Der Zerfall eines Wahns Drucken E-Mail

 

Der Zerfall eines Wahns


Furcht und Lüge


Furcht ist die Hintergrundstrahlung des Lebens und begleitet das Individuum durch alle Lebensphasen. Manchmal ist sie kaum spürbar, manchmal dominiert sie alles Handeln, lähmt das Denken und erzeugt tiefe Unsicherheit. Der Mensch setzt der Furcht in der Regel die Hoffnung entgegen. Hoffnung und Furcht sind  siamesische Zwillinge, die im ständigen Ringen um die tägliche Befindlichkeit ihren Kampf austragen, ständig, immer, solange bis der Lebenskampf endgültig beendet  ist.
Dem Menschen begegnet die Furcht in vielfältiger Form. Furcht entsteht in seinem Inneren, in seinen Gedanken, in seiner Lebenssituation sowie in Kontakten oder Konflikten, die an das Individuum von außen, von Staat, Gesellschaft, von Religion und Moral herangetragen werden. Sie wird gespeist aus der Gegnerschaft von subjektiver Empfindung und objektiver Realität.
 In dieser permanenten Auseinandersetzung im Kampf um Selbstbehauptung, Selbstsicherheit , Selbstverwirklichung mit den Störgrößen der Realität, hat der Mensch Strategien entwickelt, den Kampf erfolgreich  - oder zumindest befriedigend – für sich zu gestalten. Ein bewährtes Mittel der Abwehr ist die Lüge. Angefangen bei der kleinen Notlüge, der Schummelei, dem Ausweichen, Vermeiden und Verleugnen bis hin zum manifesten Betrug. Furcht ist somit die Quelle, die Mutter aller Lügen.
Die Lüge - von der Schummelei bis zur gezielten Täuschung - richtet sich primär nach außen, wendet sich gegen Dritte, ist ein tägliches Instrument in Gesellschaft und Staat und bewährtes Verkaufsinstrument im ökonomischen Kontext. Aber die Lüge richtet sich auch allzu oft und gern gegen das Individuum, wird von ihm unbewusst, aber auch gezielt gegen das eigene Ich, gegen das eigene Denken eingesetzt und mündet im weitesten Sinn in Lebenslügen, in Vorstellungen, in Wunschträumen, die fern der der Realität sind, aber dem Wollen des Individuums entsprechen. Die Lebenslüge ist kongruent zur gewünschten Lebensvorstellung, jedoch fern, oftmals sehr fern der Wirklichkeit. Lebenslügen sind die Antagonisten der Realität und trotzdem ein wohltuendes Illusionstheater für die geplagte Seele und stellen eine Mixtur aus Wunsch und Wirklichkeit dar, ein Konglomerat aus Unwissenheit, Gewohnheit, aus Angst und Hoffnung.
Den wenigsten ist es gegeben, vor sich selbst und von sich selbst rückhaltlos und völlig ehrlich, ohne Beschönigung und Einschränkung zu denken. Man nimmt auf sich selbst Rücksicht, schont sich, stellt sich besser dar, als es die Wahrheit gebietet, man schönt die Realität zu eigenen Gunsten. Sapere aude – wage es Einsicht zu haben, keine Maxime wird häufiger ignoriert!
Diesem Sachverhalt liegen die Fragen zugrunde: Will ich wissen und wenn ja, wie viel will ich wissen oder warum sollte ich überhaupt wissen wollen? Friedrich Nietzsche fragte weiter, tiefer, bis zu dem entscheidenden Punkt: Wie viel Wahrheit verträgt der Mensch? Schädigt ihn sein Wissen, zerbricht er daran oder kann er daran zerbrechen, verzweifeln, den Lebensmut verlieren?  Zerstört das Wissen nicht nur Geist, sondern auch als mögliche Folge den Körper? Ist es besser, manches Wissen zurückzuhalten und stattdessen die Illusion der Wirklichkeit vorzuziehen? Ist somit manches Wissen ein verbotenes Wissen weil es schadet? „ Das erste, was durch die verbotenen Wahrheiten zu Grunde geht, ist das Individuum, das sie ausspricht“ findet man bei Nietzsche in seinen nachgelassenen Schriften.
Lebenslügen bleiben aber als Illusionsvorhang nicht nur auf das einzelne Individuum beschränkt. Lebenslügen existieren für ganze Gesellschaften, für Völker, für Zeiten, manchmal sind es nur Monate, manchmal aber Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte oder wie im Falle der christlichen Religion  zwei Jahrtausende.
Es ist der Wille zum Leben, der kräftige, starke, pure Lebenswille, auf dessen Boden die Illusion eines Jenseits, eines persönlichen Gottes, einer menschlichen Sonderstellung vor allem Lebendigen wuchs, weil dieser Wille nichts so sehr fürchtet, wie die Vernichtung, die Sinnlosigkeit und die Vergeblichkeit allen Seins und insbesondere die Zwecklosigkeit allen Lebens. Nach dem elenden Leben das Nichts, alles war umsonst, nichts bleibt, dann die völlige Vernichtung – dieser Gedanke ist für den menschlichen Normalgeist unerträglich, unverdaulich, vernichtend. Verbotenes Wissen par excellence, Geburtsstunde des Anthropozentrismus mit folgenden Kernsätzen:
• Ich bin ein Mensch und somit das Ebenbild Gottes und nur ich als Mensch besitze eine unsterbliche Seele und kann ewiges Leben erhoffen, denn alle anderen Lebewesen verfallen dem Nichts.
• Nur mir als Mensch ist tiefgreifende Begabung zur Vernunft gegeben und eine Würde immanent, die weit über jeder anderen Lebensform steht. Weil mir tiefe Vernunft innewohnt, kann und darf ich all meine Fähigkeiten ausleben.
• Ich bin die Krone der Schöpfung und ihr letztendliches Ziel und weil das so ist und eine unabänderliche Tatsache darstellt, stehen mir grundlegende Rechte vor allen anderen Lebensformen zu. Insbesondere darf ich andere Lebensformen nutzen, versklaven und töten, wenn es meinem Nutzen und Wohlbefinden dient.
• Alle Rechte, die ich mir selbst zugestanden habe wie Recht auf Leben, Freiheit, Verbot der Sklaverei , der Folter und Verbot grausamer, erniedrigender Behandlung gelten uneingeschränkt nur für mich. Mit göttlicher und staatlicher Gewissensabsolution verweigere ich diese Rechte der übrigen lebenden Kreatur.
• Ich darf mich beliebig vervielfältigen, die Erde mit meiner Spezies überschwemmen und deshalb allen anderen Lebewesen ihre Lebensräume nehmen und zerstören.
 
Dieses Gedankengut, tief verwurzelt im Denken und Handeln, integraler Bestandteil von Kultur, Historie, nur modifiziert durch andere monotheistische Religionen, aber analog vertreten, war und ist die Basis der Denkrichtung, an deren Fundament die Naturwissenschaft erst zaghaft, in der Neuzeit immer heftiger, kratzte und grub. Die Nebelschwaden des Illusionstheaters lichteten sich, werden zunehmend weggeweht und enthüllen eine Szenerie der menschlichen Erbärmlichkeit. Der Mensch wurde zurückgestellt in die Bedeutungslosigkeit, in die Gewöhnlichkeit, er wurde reduziert auf eine Nichtigkeit, auf einen kaum wahrnehmbaren Hauch im Sein. Folgen wir ihm auf dem Weg seiner Kränkungen, seiner Demütigungen, seiner Erniedrigungen, folgen wir ihm auf dem Weg in die Einsamkeit, auf dem Weg in die kosmische Isolation, diesem Zufallsprodukt physikalischer Notwendigkeiten.

Erste Kränkung

Das geozentrische Weltbild, seit der Antike als Erklärung der Planetenbahnen gültig, gehörte der Geschichte an, als von Nikolaus Kopernikus, eigentlich Niklas Koppernigk,  1543 De revolutionibus orbium coelestium gedruckt und veröffentlicht wurde. Die Erde verschwand, so die Konsequenz seiner Forschung, aus dem Zentrum des Universums und wurde zu einem von mehreren Planeten degradiert, die sich um die Sonne drehten. Das heliozentrische Weltbild war geboren. Die Erde als Mittelpunkt des Universums, als Ziel und Zweck der gesamten Schöpfung interpretiert, war auf einmal nicht mehr der Mittelpunkt, sondern ein ganz banaler Planet wie Mars, Venus und die übrigen Planeten des Sonnensystems. Die Welt, insbesondere die christliche Glaubenswelt, war in ihrem Grundverständnis erschüttert. Der Schock und die Ernüchterung saßen tief, hatte sich doch die ganze Gottesmystik des Glaubens nicht  im Zentrum der bekannten Welt, sondern auf einem der neun Planeten abgespielt. Aber es war erst der Anfang der Kränkung menschlicher Hybris, der Beginn des Abstiegs vom Sockel der Überheblichkeit.
Die Wissenschaft der Astronomie, der Kosmologie und der Physik nahm Fahrt auf und lieferte in immer schnelleren Intervallen Erkenntnisse, die das Selbstbild, die Wunschillusion von Mensch und Kirche zusehends ad absurdum führten. Zu Beginn der Neuzeit stellte man auf einmal fest, dass es im Universum zahllose Sonnensysteme gab, die dem unsrigen vergleichbar oder ähnlich waren. Man erkannte, dass unser Sonnensystem eines von Milliarden anderen Sonnensystemen in einem der vielen Seitenarme der Milchstraße, unserer Heimatgalaxie, war. Die Erde war als Zentrum, als Dreh- und Angelpunkt des Universums, aus dem Zentrum des geglaubten göttlichen Willens, als Ziel und Zweck seines Wollens, an den Rand einer Galaxie verlagert, unbedeutend, marginal, kaum auffindbar. Aber es sollte schlimmer kommen.
Der Heimatgalaxie „Milchstraße“ erging es ebenso wie zuvor dem Sonnensystem, denn man begriff, dass selbst diese Galaxie eine kleine, unbedeutende Galaxie unter Milliarden anderer Galaxien war, die im Universum inzwischen beobachtbar waren. Der Planet Erde war auf ein beliebiges Staubkörnchen des Universums reduziert, winzig, bedeutungslos, einsam.
Edwin Hubble setzte mit seinen Forschungen den vorläufigen Schlusspunkt als er feststellte, dass sich das Universum weiter ausdehnt, die Galaxien sich  - je weiter sie entfernt sind -  immer schneller von uns fortbewegen, was für die Milchstraße, das Sonnensystem und die Erde bedeutet, dass die Einsamkeit, die Isolation, die Verlassenheit für unsere Heimatgalaxie permanent zunimmt.  Inzwischen diskutiert die theoretische Physik, ob auch dieses Universum nur eines von vielen Universen ist, und unser bekanntes Universum ebenfalls nur ein Teil eines Multiversums, eines Konglomerates zahlloser Universen, ist. Die Verlassenheit des einstigen Gotteszentrums wächst ins Grenzenlose.

Zufälle

Parallel zu den Erkenntnissen der Kosmologie über die Größenrelation des Universums begann eine physikalische Demütigung der menschlichen Glaubenswelt, eine Demütigung des Gefühls, als Mensch die Verkörperung eines göttlichen Willens zu sein.
Als die Modelle des Urknalls, die bisher bekanntesten Vorstellungen der Weltentstehung, entwickelt wurden, musste man konstatieren, dass Materie und als Folge menschliches Sein ein Kind des Zufalls waren. Die energiereiche Strahlung des Urknalls wies eine minimale Instabilität auf, was erst zur Bildung von Materie und Antimaterie führte.  Dem ersten Zufall folgte ein zweiter. Materie und Antimaterie neutralisieren sich normalerweise. Durch eine geringfügige Verschiebung dieser Symmetrie blieb ein Teil der Materie von der Neutralisation verschont; das Weltall konnte sich in der bekannten Form entwickeln, die Existenz der Erde, des Menschen, des Lebens entstanden als  Produkt beschriebener kosmischer Zufälligkeiten.
Die nächste zufällige Konstellation war die Positionierung der Erde in einer habitablen Zone, also der Zone einer Planetenbahn, die überhaupt Lebensmöglichkeiten eröffnet. Der gutgläubige Gottesverehrer könnte  die Zufallsfolge – und wird es wohl auch tun – als gezieltes Resultat göttlichen Willens sehen, aber die Erkenntnisse des Physikers Ludwig Boltzmann entziehen diesem frommen Wunsch nachhaltig und dauerhaft den Boden. Boltzmann formulierte und bewies das Gesetz der Entropie, das vereinfacht ausdrückt, dass sich abgeschlossene Systeme von einem Zustand der Ordnung in einen Zustand der Unordnung verändern. Peter Atkins formuliert diese Erkenntnis in „Über das Sein“ folgendermaßen:
„Falls Sie tiefes Verstehen ohne Verzicht auf das Staunen, oder positiver und stärker ausgedrückt: Falls Sie die Verdopplung des Staunens durch die Vertiefung des Verstehens bevorzugen, dann sonnen Sie sich im Licht der außergewöhnlich leistungsfähigen Idee, dass alle Lebewesen in ihr kurzes Zwischenspiel des Lebens nur zufällig hineingestolpert sind. Wir sind nicht nur Sternenstaub, wir sind auch die Kinder des Chaos.
Die Ausbreitung von Materie und Energie bildet die Wurzel allen Wandels, denn Materie und Energie haben die Tendenz sich in Unordnung zu zerstreuen (Entropie, zweiter Hauptsatz der Thermodynamik:
In einem abgeschlossenen System nimmt die Entropie beständig zu.
Folgerung: Die Unordnung innerhalb des Systems wächst, die Wahrscheinlichkeit für ein Abgleiten des Systems ins Chaos steigt. Um die Entropie eines Systems zu verringern, um das Chaos zu mildern, ist immer ein Zutun nötig, ein Eingriff von außen, d.h. es muss Energie dem System zugeführt werden.)

Natürliche Veränderung ist Ausbreitung in Unordnung. Wo auch immer Veränderungen auftreten, sei es Korrosion, Korruption, Wachstum, Verfall, Blühen, künstlerisches Schaffen, Krebs, Unfälle, Vergnügen oder einfach nur eine zufällige Bewegung, handelt es sich um eine äußere Manifestation dieser inneren Feder, der planlosen Ausbreitung von Materie und Energie in noch größere Unordnung. Ob es einem gefällt oder nicht: Planloser Verfall in Unordnung ist die Feder jeglichen Wandels, auch wenn dieser Wandel großartig ist oder zu einer scheinbar zweckgerichteten Handlung führt.
Der entscheidende Punkt: Obwohl im Grunde jede Veränderung von planlosem Verfall angetrieben wird, stellt unsere geistige Aktivität sicher, dass unser Leben voller persönlicher Zwecke ist. Das Gefühl von Zweckhaftigkeit ist so groß, dass es eine natürliche Neigung gibt, diese Vorstellung auf kosmische Entitäten auszudehnen. Diese Ausweitung, diese Extrapolation vom Persönlichen zum Kosmischen ist falsch. In der Physik, in der Chemie, in der Biologie, im gesamten Universum gibt es keine Spur von Zwecken.“
Verlässt man den Makrokosmos und wendet sich dem anderen Extrem, dem Mikrokosmos und den Elementarteilchen, den Quanten, zu, gelangt man in eine Welt  voller rätselhaften Ausprägungen, eine Welt, die vom Zufall dominiert ist. Wie Werner Heisenberg feststellte, existieren Elektronen nicht ständig sondern nur, wenn sie mit etwas anderem in Wechselwirkung treten. „Mit einer berechenbaren Wahrscheinlichkeit materialisieren sie sich an einem Ort, wenn sie mit etwas zusammenstoßen. Die Quantensprünge von einer Umlaufbahn zur anderen sind ihre einzige Form von Realität.“ (Carlo Rovelli, Sieben kurze Lektionen über Physik) Dies bedeutet, dass die Sprünge sich nicht in vorhersehbarer Weise, sondern weitgehend zufällig ereignen und das einzige, was man vorhersagen und berechnen kann, ist eine Wahrscheinlichkeit für das Geschehen. Der Mensch, der an Kausalitäten, an berechenbare Ursache- Wirkung-Beziehungen gewöhnt ist, muss konstatieren, dass die kleinsten Bausteine der Materie ausschließlich dem Zufall gehorchen. Diese Tatsache konterkariert jede Annahme einer Planung, eines zielgerichteten Wollens, das auf ein göttliches Wesen zurückzuführen ist. Alles Organische, jede Materie, ist auf Quantenebene ein Zufallsprodukt, was bedeutet, dass es wie ein Nebelfetzen durch das Sein schwebt, sich bildet, sich verändert, sich auflöst und irgendwo neu bildet. Die Wirklichkeit wird virtuell, verliert ihre Konstanz, Wirklichkeit ist eine temporäre und situative Wahrscheinlichkeit. Und da die Wirklichkeit nur eine Wahrscheinlichkeit ist, kann auch die Wahrheit nur eine Wahrscheinlichkeit sein, deren Gehalt von der Perspektive abhängt. Die Realität verschwimmt zu einer Chimäre, einem kaum fassbaren Aufflackern im Sein.

Temporale Erniedrigung

Aber die Entzauberung des Menschen geht weiter.
Die beiden Relativitätstheorien von Albert Einstein veränderten Newtons Wirklichkeitsbegriff grundlegend. Newtons Wirklichkeit geriet ins Wanken, als Einstein nachwies, dass Zeit und Raum veränderlich sind und man sich schlagartig einem relativistischen Weltbild gegenüber sah, einem Weltbild, das keinen Fixpunkt mehr bot. Zeit und Raum sind je nach Perspektive anders; jeder Betrachter nimmt eine andere „Wirklichkeit“ wahr. Man könnte folgende lebensbezogene Hypothese wagen:
Jedes Ding, jedes Dasein, jedes Streben und Bemühen unterliegt einem stetigen Wandel und mündet notwendigerweise in Auflösung, Nichtigkeit, Vergessen und Tod und ist vor dem kosmischen Hintergrund immer eine absolute Sinnlosigkeit, eine unbedeutende Marginalie. Bestimmende Faktoren einer universellen Betrachtungsweise sind Raum und erkennbare Zeitstrecke. Da jedes Seiende eine ihm eigene Veränderungsgeschwindigkeit hat und alles Seiende sich in einem stetigen Wandlungsprozess befindet, kann für den Betrachter real kein Fixpunkt, keine Konstanz entstehen. Erklärung: Jede veränderliche Existenz setzt sich aus infinitesimalen Momentaufnahmen zusammen, die nur in der Summe und Rückschau dem Menschen eine Konstanz suggerieren und ihn dadurch über die wahre Struktur des Seins hinwegtäuschen.
Da die Veränderung teilweise sehr langsam abläuft, glaubt der Mensch etwas Feststehendes, stabil Konstantes zu betrachten. Real ist aber alles, Materie und organische Strukturen, fließend und nichts ist konstant, alles ist permanenter Wandel. Dies bedeutet, betrachten wir beispielsweise einen Tag als Zeiteinheit, dass wir niemals irgendwo das Gleiche sehen, sehen können („Wer in dieselben Flüsse hinabsteigt, dem strömt stets anderes Wasser zu“, Heraklit).

Hat man diese Abfolge verinnerlicht, gar verdaut, die Wirklichkeit
als nicht fixierbare Chimäre akzeptiert, das Verwischen allen Seins in Scheinvorstellungen erkannt, bleibt nur noch die demütige Zustimmung zu der frühen fundamentalen Erkenntnis des genialen Stoikers Marc Aurel: „Mundus mutatio, vita opinio – die Welt ist ein stetiger Wandel, das Leben ein leerer Wahn“ (Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen).

Neben der globalen Einordnung der Zeit zeigt sich auch die persönliche Lebenszeit als ein zufallsabhängiges Moment. Vor ca. 4,7 Milliarden Jahren formte sich die Erde, die Oberfläche trennte sich in Festland und Wasser, Leben konnte entstehen, sich verändern, ausbreiten und heutige Ausprägungen entwickeln. Es ist der temporale Zufall, dass ein beliebig betrachtetes ehemaliges oder noch existierendes Leben gerade diese Zeitspanne, die es lebte oder noch leben wird, ausfüllt. Das Geschehen ist  kontingent, was bedeutet, es konnte sein, es musste nicht sein, es konnte anders sein. Der Zeitpunkt eines Lebens ist immer eine situative Zufälligkeit und kein geplanter göttlicher Wille. Das Diktat der Geburt zwingt ein beliebiges Leben in eine einmalige Existenz, sei es als Schwein, sei es als Mensch, sei es in der Antike, in der Gegenwart oder Zukunft. Zufall ist der Vater allen Lebens in der Zeit.

Zweite Kränkung

Am 27. Dezember 1831 stach die HMS Beagle mit Charles Robert Darwin an Bord zu einer fünfjährigen Weltreise in See. Die Fahrt ging über die Kapverdische Inseln nach Südamerika, Tahiti, Neuseeland, Australien und über Mauritius zurück nach England. Der junge Forscher sammelte Unmengen an Pflanzen und Tieren, unternahm ausgedehnte Expeditionen ins Binnenland, katalogisierte, untersuchte, beobachtete und dokumentierte. Darwin kam mit einer immensen Ausbeute naturwissenschaftlicher Daten und Fakten nach England zurück. Die Essenz dieser Ausbeute  floss in sein Buch „Entstehung der Arten“ ein, dessen erste Ausgabe am 24. November 1859 erschien. Dieses Buch revolutionierte die Biologie und hatte weitreichende Folgen für benachbarte Wissensgebiete wie beispielsweise Zoologie, Botanik etc. und insbesondere für die Theologie.
Darwin wurde der Urheber für die biologische Kränkung des Menschen, wie es Sigmund Freud ausdrückte. „ Der Mensch, so behauptete Darwin, ist kein Geschöpf Gottes sondern lediglich ein höheres Säugetier“(Walther Ziegler, Freud). „Die Entstehung der Arten“ formulierte diverse Theorien, deren wichtigste die Evolution, also die Veränderlichkeit der Arten, die natürliche Selektion als Hauptantrieb der Evolution und – und das war der Skandal, der dies nefastus der Glaubenswelt – die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen war.
Die gemeinsame Abstammung aller Lebewesen von einem ersten Lebewesen musste den Glauben zerstören, der Mensch sei Ebenbild Gottes und aus den Arten durch göttlichen Willen herausgehoben. Darwin zeigte, dass dem nicht so war, die Evolutionstheorie trat ihren Siegeszug durch die Naturwissenschaft an und ist heute durch weltweite Forschung in ihrer Richtigkeit, in ihrer vorausschauenden Genialität bestätigt.
Aber was bedeutet die Evolutionstheorie in concreto, im Verhältnis von Mensch und allen anderen Lebewesen inklusive Pflanzen?
Stellt man sich, ausgehend von einem ersten Lebewesen, vor, dass sich alle Arten von Tieren und Pflanzen im Laufe der Erdgeschichte nach und nach, in sehr kleinen Schritten, weiterentwickelt haben und die Weiterentwicklung jeweils die Antwort auf eine bestimmte Lebenssituation und Lebensnische war, so ergab sich bis heute gedanklich ein vielverzweigter Busch an Lebensformen. Es sind die unterschiedlichsten Lebensformen, die wir täglich beobachten wie Biene, Spatz, Hund, Hering, Schnittlauch, Eiche, Hirschkäfer, Regenwurm usw., welche die kleinen Zweige und Blätter an diesem Busch repräsentieren. Bereits ausgestorbene Arten sind die abgestorbenen Zweige und Ästchen. Wendet man nun auf diesen Busch das „Haarnadel-Gedankenexperiment“ an – wie Richard Dawkins es nennt - dann ergibt sich eine Situation, die für die narzisstische Eigenliebe des Menschen und für seine göttliche Auserwähltheits-Hybris vernichtend ist. Geht man nämlich von einem beliebigen Blatt oder Zweig dieses Busches zeitlich rückwärts, gelangt man zu Verzweigungspunkten, den Haarnadelkurven in der Vergangenheit. Hier läuft die alte Linie weiter, aber eine neue kommt hinzu, die sich  in eine andere Richtung und damit in andere Lebensform– entsprechend der speziellen Lebensumstände –  entwickelt.

Die Aussage signalisiert aber auch, dass jede organische Struktur, jede Pflanze, jedes Lebewesen zu einem früheren Zeitpunkt gemeinsame Vorfahren hatte. Aus dieser Tatsache folgt nichts anderes, als dass – geht man weit genug zurück – es einen Punkt in der Evolutionsgeschichte gab, geben musste, an welchem der Mensch mit dem Maikäfer, mit dem Fuchs und der Ringelnatter, mit der Petersilie, der Rübe oder der Alge gemeinsame Vorfahren hatte. Die Theologie war erschüttert, hatte demzufolge in der Evolutionsgeschichte doch selbst jeder Papst, der vicarius Christi, der Statthalter Christi, mit der Steckrübe gemeinsame Vorfahren.
Darwin wies mit seinen Forschungen dem Menschen seinen Platz unter den Säugetieren zu. Es ergeben sich dadurch neue philosophische und moralische Schlussfolgerungen.
• Ein Mensch hat aus kosmischer Sicht die gleiche Bedeutungslosigkeit wie ein Stein, wie eine Pflanze, wie ein Tier. Hieraus folgt das Postulat  der universellen Gleichwertigkeit, aber auch der universellen Gleichnichtigkeit allen Lebens.
So wie jeder Wassertropfen im Meer dem Anderen gleichwertig ist, so ist jedes Lebewesen dem Anderen gleichwertig. Es ist allein der Wahn des Menschen – genährt von seinen fiktiven Gottesideen - sich für etwas Höheres, Bedeutenderes, Lebenswerteres zu halten.
• Alle unterschiedlichen Lebensformen bewegen sich in parallelen Lebenswelten, in ihren individuellen Realitäten. Es ist möglich, die nicht-eigenen Lebenswelten zu beschreiben, aber unmöglich, in ihre inneren Empfindungsstrukturen einzudringen.
• Jedes Lebewesen nimmt die ihn umgebende Welt anders wahr; die Bakterie anders als der Fisch, die Schlange anders als der Bussard, der Hund anders als der Mensch.
Es existieren somit zahllose, unabhängige Lebenswelten am Busch der Evolution, die alle mit dem gleichen Lebensrecht und Lebenswillen von der Natur ausgestattet wurden.
• Die Akzeptanz paralleler Lebenswelten und die Einordnung menschlicher Denkstrukturen und Handlungsweisen in das gesamte Naturspektrum ist ein Gebot der Redlichkeit, ein Gebot der Erkenntnis, ein Gebot der Demut und primär ein Gebot des eigenen Überlebens.
• Die Evolution, die über viele Millionen von Jahren einen Busch an Lebensformen, Lebenswelten und verschiedensten Lebewesen hervorgebracht hat, ist für die meisten Lebenswelten beendet oder wird in naher Zukunft enden, weil der jeweilige individuelle Zweig des Buschs von menschlichen Wesen vernichtet wurde oder vernichtet werden wird.
• Mit der Vernichtung der meisten Zweige eines Busches geht das Absterben der gesamten Struktur einher, der Untergang der Menschheit ist damit voraussichtlich ein langfristig selbstverschuldeter Suizid, der sich in absehbarer Zeit realisieren kann.

Bakterielle Demütigung

Bakterien sind bekanntermaßen Lebewesen. Sie sind zwar klein, sehr klein, aber ohne Bakterien kann menschliches Leben nicht existieren. Der menschliche Körper ist ein Vielvölkerstaat unterschiedlichster Lebensformen, ein Kosmos, dessen Biomasse der Lebensraum einer nahezu unendlichen Tiergesellschaft ist, die in– zumeist – friedlicher Symbiose und Koexistenz mit menschlichen
Zellen leben.
 „Der menschliche Körper besteht aus ungefähr 10 bis 100 Billionen Zellen. In und auf uns tragen wir jedoch etwa zehnmal so viele Bakterienzellen mit uns herum. Allein in unserem Darm leben nach Schätzungen von Forschern rund 100 Billionen Bakterien aus bis zu 2.000 unterschiedlichen Arten. Diese vielfältige
Lebensgemeinschaft umfasst bereits zehn- bis hundertmal mehr Gene als im gesamten menschlichen Erbgut vorhanden sind. Zu den Darmbakterien kommen noch unzählige Bewohner unserer Haut und anderer Gewebe hinzu. Die Gesamtheit der Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper
leben, wird auch als Mikrobiom bezeichnet. Würde man einen Menschen mitsamt dieses Mikrobioms genetisch analysieren, wäre er nur zu etwa 10 Prozent ‚menschlich‘.“ (http:// www.scinexx.de/dossier-detail-563-4.html)

Jörg Blech, der im Jahr 2000 das erste Buch über „Das Leben auf dem Menschen“ veröffentlicht hat – 2010 ist es neu aufgelegt worden –, schrieb seinerzeit: „Falls Außerirdische jemals einen Menschen treffen sollten, würden sie ihn korrekt beschreiben als Ansammlung kleiner Lebewesen, die sich auf einem großen niedergelassen haben. Etwa so: ‚Die irdische Lebensform besteht aus 988 Spinnentieren, 100 000 000 000 000 (in Worten: hundert Billionen) Bakterien,
1 Mensch, etwa 70 Amöben und manchmal bis zu 500 Madenwürmern.“ (http://www. medizin-welt.info/aktuell/Bakterien-Report-Was-die-Mikroorganismen- fuer-unser-menschliches-Leben-bedeuten/181).

Es ist nach Vorgenanntem alles andere als evident, dass all das, was wir als menschlich bezeichnen, nur Resultat menschlicher Zellen ist, sondern die Wahrscheinlichkeit ist eine große, dass in das „Menschliche“ das „Bakterische“ eingedrungen und eingeflossen ist und wir Menschen das Ergebnis des Wollens einer bestens organisierten Bakteriengemeinschaft sind. Jeder erinnert sich an die markanten Sätze der Genesis (Gen1, 25-27): „Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische
im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; …“

Erste Frage:
Aber was schuf er damit, damals, mit dem „Bild, das uns gleich sei“? Was ist ihm gleich? Sind es die Mikroben mit ihrer Vielzahl von Bakterien, Amöben, Fadenwürmern und kleinsten Spinnen, unterlegt mit einigen menschlichen Zellen? Oder ist ihm nur der menschliche Zellanteil ähnlich, quasi ein Zellhaufen im Gewimmel der Bakteriengesellschaft? Ist Gott nun Mikrobe oder menschlicher Zellklumpen?

Zweite Frage:
Bekanntermaßen lehren die Catholica und ihre Schwesterreligionen, dass eine Seele allein dem Menschen zukommt, die Tiere also nach dem Tod dem Nichts verfallen. Dürfen wir daraus folgern, dass der Sitz der Seele begrenzt ist auf menschliches Zellgut, die Bakterientiere aber ins Nichts abwandern? Der Mensch sich demnach in beseelte und unbeseelte Teile splittet, in gottähnliche und nicht-ähnliche?

Dritte Frage:
Fast zweitausend Jahre lehrte die Kirche die Auferstehung des Fleisches, eine Lehre, die dem Gläubigen verhieß, zu einem unbestimmten Zeitpunkt nach seinem Tod wieder auferweckt zu werden, das Grab zu verlassen, um dann körperlich weiterexistieren zu können. Stehen von den Toten nur menschliche Zellen oder nur menschlicher Geist aus diesen Zellen auf – obwohl dieser Geist nur mit Hilfe von Bakterien entstanden ist – oder was soll nun eigentlich von den Toten auferstehen?

Vierte Frage:
Wenn sich nun ein beliebiger Mensch X zu einem ebenso beliebigen Glauben Y bekennt, wer bekennt sich da? Sind seine Bakterien auch auf den Glauben Y eingeschworen oder nur seine menschlichen Zellen? Und was passiert, wenn beispielsweise die Bakterie eines Moslems auf einen Katholiken springt, muss die dann konvertieren oder ist es den katholischen Zellen zumutbar, mit moslemischen Bakterien gemeinsam zu arbeiten? Und wendet sich die jüdische Bakterie im Katholikenkörper angewidert ab, wenn der gottesfürchtige Christ ungeschächtetes Fleisch isst? Nein, es sind keine spitzfindigen Überlegungen, sondern Gedankengänge, die dem irrealen Kosmos von Glaubensvorstellungen entsprechen.

Dritte Kränkung

Anthropologische Verlassenheit

Wenn sich aufkeimendes Bewusstsein in einem Körper manifestiert, gerät der Mensch, aber auch jedes Tier, unmittelbar in eine dreifache Gefangenschaft.
Er wird an die spezielle Lebensform unabänderlich gebunden mit der Folge, die Welt und das Sein nur aus dieser Sicht heraus sehen und erleben zu können. Der intime  geistige und gefühlsmäßige Zugang zu allen anderen Lebensformen bleibt auf immer verschlossen. Jede Lebensform lebt in dieser Isolation, in der Einsamkeit der Art, der Mensch in seiner anthropologischen Verlassenheit als eine Art unter vielen.
Zum zweiten ist die Kreatur innerhalb dieser Lebensform in seiner Individualität, in seinem Charakter und Persönlichkeit gefangen, in der Besonderheit seiner eigenen spezifischen Genetik, seiner Geistes- und Körpervariante unter den zahllosen Ausprägungen der Strukturen seiner Art.
Die dritte Gefangenschaft bindet ihn, reduziert man die Betrachtung auf den  Menschen, an die Zusammensetzung und Ordnung, in die er hineingeboren, von der er geprägt wird, an das Wissen und die Gepflogenheiten seiner Zeit und Kultur, an Geschlecht, an Gesellschaft, Religion und Sozialstatus, an Gesetz und herrschende Denkgewohnheit.
Diese Mauern des Seins sind nicht oder kaum übersteigbar,  undurchsichtig, die isolierende Kerkerhaft durch die Geburt ist dauerhaft, eine Begnadigung erfolgt ausschließlich durch den Tod. Freiheit – besonders aber auch die Willensfreiheit – ist somit nur ein Synonym für die beschränkte Bewegungsmöglichkeit im Verlies des Lebens, ist immer relativ und wird nur durch den Tod absolut.


Psychologische Kränkung

Sigmund Freud kommt der Verdienst zu, die Vernunftorientierung des Menschen, die Jahrhunderte lang durch die Philosophie vertreten wurde, relativiert zu haben und den Menschen als Triebwesen erkannt zu haben. „Der Mensch ist nichts anderes und nichts besseres als die Tiere“ schreibt er in “Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse“. Er ist ein Triebwesen, ein homo natura, ein Gefühlswesen mit Ängsten, Wünschen, Begierden und Sehnsüchten, mit dem Trieb zur Arterhaltung, aber auch mit einem starken Destruktionstrieb, kaum unterscheidbar von seinen tierlichen Mitlebewesen. Man unterliege nicht der Illusion, dass der Zerstörungstrieb im modernen Menschen verschwunden oder verflacht ist. Er schläft nur unter der dünnen, sehr dünnen Decke von Moral und Gesetz, ist aber sofort hellwach, sollte es eine individuelle oder kollektive Situation erfordern. Die Geschichte der Völker und die Kriminalstatistiken der Staaten warten mit vielfältigen Beispielen auf.
Der Mensch ist demzufolge nur zum kleinen Teil rationales Verstandeswesen, zum überwiegenden Teil aber ein Wesen, das vom Unbewussten dominiert und weitgehend gesteuert wird. Treffend sagt Freud „der Mensch ist nicht Herr im eigenen Haus“, ein Individuum also, dass von unbewussten Neigungen, Vorlieben und Sympathien, aber auch von inneren Konflikten und von kognitiver Dissonanz getragen und gelenkt wird. Der vermeintliche freie Wille wird zu einer Chimäre, häufiger, als rationales Denken normalerweise eingestehen mag.
Die starke Triebsteuerung des Menschen hat aber zur Folge, dass nicht alle Leidenschaften und Neigungen in einer Gesellschaft ausgelebt werden können. Die Realität verlangt Rücksicht; Gesetze, Moral und Wertvorstellungen setzen Schranken. Das Individuum reagiert mit Abwehrmechanismen, ausweichendem Verhalten und Ersatzhandlungen, mit der Flucht aus der Realität in eine Ersatzwelt. Freud definiert derartige psychische Krankheiten wie folgt:
„Die Neurose verleugnet die Realität nicht, sie will nur nichts von ihr wissen;
Die Psychose verleugnet sie und sucht sie zu ersetzen“(Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose).
Der Fleischesser, der um den Horror der Schlachthöfe weiß, ist damit als typischer Neurotiker entlarvt, der Jenseitsgläubige, der sich aus dem realen Leben fortlügt, als Psychotiker! Walther Ziegler(Freud) beschreibt es treffend:“Um die Tatsache des Todes nicht ständig vor Augen zu haben, flüchtet das Ich in die Religiosität und damit in eine Art kollektive Psychose. Das Ich halluziniert ein ewiges Leben nach dem Tod. Dem starken Wunsch nach Unsterblichkeit entspricht nach Freud der ebenso starke Glaube an ein jenseitiges Paradies“

Epilog

Die kopernikanische Kränkung, die biologische Kränkung, die psychologische Kränkung, die Demütigungen durch Zufall, Zeit und Mikrobiologie zerfressen das Selbstbewusstsein der Menschheit. Der Kreis schließt sich. Es sind Wahrheiten, Erkenntnisse und Schlussfolgerungen, die schwer, für die Mehrzahl der Individuen aber unverdaulich sind. Sie fühlen und spüren es, dass es ein gefürchtetes Wissen, ein verbotenes Wissen, ein vernichtendes Wissen, ein Wissen ist, dem es auszuweichen gilt, das gemieden werden muss, vor dem man fliehen sollte, will man nicht der Verzweiflung anheimfallen.
Der erkennende  Mensch schaut in den Abgrund des Nichts, der Verlassenheit und einer vielfachen totalen Isolation, wittert seine Nichtigkeit  im Eiswind des Seins und aus dem Abgrund funkeln ihm die Augen der Sinnlosigkeit, der Vergeblichkeit, der Auflösung und der Zwecklosigkeit entgegen.
Der Weg der Erkenntnis ist ein steiniger, steiler und einsamer Weg, alles andere als bequem und beruhigend, aber es ist der Weg in die Realität. Die Aufführung der Lebenslüge im göttlichen Illusionstheater ist beendet, für immer beendet, der Vorhang hat sich geschlossen, die Schauspieler schminken sich hinter der Bühne ab, derweil die Zuschauer wieder hinaus in die Welt müssen, in die nackte, klare, unverstellte Welt, in die reale Welt. Der Regisseur wünscht allen Besuchern noch einen schönen Abend und gibt ihnen ein letztes Wort mit auf den Heimweg:

Im Horizont des Unendlichen. – Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns – mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, daß er unendlich ist und daß es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. Oh des armen Vogels, der sich frei gefühlt hat und nun an die Wände dieses Käfigs stößt! Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre – und es gibt kein »Land« mehr! (Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft,124)


16.6.2017    Gunter Bleibohm

 

 

 

 


Share |