Psychologische Abwehr gegen die Ernährungsumstellung Drucken E-Mail


Weshalb gibt es heute noch Menschen, die einen kurzen Gaumengenuss dem Leben eines Tieres vorziehen? Was steckt dahinter, dass jemand die enorme ökologische Belastung der Fleischproduktion in Kauf nimmt und sich gegen sinnlose Gewaltanwendung ausspricht, aber dennoch die Gewalt in den Schlachthöfen mitfinanziert?
Für langjährige Vegetarier ist es schwer nachvollziehbar, wie es sein kann, dass jemand ohne schlechtes Gewissen Tiere aufisst.
Ein Grund ist sicher der unterschiedliche Wissensstand: Vegetarier wissen in der Regel mehr über die Fleischproduktion als die Fleischesser selbst. Doch dies alleine kann nicht der Hauptgrund sein, schliesslich ist es heute einfacher denn je, sich zu informieren. Wenn heute jemand nicht weiss, wie es in den Mastställen zugeht, dann wurde diesem Problem konsequent immer ausgewichen. Und wenn man es dennoch erfährt, wird es sofort verdrängt.
Doch was hindert einen Fleischesser daran, sich mit den Auswirkungen seines Konsumverhaltens auseinanderzusetzen? Ist es pure Ignoranz? Nach dem Motto: Nach mir die Sintflut – Hauptsache ich kann das Leben heute 100%ig geniessen?

Dies wäre eine Kapitulation vor jeglicher Ethik und Moral. Bei vielen Menschen mag dies zutreffen. Es gibt aber auch Menschen, für die ist ethisches Handeln durchaus Bestandteil ihres Alltags. Sie kümmern sich liebevoll um die eigene Familie oder um ein Haustier, spenden für Bedürftige, engagieren sich eventuell sogar für Umweltschutzprojekte. Dennoch konsumieren sie weiterhin das Nahrungsmittel, das die grössten ökologischen Schäden verursacht und ethisch am fragwürdigsten ist.
Was also kann hinter diesem extremen Festhalten am Fleischkonsum liegen?

Es wird schon nicht so schlimm sein

iner der am weitesten verbreiteten Beweggründe für den Fleischkonsum ist, dass sich viele gar nicht vorstellen können, dass die Fleischproduktion tatsächlich so schlimm ist, wie man es ab und zu über die Medien erfährt. Das tagtägliche Grauen in einem Schlachthof ist so schrecklich, dass viele sich weigern, es als solches zu akzeptieren, geschweige denn es sich selber anzusehen. Sie urteilen nach dem Motto: Das darf einfach nicht sein und deshalb ist es auch nicht so. Oder in der Variante: Wenn es wirklich so schlimm wäre, dann wäre dies doch sicher verboten.
Wenn ausnahmsweise einmal eine TV-Sendung die tatsächlichen Zustände in der Massenfleischproduktion aufdeckt, dann wird oft gedacht: «Endlich wurde dies nun aufgedeckt. Nun kann ich wieder getrost Fleisch essen, da diese schrecklichen Zustände aufgedeckt sind und nun nicht mehr vorkommen.»
Leider täuscht man sich mit dieser Annahme: Es gibt kaum eine Tierquälerei, welche heute nicht mehr praktiziert wird, wenn sich dadurch der Profit der Fleischindustrie optimieren lässt.
Dass Tierquälerei in der Nutztierhaltung konsequent und hart bestraft wird, kommt auch kaum je vor, da diejenigen, die solche Strafen aussprechen müssten, eine zu enge Beziehung zu den Tätern haben. Dass eine solche unabhängige Kontrolle und Bestrafung in der Schweiz fehlt, hat sogar die EU in ihrer Untersuchung in diesem Jahr kritisiert (siehe Vegi-Info 2006/2, Seite 14).
Es ist also alles tatsächlich sehr schlimm, und eine Änderung ist nicht in Sicht. Für die wenigen Fleischkonsumenten, die bereit sind, wesentlich mehr fürs Fleisch zu bezahlen, damit es den Tieren besser geht, gibt es zwar verschiedenste Labels. Doch selbst diese Konsumenten essen immer wieder Fleisch von gequälten Tieren – zumindest, wenn sie öfters auswärts essen. Und einen «Bioschlachthof» gibt es nicht, da Bio (= Leben) und Schlachten unvereinbar sind.

Selbstverantwortung für sein Handeln

ie heutige Gesellschaft ist so komplex, dass es für alles Experten gibt. Dies verführt dazu, die Eigenverantwortung auch in Bereichen abzugeben, die eigentlich gar nicht delegierbar sind. Natürlich macht es keinen Sinn, wenn jeder die Verantwortung für die technische Funktion seines Autos oder eines anderen technischen Hilfsmittels übernehmen müsste. Doch wenn es darum geht, die Folgen seines Handelns zu verantworten, kann man dies niemandem abgeben.
Diese Selbstverantwortung ist leider nicht sehr verbreitet. Man beschränkt sich in seinem (Konsum-)Verhalten nur noch auf den eigenen Genuss, ohne die weiteren Folgen davon zu überdenken. Man nimmt an, dass der Kauf eines Produktes (z.B. Fleisch) ja nichts Schlechtes sein kann, wenn es in jedem Nahrungsmittelladen angeboten wird.
Es wäre natürlich schön, wenn man in einer Welt leben würde, in der man davon ausgehen könnte, dass alles, was es zu kaufen gibt, unter ethisch und ökologisch einwandfreien Bedingungen hergestellt wurde. Doch dass dies schon lange nicht mehr zutrifft, sieht man schon alleine an den vielen Labels, welche Produkte auszeichnen, die zumindest einen Teil dieser Ansprüche decken. Das Hauptkriterium für die Herstellung eines Produktes ist heute der daraus erzielbare finanzielle Gewinn. Die Nachhaltigkeit geht dabei meist verloren.
Deshalb kann man die Verantwortung für das eigene Konsumverhalten niemandem abgeben. Sobald man jemandem Geld gibt (im Austausch für eine Ware), unterstützt man denjenigen, der das Geld erhält. Jeder sollte mit seinem Geld verantwortungsbewusst umgehen: Will ich damit Mastbetriebe und Schlachthöfe unterstützen oder Obst- und Gemüsebauern, die nachhaltig produzieren?

Die weitreichenden Folgen

Wenn man sich aus ethischen Gründen gegen den Fleischkonsum entscheidet, hat dies weitreichende Auswirkungen auf jeden Lebensbereich.
Der Umstieg auf eine vegetarische (und noch viel mehr derjenige auf eine vegane) Ernährung ist nur möglich, wenn man das blinde Vertrauen in alles, was in den Massenmedien verbreitet wird, verliert, da man dort immer wieder zu hören bekommt, dass Fleischkonsum gesund und notwendig sei.
Dieser Vertrauensverlust in die Medien macht den Alltag nicht einfacher, weil dabei mehr Selbstverantwortung gefragt ist. Viele fürchten sich vor so viel Eigenverantwortung und leben deshalb lieber so, wie es die breite Masse vormacht, anstatt sich bei jeder Handlung selber zu überlegen, was richtig und was falsch ist. Als Vegetarier ist man nur noch selten bereit, einfach mit der Masse mitzuschwimmen, weil «man» es eben so macht. Denn man akzeptiert «die Masse» nicht mehr als ethisches Vorbild. Die meisten finden ein selbstständigeres Leben interessanter, andere ängstigen sich vor der Verantwortung, die man damit übernehmen muss. Auch in der Vergangenheit konnten viele grosse Verbrechen der Menschheitsgeschichte nur durch die vielen Mitläufer geschehen, da diese nie selbst die Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen bereit waren.

Es wird oft gesagt, dass die Menschen schon immer Fleisch gegessen hätten, als ob dies eine Rechtfertigung wäre, dies weiterhin zu tun. Gemäss dieser Logik dürften wir nicht versuchen, Menschen daran zu hindern, andere Menschen umzubringen, da dies auch schon seit jeher getan wurde.
Isaac Bashevis Singer (1904–1991)
Schriftsteller; Nobelpreis 1978

Überlieferungen in Frage stellen

 

Doch nicht nur der Glaube an die allgegenwärtige Werbung «Fleisch gibt Kraft» usw. wird durch eine vegetarische Ernährung erschüttert, sondern auch viele Überlieferungen müssen neu überdacht werden. Da in der Regel die Eltern der heutigen Vegetarier noch Fleisch gegessen haben und man es nun als falsch erachtet, stellt sich natürlich die Frage: Ist alles andere noch richtig, was ich von den Eltern übernommen habe?
Viele sind nicht bereit, sich auf eine solch grundlegende Frage einzulassen, und ernähren sich deshalb lieber weiter in der Art, in der sich auch ihre Eltern schon ernährt haben.
Hinzu kommt, dass man natürlich auch seine eigene Ernährungsweise in der Vergangenheit in Frage stellt: Es kann doch nicht sein, dass ich nun so viele Jahre das Falsche getan habe. Dabei geht in der Regel vergessen, dass niemand vollkommen ist. Es ist kein Verbrechen, Fehler begangen zu haben und diese einzugestehen, es ist aber etwas anderes, wenn man einen Fehler eingesehen hat, ihn weiterhin zu begehen, nur weil man sich an ihn gewöhnt hat.

Nach der Umstellung

Langjährige Vegetarier haben meist nur noch wenige Probleme mit ihrer Lebensweise. Mit der Zeit ergibt sich ein neues, kritischeres Bild auf die Massenmedien und Expertenmeinungen, man lernt aber auch die Aussagen jeweils besser einzuschätzen (z.B. indem man fragt, von wem ein Experte für seine Aussagen bezahlt wird).
Obwohl es natürlich absurd ist, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen, weshalb man keine Tiere zur Sinnesbefriedigung quälen und töten lässt, sind Vegetarier immer wieder genau damit konfrontiert: Sie müssen ihr ethisches Handeln gegenüber dem unreflektierten Fleischkonsum der Mehrheit verteidigen. Nicht immer das zu tun, was alle tun, erfordert nur schon deshalb eine charakterliche Stärke, welche viele nicht aufzubringen vermögen.

Schlussfolgerung

Ja, es braucht etwas mehr Energie, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.
Ein Leben, bei dem man einfach verantwortungslos in den Tag hineinlebt, lässt sich nicht mit einer bewussten Ernährung vereinbaren.
Da die konsequente vegetarische Ernährung eine andere Lebenseinstellung voraussetzt, sollte man auch als Vegetarier versuchen, niemanden zu überfordern. Sich von der Masse zu lösen, ist ein Prozess, den nur wenige von einem Tag auf den anderen schaffen.
Doch die vielen positiven «Begleiterscheinungen» eines eigenverantwortlichen Handelns zeigen auch, wie wichtig es ist, dass man eine ethische Ernährungsweise seinen Mitmenschen näher bringt.

Renato Pichler

 


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Was ist Antinatalismus?

Der Antinatalismus ist eine Moraltheorie, die eine von der Philosophie weitgehend verdrängte Frage aufnimmt: die Frage, OB Menschen existieren sollen. Während es zahllose Stellungnahmen zur Frage gibt, WIE die bereits existierenden Menschen leben sollen, haben sich nur wenige Denker mit der Frage beschäftigt, ob es eigentlich moralisch vertretbar ist, neue Menschen zu zeugen. Der Antinatalismus stellt in Frage, was selbstverständlich scheint: dass auch künftig Menschen gezeugt und geboren werden sollen. Auf den ersten Blick könnte diese Moraltheorie damit bedrohlich scheinen. Auf den zweiten Blick aber nimmt sie das folgende POSITIVE ZIEL und das nachstehende GEBOT ernster als andere Moraltheorien:

POSITIVES ZIEL
Keine Sterbenden mehr. Eine Welt ohne Kriege, Massenmorde und Krankheiten. Nirgendwo Schmerzensschreie. Und niemand, der Hunger oder Durst leidet.
Wer würde nicht unterschreiben, dass jede Person das ihr Mögliche tun sollte, um dieses Ziel zu erreichen?

GEBOT
„Handle nicht so, dass eine Person infolge deines Handelns sterben muss.“
Die allermeisten Personen beanspruchen für sich, stets so zu handeln, dass infolge ihrer Handlungen niemand sterben muss. Nun hat aber jede Person, die einen Menschen zeugte, bereits so gehandelt, dass ein Mensch als Konsequenz dieser Handlung sterben muss:  das eigene Kind. Und jedes Paar, dass entschlossen ist, einen Menschen zu zeugen, hat den Entschluss gefasst, so zu handeln, dass ein Mensch (das eigene Kind!) als Konsequenz dieser Handlung sterben muss.

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