagt wird, gibt es auch bald keine Tollwut mehr. So schrieb der Verhaltensforscher Vitus B. Dröscher: "Ohne die rigorose Bejagung hätte sich das Tollwutproblem vermutlich inzwischen von selber erledigt. Die für die Krankheit anfälligen Tiere hätten sich selbst ausgerottet, und die widerstandsfähigen hätten überall ihren Platz eingenommen."

Der Mythos, die Jagd verhüte Wildschäden

Jäger behaupten, ohne die Jagd nähmen die Wildtiere überhand. Wie bereits erwähnt, widerspricht diese Aussage allen ökologischen Erkenntnissen zu Regulationsmechanismen von Populationen und zur Koevolution von Wild und Vegetation. Begründet wird dieser Mythos vor allem mit den Wildschäden, die durch Schalenwild verursacht werden. So sei die Tragbarkeit der Wälder für Wild längst überschritten und der massive Wildverbiss verhindere die natürliche Verjüngung des Waldes. Tatsächlich behauptet manch ein Förster, dass gerade Menschen, die sich für die Wiederaufforstung einsetzen, auch die Jagd befürworten müssten. "Aus ökologischer Sicht denkt der Förster falsch. Seine Bewertung des Wildeinflusses gilt nicht für natürliche Rahmenbedingungen oder die gesamte Landschaft, sondern orientiert sich ausschliesslich an den monetären Kriterien eines Wirtschaftswaldes, der - wie im Ackerbau - nach menschlichen Vorstellungen von Saat und Ernte funktionieren soll. Schälschäden des Rotwildes sind fast nur in naturfernen Nadelholzforsten ein ökonomisches Problem ... Wildschäden sind niemals ein Schaden für die Natur, sondern allenfalls für Forstbetriebe, die Bäume als Holzproduzenten ansehen und nicht im Einklang mit natürlichen Prozessen wirtschaften", schreibt Karl- Heinz Loske in seinem Buch.

Nicht für alle Baumarten ist Wildverbiss ein Problem: Gerade die heute in Mitteleuropa häufigste Baumart, die Rotbuche, toleriert Wildverbiss insgesamt sehr gut. Aufgrund ihrer wechselständigen Knospen wächst sie auch nach dem Verbiss gerade weiter. In Buchennaturverjüngungen zeigte ein Vergleich gezäunter und ungezäunter Flächen, dass Wildeinfluss sogar der Verjüngung zugute kam und die Jungbäume besser wuchsen, wenn der Einfluss überwuchernder Pflanzen wie Brom- und Himbeere durch Wildverbiss geringer war. Förster müssen die ökologische Aufgabe von Rehen, die ihrer Art gemäss in Wald-Feld Übergangsbereichen leben, verstehen: Durch das Abknabbern der Leittriebe an jungen Bäumen haben manche Baumarten (z.B. Ahorn) keinen Höhenzuwachs mehr. Rehe verhindern dadurch die völlige Bewaldung von Landschaften und stabilisieren gebüschreiche Gehölzsukzessionen (4).

Wichtige Gründe für Wildschäden sind die durch den Verkehr verursachte "Verinselung" von Waldgebieten, die Erschliessung von Lebensräumen für die Erholung und gerade auch die durch die Jagd provozierte Scheu der Tiere. Rotwild ist unter natürlichen Bedingungen tagaktiv und führt weite, saisonale Wanderungen zwischen Sommerquartieren (z.B. Hochlagen) und Winterquartieren (z.B. Flussauen) durch. Rothirsche haben eine Vorliebe für weites offenes Land, denn ihre grossen Geweihe behindern sie innerhalb von Baumbeständen. Heute sind sie jedoch oft in durchgängig bewaldeten Reservaten "eingesperrt" und können nicht mehr wandern. Die Bejagung verhindert sogar das tägliche Umherziehen, weshalb sich Rotwild tagsüber, entgegen natürlicher Veranlagung, im Wald aufhält. Erst nachts traut es sich in die offeneren Bereiche, um Nahrung zu suchen. Dies hat zur Folge, dass aus Langeweile und mangelnder Bewegung grossflächig Rinde abgeschält wird. Nicht Abschuss und Fütterung in Rotwildreservaten ist dafür die Lösung, sondern der grossräumige Aufbau eines Rotwild-Biotopverbundes, der Wanderungen erlaubt. Weiter ist bekannt, dass zwischen der Wildtierfütterung und den Wildschäden an Wald und landwirtschaftlichen Kulturen ein enger Zusammenhang besteht. In Revieren, in denen intensiv gefüttert wird, treten in der Regel auch besonders hohe Schäden im Umkreis der Fütterung auf. Viele Schalentiere verteilen sich nicht mehr im Revier, sondern halten sich vorwiegend im Umfeld der Futterplätze auf. Diese erhöhten Tieransammlungen führen zu Aggression und Stress und nicht zuletzt auch zu Wildschäden. "Doch dass man so Wildschäden provoziert, wird bewusst in Kauf genommen. Denn nun kann man die Jagdzeiten verlängern und sich mit der Waffe den klagenden Förstern und Landwirten andienen. Doch die langen Jagdzeiten helfen nicht, denn das Wild wird dadurch scheuer, zieht tiefer in den Wald und richtet noch stärkere Verbissschäden an - ein Teufelskreis", verursacht also durch die Jagd selbst, deckt Karl-Heinz Loske auf.

Für ihn steht fest, dass man die Zunahme der Wildtiere nicht durch Bejagung reduzieren und so Wildschäden eindämmen kann. Gerade Abschüsse weiblicher Führungstiere (Leitbachen) zerstören die Sozialstruktur einer Rotte (5) und als Folge setzt eine ungehemmte Vermehrung ein. Eine Lösung für (ökonomisch) "zu hohe" Schalenwildbestände müsste wohl aus einem Mix aus Massnahmen bestehen. Als wichtigster Punkt wären Fütterungen zu verbieten. Dann müsste die Landschaft weniger wildschadenanfällig gestaltet werden (z.B. mehr Buntbrachen und Grünland, weniger Mais) und in Gebieten mit starker Erholungsnutzung wären Ruhezonen und Besucherlenkungen unverzichtbar. Dabei sollte man grosses Gewicht auf das gezielte und sparsame Anlegen von Wegen legen. Denn wo es keine Forst- und Wanderwege gibt, entstehen automatisch grössere Ruhezonen. Zur Unterstützung von Biotopvernetzungen braucht es zudem Wildtunnel und Grünbrücken.

Der Mythos, die Tiere würden nicht leiden

Viele Jäger sind schlechte Schützen. Nicht nur, weil die einmal erworbene Schiesskunst bis in das höchste Alter nie wieder überprüft wird, sondern weil es keine gesetzliche Pflicht zu Schiessübungen oder amtlichen Sehtests gibt. Sehr oft werden Tiere daher nur angeschossen. Häufig schleppt sich das Schalenwild mit von der Kugel zerfetztem Körper, heraushängenden Eingeweiden und gebrochenen Knochen durch den Wald. Zwar muss laut Jagdgesetz solch angeschossenes Wild sofort gesucht und erlegt werden, aber ob und wann der Jäger mit der Nachsuche beginnt, wird von niemandem kontrolliert und allenfalls sanktioniert. Aus eigener Erfahrung weiss Karl-Heinz Loske, dass viele Jäger weder Zeit noch Lust haben, überhaupt nachzusuchen oder sie wollen erst später, vielleicht am nächsten Tag, nochmals nachschauen.

Viele Schusswunden sind so schrecklich, dass die Tiere erst nach langer Qual verenden. Angeschossene oder bedrängte Tiere schreien, heulen, quieken, fauchen, stöhnen, zittern oder krümmen den Körper vor Schmerz. Hasen können wie kleine Kinder schreien. Wenn stehende oder ruhende Tiere noch vergleichsweise gut zu treffen sind, ist es damit bei Treibjagden auf Hasen, Fasanen und Wasservögel völlig vorbei. Die Jagd mit Schrot ist besonders grausam. Immer verursacht dabei das breit streuende Bleischrot Verwundungen bei Niederwildarten, die getroffen werden, aber nicht sterben, weil keine überlebenswichtigen Organe verletzt wurden. Viele Untersuchungen belegen, dass ein hoher Prozentsatz wildlebender Gänse-, Entenund Taubenpopulationen Schrotkörner im Körper hat, was den Tieren über Monate, wenn nicht auf Dauer, schlimme Schmerzen verursacht. Häufig entzünden sich die Wunden und heilen nicht wieder vollständig ab. Zudem vergiftet Bleischrot die Natur .

Bei der Treibjagd, bei der eine lärmende Schar von Treibern durch Felder, Wiesen und Wälder streift, um das aufgeschreckte Wild auf die Schützen zuzutreiben, durchleiden die Tiere ausserdem besonders grosse Panik und Todesangst, während die Jäger das geniessen. Bei der "Drückjagd" schreiten zwar weniger Treiber ruhiger durch den Wald, doch spätestens wenn das Wild von Mitjägern oder Treibern schreiend angekündigt wird, ist es mit der Ruhe vorbei. Im Ergebnis geht es deshalb auch bei Drückjagden mit wachsender Jagderregung meist laut und undiszipliniert zu. Die Wahrscheinlichkeit für falsches Schussverhalten steigt deutlich an und die Tiere werden häufig nur angeschossen. Karl-Heinz Loske: "Treib- und Drückjagden überfordern das natürliche Fluchtverhalten von Wild, das nur auf wenige Verfolger hin angepasst ist. Natürliche Anpassungen an eine solche Menge an plötzlich auftauchenden Feinden gibt es nicht."

Jägersprache

Um zu verhindern, dass einen Jäger angesichts des Tierleids die Gefühle überkommen, hat sich im Laufe der vergangenen Jahrhunderte die sogenannte Jägersprache entwickelt. Ziel dieser Jägersprache ist es, eine tiefgreifende Distanz zwischen Tier und Mensch zum Ausdruck zu bringen, um den Tötungsakt bei der Jagd zu verharmlosen. Zum Beispiel wird eine Rehdame "angesprochen" (beurteilt in bezug auf Alter, Geschlecht und Gesundheit), ihr wird die Kugel "angetragen". Dem erlegten Wild wird ein "Bruch" (letzter Bissen) in den "Äser" (Maul) gelegt und es wird anschliessend "aufgebrochen" (ausgenommen). Füchse haben keine Jungen, sondern ein "Geheck". Blut ist "Schweiss", ein angeschossenes Tier ist "angeschweisst" und "krankgeschossen". Der Bauchschuss eines Rehs mit heraushängenden Eingeweiden ist ein "waidwundes Stück Wild". Die Haut von Wildtieren nennt man "Decke". Jäger töten keine Tiere, sondern erlegen ein "Stück" Wild. Rabenvögel sind "Raubzeug", und so weiter und so fort. Jedem Tierfreund wird klar, dass sich hinter dieser Jägersprache eine Herabsetzung und Verhöhnung von Lebewesen verbirgt. Fühlenden und schmerzempfindlichen Geschöpfen nimmt man so neben dem Leben auch noch die Würde.

Was passiert ohne Jagd ?

Angesichts all dieser entlarvten Mythen stellt sich die Frage, wie sich die Bestände von grösseren, jagdbaren Wildtieren ohne Hege und Bejagung entwickeln würden?

Im 72.000 ha grossen Nationalpark Gran Paradiso im Nordwesten Italiens leben neben bis zu 6.000 Steinböcken auch Gemse, Rehe, Hirsche, Wildschweine, Hasen, Füchse, Marder und Adler. Seit 1922 wird dort nicht mehr gejagt, und es wurden bisher keine negativen Entwicklungen beobachtet. Im Winter sterben etliche Tiere, im Frühjahr fressen die Füchse das Aas. Auch im 23.000 ha grossen Vatikanwald im Nordosten Italiens wird seit 60 Jahren nicht mehr gejagt. Schalenwild und artenreicher Bergmischwald harmonieren hier prächtig. Und im 32.000 ha grossen Nationalpark Belluno in den Dolomiten ruht die Jagd seit 1990. Auch dort traten bislang keinerlei Probleme mit Schalenwild oder Schäden an der Vegetation auf.

Das bekannteste Beispiel ist jedoch der Schweizer Kanton Genf mit seinem per Volksentscheid verhängten, seit 1975 bestehenden Jagdverbot. Karl-Heinz Loske weiss: "Der Weinbau-Kanton ist ein Refugium für viele Wildarten. So schwimmen hier z.B. alljährlich nach Beginn der Jagdsaison in Frankreich ganze Rotten von Wildschweinen als Jagdflüchtlinge durch die Rohne, um das jagdfreie Genf zu erreichen. Anders als in Frankreich sind sie hier überwiegend tagaktiv und weniger scheu, denn die Genfer bezeichnen ihr Wildschwein als 'Symbol für die Natur'." Wo nicht gejagt wird, nimmt die Scheu der Tiere rasch ab. Selbst bei grösseren Wildtieren verringert sich die Fluchtdistanz der Tiere deutlich. So sind z.B. die Wildtiere im Gebirgswald des Vatikans den Menschen gegenüber wunderbar vertraut. Ein Ende der Jagd würde für Wanderer und Naturliebhaber traumhafte Beobachtungsperspektiven in der Natur eröffnen. Ausserdem könnten sich die Tiere ohne den Dauerstress der Bejagung wieder arttypisch verhalten. Anstatt sich bei Tage in Dickicht und Unterholz verkriechen zu müssen und dort aus Langeweile massive Wildschäden zu verursachen, könnten artgerechte Aufenthaltsräume und Biotope aufgesucht werden.

Für eine Welt ohne Jagd

Die Zeit ist längst überfällig, dass auf die sinnlose Jagd verzichtet wird. Sie ist brutal, moralisch verwerflich und hat, wie hier deutlich erklärt, keinerlei ökologische Berechtigung. Jäger, die gerade einmal einen Bevölkerungsanteil von 0.3% ausmachen, verwehren den restlichen 99,7% der Menschheit eine bessere, angstfreiere und friedlichere Welt, in der Mensch und Tier wieder in gegenseitigem Vertrauen und dem nötigen Respekt miteinander und nebeneinander leben können. Eine Welt, die beiden Seiten Glück, Seelenfrieden und gesundheitlichen Nutzen bringt. Eine Welt, in der wir der Göttlichen Ordnung wieder einen Schritt näher gekommen sind. Geben wir das Schlusswort Dr. Karl- Heinz Loske: "Für mich ist die Abschaffung der Freizeitjagd ein wichtiger Teil einer grossen, ökologischen Bewegung, die das Leben als solches wieder in den Mittelpunkt rückt. Doch das ist noch nicht alles: Erst wenn der Jäger selbst erkennt, dass er nicht nur dem Tier, sondern seiner Seele schadet, wird überhaupt Frieden auf Erden möglich sein."

Fußnoten:

1) Das Schalenwild umfasst die dem Jagdrecht unterliegenden Paarhufer (Boviden,Cerviden und das Schwarzwild). Deren Klauen werden in der Jägersprache als Schalen bezeichnet.
2) Wildbret (mittelhochdeutsch wildbræt = Fleisch vom Wild) ist die Bezeichnung für Fleisch von frei lebenden Tieren, die dem Jagdrecht unterliegen.
3) r-Strategen sind Arten, die bei der Vermehrung auf eine hohe Reproduktionsrate (r) setzen, während K-Strategen, wenn die Kapazitätsgrenzen (K) des Lebensraumes erreicht sind, für eine geringere Zahl von Nachkommen mit dafür höheren Überlebenschancen sorgen.
4) Als Gehölzsukzessionen bezeichnet man die schrittweise erfolgende Besiedelung von Freiflächen durch Gehölze.
5) Als Rotte bezeichnet der Jäger den Zusammenschluss von drei oder mehr Wildschweinen. Eine Rotte besteht meistens aus Bachen, Frischlingen und Überläufern. Die Keiler bleiben der Rotte, ausser in der Rauschzeit (Fortpflanzung), fern. In Europa gehören zu einer Wildschweinrotte meist ca. 20 Tiere. Schweinerotten in anderen Weltgegenden können aber durchaus wesentlich mehr Tiere umfassen.

Quelle: The World Foundation for Natural Science. Hier der gesamter Artikel: http://www.naturalscience.org/fileadmin/portabledocuments/newsletter_nr_02.pdf

 

 


Share |