Aphorismen zum Antinatalismus Drucken E-Mail

 

Antinatalismus und contemptus mundi aus "Widerrede I, II und III"


G e b e t . — Vater Sonne, Mutter Erde, bitte
begleitet alle Tiere auf ihrem Schicksalsweg und behütet eure
Tierkinder. Macht euren Fehler bald rückgängig und löscht
die Menschheit wieder von der Erde aus.
Mischt mein Wesen mit dem der Pflanzen und Tiere, aber
lasst mich bitte nach meinem Tod kein Mensch mehr werden.
Lasst mich der Ruf eines Vogels, ein Glitzern der Sonne auf
einem Wassertropfen oder der Flügelschlag einer Mücke werden,
bitte aber kein Mensch mehr!

 

R e c h n u n g . — Mit zunehmendem Alter präsentiert das
Leben langsam die Rechnung für den Aufenthalt, es geht ans
Bezahlen, ans Verlassen der Herberge – es geht raus in den
Tod, raus wieder in das Nichts.

 

 W i e d e r h o l u n g . — Alles was ich denke, fühle,
empfinde ist in der einen oder anderen Weise schon so erlebt
worden, schon so gedacht, gefühlt, empfunden worden.
Wozu der Irrsinn der unendlichen Wiederholungen?

 

E n t s c h e i d u n g . — Der Becher des Lebens fängt an
bitter zu schmecken. Musst du ihn wirklich bis auf den Grund
leeren?

 

Ma s s e n s c h i c k s a l . — Die einzelnen Tage werden
überstanden, ertragen, erduldet, weniger erlebt als erlitten.
Die tägliche Kette der Enttäuschungen, der Ärgernisse, der
Absurditäten legt sich um den Verstand, fixieren ihn, lähmen
ihn, ermüden ihn.
Das Vergebliche, das Sinnlose, die Umsonstigkeit, die Hoffnungslosigkeit
sind die Mauern, an denen der Schädel zerschmettert
wird. Das höhnische Gelächter getäuschter Hoffnungen,
der Zerfall des Körpers, der Zerfall aller Ideen, allen
Wollens und Strebens, begleitet den Absturz. Die Rückkehr
aus der Hölle in das Nichts kommt näher, das Leben rast auf
der Straße der Nichtigkeiten dahin.


S p u r e n . — Unterschiedliche Weltsicht: Mein Leben ist für
mich alles, für das Weltganze ein Nichts!
Merke daher: Sowenig, wie dein Schatten auf einem Felsen
eine Spur hinterlassen wird, sowenig wird die Spur deiner
Existenz im Universum auffindbar sein.


W e r t . — Man täusche sich nicht über den Wert des Lebens,
auch des menschlichen Lebens, wird doch die Symphonie
der Lüge, des Betruges mit diesem Diktum am vortrefflichsten,
aber auch am verlogensten gespielt.
Wert misst man dem Leben genau solange bei, wie es für Kirche,
Staat und Gesellschaft von Nutzen ist, solange man an
diesem Leben verdienen kann, solange man es als Soldat in
den Krieg schicken und als Arbeitssklave gebrauchen kann,
solange es dem Machterhalt einer Institution dient.
Darüber hinaus ist es ein ökonomisches Prinzip, dass der Wert
von Dingen, die im Überfluss vorhanden sind, schnell sinkt,
da austauschbar, immer verfügbar und problemlos ersetzbar.
Die unleugbare Evidenz lehrt, dass die Menschheit heute die
Masse des Massenmenschen, das hominide Massenprodukt
schlechthin, verkörpert.
Natürlich gibt es daneben in der Existenz des Individuums
noch die kleine Schar der Angehörigen und Freunde als dubiose
Wertekomponente, denn angehörig sein heißt nicht
zwangsläufig, das andere Familienmitglied zu schätzen, heißt
tatsächlich oft nur nutzen, benutzen, ausnutzen, häufig auch
nur erdulden und ertragen.
Der propagierte Wert des Lebens, ohne kirchliche und humanistische
Moralschminke betrachtet, hat regelmäßig nur Objektfunktion,
ist Mittel zum Zweck. Entfällt der Zweck, wird
der Wert sehr schnell zweifelhaft, das hohe Lied von der Heiligkeit
und Würde des Lebens verklingt, ein anderer Nutzen
wird mit einer neuen Lüge in die Köpfe der Aus- und Benutzbaren
infiltriert; jeder Krieg beweist diese Behauptung!
Diese Abfolge galt für die Vorfahren, die unendliche Reihe der
Toten in der Menschheitsgeschichte. Wo ist der Grund, dass
es bei heute und künftig Lebenden anders sein sollte? Oder
wie Emil Cioran es ausdrückte: Wenn ich mich früher angesichts
eines Toten fragte: „Was hat es ihm genützt, geboren
zu werden?“ so stell ich mir nunmehr die Frage angesichts
jedes Lebenden.

 

G e g e n s i c h t . — Das Recht zum Leben verwandelt sich
gegen Ende des menschlichen Seins in einen Zwang zum Leben
– so zumindest das Gesetz des Staates.
Der Zwang zum Leben verwandelt sich für den freien Geist in
ein Recht zum Sterben – so mein Gesetz.

 

V i s i o n . — Die Zeit wird kommen, wo man das menschliche
Leben auch im allgemeinen Bewusstsein so ansehen wird,
wie es realiter ist – belanglos, unbedeutend, nutzlos.
Man wird Sterberäume einrichten, wo jeder, der den Wunsch
dazu verspürt, das Leben auf angenehme Weise verlassen
kann.
Man wird dem Leben durch die freie Wahl zwischen Leben
und Tod die Würde zurückgeben, das es verdient und das gezwungene
Vegetieren im Morphiumnebel ächten. Man wird
wieder aus Kostengründen Respekt vor dem freien Willen zum
Tod haben.


L e b e n . — Man hat es noch nicht verstanden, man scheut
immer noch zurück, einen Betrug, eine Unaufrichtigkeit, eine
der größten Lügen über das Leben, aufzugeben.
Die Vorstellung ist noch in den Köpfen, wird von den Kanzeln
gepredigt, vom Staat gelehrt und von den Eltern an Kinder
weitergegeben, dass Leben dem Tod unter allen Umständen
vorzuziehen sei. Nichts ist verlogener, lebensverachtender, demütigender!
Überleben, vegetieren, als atmender Leichnam
existieren, ist der Würde eines Lebewesens diametral entgegengesetzt
und ist die Verachtung des Lebens schlechthin!
Verjagt endlich diese Phantome, die euch den Trug vom Wert
des Lebens um jeden Preis predigen, verbannt diese Wiedergänger
der heimtückischen, der arglistigen Täuschung.


U n t e r s c h e i d u n g s m e r k m a l . — Der Frosch, der
Hund, der Wal, der Mensch gleichen sich in ihrer Bedeutungslosigkeit,
in der Absurdität ihrer Existenz, in ihrer Zwecklosigkeit
für das Universum, wie ein Ei dem Anderen – mit einer
Einschränkung.
Der Mensch hinterlässt im Gegensatz zu allen anderen Lebensformen
eine finale Spur der Lebensvernichtung gegenüber
anderen Arten.
Sein einziges Unterscheidungsmerkmal ist damit aber auch
das denkbar Infernalischste.


B e u r t e i l u n g . — Die Majorität beurteilt die Güte eines
Lebens primär nach seiner Länge und weniger nach seiner
Tiefe. Es wird die zeitliche Ausdehnung als wichtiger angesehen,
als die inhaltliche Tiefe der Lebensbahn.
Gedanklich würde man sich bereits in einem ersten Schritt
von der Primitivforderung nach langem und längsten Leben
lösen, würde man zur Beurteilung versuchen, das Produkt aus
Länge und Tiefe zu maximieren und als übergeordnete Zielfunktion
Zufriedenheit postulieren.
Der eigentlichen Güte der Lebensessenz käme der Beurteiler
jedoch am nächsten, wenn in die Gesamtbetrachtung – gerade
bei kleiner und kleinster Lebenslänge – noch die vermiedenen
Leiden der längerdauernden Existenz einbezogen werden,
wie es für stoische Philosophen selbstverständlich war.
Allein dieses Beispiel verdeutlicht den intellektuellen Vorsprung
antiker praktischer Philosophie vor den Forderungen
heutiger christlicher Denkstrukturen.


D u m m h e i t e n . — Kinder sind unsere Zukunft – erste
Dummheit.
Wessen Zukunft? Wer ist „unsere“? Was bedeutet Zukunft?
Etwas Gutes, etwas Schlechtes? Was für Kinder? Jedes Kind,
ob dumm, ob krank, ob schlau, ob Junge, ob Mädchen, ob
schwarz, ob weiß, ob gelb, ob in Deutschland, ob in Nigeria?
Kleine Fragen, die sich beliebig fortsetzen lassen, die aus der
heutigen organisierten Massen-Unbildung resultieren, aus
dem Dummheitsrepertoire heutiger Schlagwortpolitiker.
Stillschweigend unterstellt diese Aussage in concreto jedoch
immer, dass künftige Kinder die maroden und fehlkonstruierten
Renten- und Krankenkassensysteme staatstragend bedienen,
den demografischen Wandel abmildern sollen, gemeint
ist, dass diese Kinder die globale Wirtschaft mit Wachstum fördern,
zumindest solange, wie die Kinderproduzenten selber
existieren. Danach ist ihnen die Zukunft meist gleichgültig,
uninteressant, kein Gedanke mehr wert.
Gemeint ist hingegen nie, den Lebensraum von Mensch und
Tier lebenswert zu erhalten, gemeint ist nie, dass künftigen
Kindern eine lebenswerte Zukunft schon vor ihrer Geburt von
den gedankenlosen Erfindern solcher Schwachkopfslogans für
immer verbaut wurde, gemeint ist nie, dass jedes Leben mit
Leid verbunden ist, das mit der Erzeugung einer neuen Existenz
billigend in Kauf genommen wird.
Letztendlich erfolgt die Kinderproduktion dieser Sektion aus
einem egoistisch-finanziellen Blickwinkel heraus, weil es dazugehört,
weil man im Alter nicht allein sein möchte, weil man
sich nach allen Seiten absichern möchte. Diesen Kindern wird
primär das Leben als Produktionsfaktor Versorgung aufgezwungen,
als lebende Finanzplanung, nämlich „dass du ohne
wirtschaftliche Sorgen alt und blöd werden darfst“, wie Ödön
von Horváth es so treffend ausdrückt.
Meine Kinder sollen es mal besser haben – zweite Dummheit.
Wie besser? Mehr Konsum? Mehr Freiheit? Mehr Lebensraum?
Mehr Arbeit? Mehr Bildung?
Wenn die Zukunft unklar und nebulös ist, das Besserhabensollen
ein ungedeckter Wechsel auf einen imaginären Wunsch
ist, ist es dann verantwortungsvoll, Kinder auf die ungewisse
Lebensbahn zu setzen?
Nun verstand der französische König Heinrich IV unter Besserhabensollen
das berühmte sonntägliche Poule au pot, das
Huhn im Topf für jedermann, die Großelterngeneration den
Käfer von VW vor der Haustür, die heutige Generation Arbeitsplatzsicherheit,
materiellen Wohlstand, kurzum, dauerhaft ungefährdetes
Wohlsein in einer sterbenden, ausgelaugten Welt.
Einstmals zwei erfüllbare Wünsche, der heutige Wunsch eine
Unmöglichkeit par excellence!
Zeugt dieser Elternwunsch also von Geist, von Nachdenken,
von der Antizipation künftiger chaotischer Verhältnisse in einer
Welt der Massen, in finanziell ausgebluteten Staaten, in
einer zementierten und vergifteten Natur? Oder sind diese
Eltern egoistische Hasardeure? Oder leben wir bereits in einer
Kultur von fatalistischen Ignoranten? Ist kollektive Ignoranz
gar Lebensinhalt, Lebenselixier geworden?
Die überwiegende Mehrzahl der geborenen Existenzen besitzt
Erzeuger, die einer der beiden Sektionen zuzurechnen sind.
Nimmt es also Wunder, wenn ein Abgleiten unseres Planeten
in ein totales Desaster bevorsteht, mehr als wahrscheinlich ist,
nicht mehr verhinderbar sein wird?
Die Welt, und leider nicht nur die Menschenwelt, sondern
auch die unschuldige Tierwelt, ist ein wachsendes Elend, das
sich auf die endgültige Katastrophe zubewegt, da die Divisionen
der Charakterlosen unter dem Kommando von Idioten –
ebenfalls Ödön von Horváth – im geistlosen Gleichschritt auf
die Klippe zu marschieren.


F ä r b u n g . — In der Kette der Lebenstage hat jeder Tag –
von Geburt bis zum Tod – für das Individuum objektiv gleichwichtige
Substanz, ist doch diese Kette der atmende Lebensfaden
des biologischen Seins.
Es ist ausschließlich menschliches Handeln, Denken und Werten,
das einem beliebigen Lebenstag seine individuell subjektive
Färbung gibt, positiv, wie negativ. Die Färbung aber bestimmt
die Qualität, die Güte des durchlebten Seins, Tag für
Tag, einzeln betrachtet, summiert betrachtet.

D e r S t u r z . — Unser Leben ist der Tanz der Bedeutungslosigkeit
auf der Nadelspitze. Jeder Sturz führt in die Unendlichkeit,
in die Ewigkeit des Nichts.


K o n s t a n t e . — Jedes Leben ist ein infinitesimaler Punkt,
ein unendlich klein werdender Punkt, auf einer unendlichen
Zeitachse, in einem unendlichen Raum. Er ist das Maß der
kosmischen Bedeutungslosigkeit, die definierte Konstante der
Belanglosigkeit, gültig für jedes Lebewesen, ob Mensch, ob
Biene, ob Hering, ob Bakterie, ob Baum oder Blume.
Wird man je begreifen, dass die kosmische Konstante jedem
Leben gleiche Wichtigkeit, gleiche Nichtigkeit, gleiche Bedeutungslosigkeit
zumisst, absolut gleiche Ergebnisse für Mensch
und Tier liefert, immer, ohne Unterschied?
Jede Zahl, klein wie groß, mit Null multipliziert ergibt Null, jedes
Leben mit der kosmischen Konstanten multipliziert ergibt
Vergeblichkeit!
Aber wer hat schon genügend Redlichkeit, genügend Demut
für diese Rechnung?


A u s n a h m e . — Im Zeitablauf sind wir Lebenden nur die
Spitze in einer unendlichen Reihe von Toten. Wir Überlebende
sind die ganz große Ausnahme.


F l u c h . — Wann wird der Zeitpunkt kommen, dass man
die Fortpflanzung der Menschen ächtet? Wann wird man erkennen,
dass ungebremste Fortpflanzung alles Leben zerstört,
lebensunwert macht?

 W a n d e r u n g . — Wir kommen aus dem Nichts,
wir gehen in das Nichts und dazwischen ... da leben wir im
Nichts und sind ein Nichts!


N i h i l i s m u s . — Die überbordende Existenz des Massenmenschen,
der in seiner molluskenhaften Dumpfheit durch
das Leben aller Weltteile treibt, ist ein evidentes Zeugnis für
die Sinnlosigkeit des Daseins.
Die endlose Produktion lebender Massenware durch die Natur,
die ewige Wiederholung sinnloser Variationen, ist der Beweis
für die Richtigkeit nihilistischer Thesen.


Z w e i S e i t e n . — Die Lebenswelt ist in zwei Teile gespalten:
die helle Seite der Welt und die dunkle Seite der Welt.
Auf der hellen Seite bemühen sich alle Menschen um die Banalitäten
ihres Wohlstandes und Wohlergehens.
Auf der dunklen Seite der Welt kämpfen Tiere u n d Menschen
um Existenzielles, nämlich um ihr Leben.
Auf der hellen Seite fließt Champagner, auf der dunklen Seite
Blut.
Auf der hellen Seite ist fröhliche Überheblichkeit, auf der
dunklen Seite Angst, Schrecken und Qual.
Aber Angst, Schrecken und Qual der dunklen Seite erreichen
irgendwann auch jene auf der hellen Seite – spätestens dann,
wenn das Leben zu Ende geht, so dass die dunkle Seite alle Lebewesen
frisst, sie gleich macht und sie in der Unendlichkeit
des Nichts verschwinden lässt. Die einzige und endgültige
Gerechtigkeit des Lebens!


Z w e i f e l . — Leben ist Leiden, langes Leben ist langes Leiden,
ein Leiden meist, dass mit zunehmender Lebensdauer
anwächst und in einer Eskalation normalerweise das Leben
beendet.
Der Tod tritt als Erlösung vom Leidensweg ein.
Diese Prämisse, diese These lehrt uns sowohl Philosophie als
auch Historie, so dass sich Fragestellungen ergeben, die ungewohnt
konträr zu herkömmlichen Denkmustern verlaufen.
Betrachtet man beispielsweise den Lebensweg eines Tieres in
der Massentierhaltung, der von der ersten bis zur letzten Minute
von Qual und Elend geprägt ist – ist dort der Metzger
ein Erlöser?
Muss man aber den finanziellen und gesetzlichen Verursachern
dieses Leidens – selbst als Atheist – nicht ein ewiges
Leben wünschen?
Betrachtet man das Dahindämmern eines Menschen im Morphiumnebel
des Pflegeheims – ist der dortige Lebensverlängerer
ein Sadist?
Fragestellungen jenseits Tageszeitung, Fragestellungen jenseits
der Norm – geächtete Fragestellungen.


E r w a r t u n g . — Man erwartet unbewusst, dass das Leben
einem Höhepunkt zustreben müsste.
Nein, im Gegenteil, man kämpft nur gegen Verfall, gegen
Sinnlosigkeit bis hin zum banalen Ende – und es war nichts!
Ma x i m u m . — Potentielles Leben, das nicht existiert, dem
nicht zur Existenz verholfen wird, kann nicht leiden.
Ist es so schwer, diesen Satz zu begreifen, ihn umzusetzen,
zumal seine Umkehrung lautet: Leben, das existiert, leidet.
Was treibt den Mensch also, Leiden grenzenlos zu produzieren,
zu vergrößern, mit jeder Handlung zu vertiefen, bei der
eigenen Spezies nicht anders als gegenüber der Tierwelt?
Der Verdacht liegt nahe, dass in seinem Wesen die Kombination
von Sadismus und Masochismus das absolute Maximum
auf diesem Planeten erklimmt.


U n n ö t i g . — Das Leben lebt immer von der Vernichtung
fremden Lebens; zu leben heißt, zu töten und zu vernichten;
langes Leben heißt lange töten; zu gebären heißt,
Leben zu schaffen, das weiter tötet; Leben ernährt die endlose
Todesspirale; Leben schafft die Hölle im absoluten Frieden
des Mineralischen; neues Leben schaffen ist der Ausdruck der
Lebensverachtung; Leben ist die größte Nutzlosigkeit im Universum.


P r o d u k t i o n . — Die Schaffung neuen menschlichen
Lebens geschieht in der Regel triebgesteuert, situativ bedingt
und unüberlegt. Sie ist häufig verstärkt motiviert von einem
unreflektierten Egoismus, oftmals als Vollzug sozialer Normen,
teilweise als Erfüllung religiöser Phantastereien.
Auf alle Fälle aber ist jegliche Menschenproduktion mit einer
erheblichen Prise Gleichgültigkeit und fehlender Antizipation
künftiger Ereignisse gewürzt. Der Erzeuger des neuen Lebens
stellt primär sich in den Vordergrund seines Tuns, das künftige
Leid des zum Leben gezwungenen Individuums kommt in
seiner Betrachtung allenfalls als Marginalie vor.
Man sollte es aber präziser als vorsätzlich bösartige Torheit bezeichnen,
wenn potentielle künftige Leidenssituationen billigend
in Kauf genommen oder grundsätzlich nicht in Betracht
gezogen werden; die Verachtung gegenüber dem neuen Leben,
wie sie der triebgesteuerte Lebensfabrikant demonstriert,
ist grenzenlos!


Z u s a m m e n h a n g . — Das Ende allen Seins, der Übergang
zum rechtlosen Vegetieren jeglichen Lebens, ist weder
eine Frage der Religion noch der Philosophie, sondern schlicht
und ergreifend ein Ergebnis emotionsloser Mathematik.
Sowenig, wie in eine Badewanne beliebig viel Wasser eingefüllt
werden kann, sowenig kann eine endliche und räumlich
begrenzte Welt beliebig viele Menschen tragen und schon
gar nicht dauerhaft ernähren. Trotzdem wird dieser einfachste
Zusammenhang nicht verstanden, was wiederum ich nicht
verstehen kann.

V o r f a h r e n . — Was uns unmittelbar mit unseren Vorfahren,
besser gesagt, mit allen Lebewesen der Vergangenheit
verbindet, ist die Vergeblichkeit des Seins. Ihre Lebensexistenz
hat nur die Fackel des Leidens, die Nichtigkeit jeglichen Seins,
weitergereicht und sonst nichts.


W u n s c h . — Wäre es nicht das wunderbarste Geschenk
für die gesamte Natur, wenn eines Morgens alle männlichen
Angehörigen der menschlichen Rasse aufwachten und feststellen
müssten, dass sie in dieser Nacht unfruchtbar geworden
sind?

F i n a l e . — Das ist der große Trugschluss, dass die Bevölkerungsexplosion
zum Aussterben der Menschheit führt. Dieses
gewünschte Gnadenscenario wird nicht eintreffen, sondern
es wird sich ein neuer Gleichgewichtszustand herauskristallisieren,
der eine Restbevölkerung befähigt, auf einem völlig
denaturierten, vergifteten, verbauten Kunstgebilde, vormals
Erde genannt, in sklavenhafter Abhängigkeit und qualvoller
Enge zu vegetieren.
Menschenrechte, Menschenwürde, Humanismus, Ehrfurcht
vor dem Leben, Freiheit und Selbstbestimmung werden Klänge
aus längst verflossenen Zeiten sein.
Die Massen-Menschhaltung, nur graduell unterschieden zur
Massen-Tierhaltung, wird Realität. Die Menschheit wird am eigenen
Leib alle Grausamkeiten modifiziert erleben, die vorher
der Tierwelt durch die humanoide Spezies zugefügt wurden.
Man wird die Fortpflanzung viel zu spät ächten, nämlich erst
dann, wenn jedem Geborenen ein Toter entgegenstehen muss,
vergleichbar dem überfüllten Parkhaus, das nur einen neuen
Stellplatz bietet, wenn ein Fahrzeug das Haus verlassen hat.
Das erbärmliche Vegetieren wird solange andauern, ein fürchterlicher
Verteilungskampf auf den nächsten folgen, bis die
letzten Restressourcen zu Neige gegangen sind, der Gleichgewichtspunkt
gegen Null wandert oder bis eine andere Spezies
Macht und Herrschaft übernommen hat und die Menschheit in
vergleichbarer Manier erst reduziert und dann eliminiert, wie
es zuvor mit der Tierwelt durch den Menschen geschah.
Vermutlich werden dann die Bakterien die neuen Weltherrscher
werden und das Rad des Lebens in neuer Form weiterdrehen.
Auf der Leiche des letzten Menschen werden die Bakterien
tanzen.


Z e i t p u n k t . — Bei der Geburt gelangt die Kreatur auf
einen Gefängnishof mit unüberwindlichen Mauern an jeder
Seite; die Fläche des Hofes, auf den die Blitze des Schicksals
einschlagen, wird täglich kleiner, somit auch die Fläche zum
Ausweichen. Das einzige was erkennbar ist, das jeder getroffen
wird, der Zeitpunkt bleibt ungewiss.
Oder:
Du bist wie das Lamm auf der Weide, über deren Zaun der
Metzger schaut und täglich ein Tier auswählt. Auch hier weißt
du, dass die Wahl früher oder später auf dich fällt.

H o ff n u n g . — Der Beobachter im Weltraum müsste
den Schrei der gequälten Lebewesen hören, aber es gibt ihn
nicht!
Die unbelebte Materie müsste die Schmerzensqualen des Organischen
spüren, aber was geht sie dieser Irrsinn an?
Der Kreislauf des Lebens – die absurdeste, perverseste, sadistischste
Abart von Naturentwicklung im gesamten All. Die Erfindung
eines Mördergottes? Eine zufällige Abartigkeit in der
Natur, im Universum? Ist die Erde ein einmaliges Ereignis oder
ein einmalig krankes Ereignis?
Lasst uns Lebewesen gemeinsam hoffen, dass es eine Abart
der Natur nur unseres Planeten ist, dann können wir wenigstens
gewiss sein, dass alles Leid endlich ist, die Fehlentwicklung
mit dem Erlöschen der Erde ein Ende hat – ansonsten
Leid ad infinitum!

 V e r s t e h e n . — Die Umsonstigkeit des Lebens
sagte vor Jahren Adolf Luther beiläufig zu mir. Nur zu gut
versteh ich ihn heute.


K r e u z i g u n g . — Keine Hilfe, keine Besserung in Sicht –
nur die Aussicht auf Verschlechterung, auf Verschlimmerung.
Das Wissen um einen sinnlosen Kampf, ein Kampf, der immer
verloren geht und verloren wird, das Wissen um einsamen Untergang
in Leid und Verzweiflung, in ein Leid, das nicht teilbar
ist, in Verzweiflung, die nicht übertragbar, vermittelbar ist.
Dies ist die wahre Kreuzigung des Lebens!

S i n n d e s L e b e n s . — Auf dem regennassen Weg laufe
ich zwischen zerfetzten, zuckenden, zerrissenen Leibern, zwischen
sterbenden, toten, lebenden Würmern.
Überall ist Krieg, überall ist Tod, überall ist Leid.
Wir töten und verletzen in Unschuld mit dem Fuß, mit dem
Auto, durch unsere Existenz. Wir registrieren nicht einmal die
Spur der Vernichtung, die Spur des Schmerzes, die wir ziehen.
Wir sind Bestandteil der Todesmaschinerie dieser Welt – unser
Fortschreiten gebiert Tod und Schmerz und Leid.
Alles Leben folgt einer Hierarchie des Tötens, einer Hierarchie
der Vernichtung, einem endlosen Strom der Sinnlosigkeit
– immer wieder gespeist aus der Quelle neuen Lebens. Ein
Kreislauf des Irrsinns, ein Kreislauf der Vernichtung, ein Kreislauf
ohne Ziel, scheinbar geschaffen, Leid, Schmerz, Angst zu
erhalten ... als den großen Sinn des Lebens.

T r a u m h a f t e N a c h t . — Herrliches Winterwetter mit
hohen Minusgraden, sternklare Nacht und vom schwarzen
Waldrand her ein weiter Blick über das Glitzern des weißen
Schnees. Eine traumhafte Nacht, um zu erfrieren!


2 1 0 0 . — Schaut man im Jahre 2100 viertausend Jahre
zurück, also in die Anfänge einer sich stabilisierenden Kultur,
stellt man leicht fest, dass Mensch und Natur sich damals nahezu
im Gleichgewicht befanden.
Viertausend Jahre später, ein Zeitraum, der in der Erdgeschichte
einem Wimpernschlag gleicht, ist freie Natur nicht mehr
vorhanden, die Lebewesen sind auf wenige Arten zusammengeschrumpft,
alles ist überzogen von einer Menschenbrut in
einer Kunstwelt. Es ist der Verdienst der Menschen, die Beseitigung
der natürlichen Vielfalt schneller geschafft zu haben,
als zuvor jede kosmische Katastrophe. Der Preis dafür war die
Degradierung der Menschen zu bedeutungslosen Nummern
in geistiger Versklavung. Wohl dem, der früh sterben durfte!


A r t e n s t e r b e n . — Tierarten sterben mit rasender Geschwindigkeit
aus, Pflanzenarten sterben mit rasender Geschwindigkeit
aus. Die Menschheit wächst mit rasender Geschwindigkeit
und frisst sich in den Raum der ausgestorbenen
Arten.
Aber wer vermisst überhaupt ausgestorbene, vernichtete Arten?
Arten, von denen uns unsere philosophische Überzeugung
doch lehrt, dass all das, was nicht existiert, auch nicht leiden
kann.
Nur das Erinnerungsvermögen des Menschen, das sich beim
Blättern in den Büchern der Historie auf vergangene Vielfalt
besinnt, denkt an vernichtete Arten zurück – aber emotionslos,
sowenig wie das Fehlen der Saurier heute bedauert wird.
Man ist soweit im Denken, im Fühlen und Empfinden verkommen,
dass die eigene Art als ausreichende Vielfalt genommen
wird.
Was wird in Zukunft sein?
Die Menschheit wird in kurzer Zeit sich selber allein auf einer
zementierten Erde gegenüberstehen und alle Gnadenlosigkeit
und Brutalität am eigenen Leib erleben, nämlich die gleiche
Brutalität, mit der die Vielfalt des Lebens der Hybris der
menschlichen Dummheit geopfert wurde.
Die Natur hat sich aber in Wartestellung zurückgezogen und
beobachtet mit kosmischem Gelächter den Untergang einer
Mörderspezies, die eigene Versklavung der Krone der Idiotie.
Der Mensch als Witz der Evolution, als schlechte Komödie auf
der Bühne des Universums – so wird es im Feuilleton der Götter
zu lesen sein.


S e l b s t m o r d . — Jedes System, das in einer endlichen
Umgebung nur bei Wachstum stabil arbeitet, produziert auf
Dauer eine Blase, die – vergleichbar dem Luftballon – bei einem
unbekannten Schwellenwert platzt und in einen chaotischen
Prozess übergeht. Partielle Systeme, wie Finanzsysteme,
Autoproduktionen etc., stabilisieren sich nach dem Zusammenbruch
möglicherweise wieder auf niedrigem Niveau.
Aus dem System des ungebremsten Bevölkerungswachstums
resultiert allerdings der künftige Massenmord an der Menschheit,
der kollektive Selbstmord dieser Spezies.


F r i e d e n . — In der Abenddämmerung zogen sich die
Wolken zusammen. Von überall, dunkel, drohend, gewaltig
und schwer. Den ersten Tropfen folgte ein Regen, andauernd,
ein langer Landregen.
Aber die Regentropfen waren diesmal anders, völlig verändert,
sie waren schwarz, tiefschwarz und funkelten in den letzten
Sonnenstrahlen wie fallende Diamanten, ein diamantener
Regen, voller Schönheit, Klarheit, ein Regen des Absoluten.
Jeder Tropfen, der auf irgendeine Form von Leben traf, auf
Pflanzen, auf Tiere und Menschen, verwandelte dieses Leben
sofort in eine mineralische Struktur, entzog aller Kreatur das
Leben und schuf stattdessen eine reine kristalline Welt.
Als der Regen aufgehört hatte und die Sonne wieder am Horizont
erschien, war die Welt verändert, erneuert, war frei, war
wieder so wie einstmals, wie alles im Universum.
Leben war vollständig unbelebter Materie gewichen, absoluter
Friede war auf den Planeten zurückgekehrt, die Natur hatte
ihren Irrtum vom Leben endgültig korrigiert.

F i n a l e . — Die Welt versinkt. Nicht nur unter den steigenden
Meeren, mehr noch unter der steigenden Menschenflut.
Das exponentielle Wachstum der hominiden Spezies hat jegliche
Beherrschbarkeit hinter sich gelassen; das Boot ist am
Sinken, das Schöpfen ist eine Vergeblichkeit geworden, das
Zweckloseste überhaupt.
Ein täglicher Zuwachs von netto ca. 200.000 Essern weltweit
ist der Vernichtungswirkung einfallender Heuschreckenschwärme
weit überlegen.
Sucht man eine, nein, d i e apokalyptische Zahl, dann ist es
die neue Konstante des Untergangs – 200.000 menschliche
Individuen zusätzlich, täglich, bis zum bitteren Ende, bis zum
tödlichen Ende.

W e l t . — Ich bin in eine andere Welt hineingeboren worden.
Die Welt, die ich demnächst verlassen werde, ist verändert,
ist nicht mehr meine Welt. Was einst groß war, ist klein
geworden, was einst schön war, ist hässlich geworden, was
einst Geist war, ist Stumpfsinn geworden, was einst Individualität
war, ist Masse geworden, was einst Natur war, ist Müll
geworden, was einst Freiheit war, ist demokratische Diktatur
geworden. Was ich zurücklassen werde, ist ein stinkender, versinkender
Planet, ist eine Erde, von der ich rechtzeitig fliehen
konnte, bevor mir die Verzweiflung den Atem nimmt.


Ü b e r z ä h l i g . — Tiere, wie beispielsweise Schafe auf einer
Hallig, die überzählig sind, weil das umgebende Ökosystem
sie dauerhaft nicht ernähren kann, werden geschlachtet,
um ein Kollabieren des Systems zu verhindern und um ein
Überleben der Herde zu gewährleisten.
Wird dieses Meuchelsystem gedanklich globalisiert, tritt der
Mensch mit seinem exponentiellen Bevölkerungswachstum
an die Stelle des überzähligen Schafes, er wird zum überzähligen
Mensch, da die verfügbare Fläche der Erde ebenso limitiert
ist, wie der Lebensraum der Hallig.
Wisst ihr Menschen nun um eure Zukunft oder wollt ihr auch
diesen Gedanken solange nicht denken, bis eine neue Art von
Metzger auch euch holen kommt?


A n t i n a t a l i s t . — Jesus blieb bis zu seiner Hinrichtung
ledig und kinderlos. Ob er impotent oder homosexuell war
lässt sich heute nicht mehr eruieren, genau so wenig ob er seine
sexuellen Bedürfnisse per Onanie, im Bordell oder bei befreundeten
Frauen oder Männern befriedigte.
Entscheidend ist aber, dass er mit sehr gutem Beispiel voran
ging und antinatalistisch lebte.
Vielleicht hielt ihn aber auch der Gedanke zurück, dass nach
Gottvater, Mutter Gottes und Sohn Gottes ein Enkel Gottes
selbst den stumpfsinnigsten Gläubigen überfordert hätte.


G e m e i n s a m k e i t . — Die konsequentesten Vertreter
des Antinatalismus sind Homosexuelle und Priester. Mit dem
Antinatalismus ist die Gemeinsamkeit beider Gruppen aber
weitgehend erschöpft, bis auf die nicht gar so seltenen Fälle,
in denen einer – natürlich inoffiziell – beiden Gruppierungen
angehört.
Für den Priester ist sein vorbildlicher Antinatalismus keine
Frage der Vernunft, sondern geschieht zur höheren Ehre der
Kirche, obwohl seine Konfession in höchsten Tönen den Natalismus
predigt und fordert. Ihm wird damit ein geistiger
Spagat abverlangt, der für ihn allerdings nur einer unter vielen
ist. Der Priester ist gewohnt, weil dazu ausgebildet, wider
Vernunft und Wissen zu reden und zu handeln. Somit zeigt
sein Antinatalismus in concreto die tiefere innere Weisheit der
Natur, die diese Gattung von Wortartisten und Erkenntnisbetrügern
ausgestorben sehen möchte.
Der Homosexuelle lebt hingegen seinen Antinatalismus als
naturgegebene Konsequenz, wenn auch meist ohne Bewusstsein
für sein bevölkerungspolitisch vorbildliches Verhalten.
Dieses Vernunfts-Gen der Nichtvermehrung sollten fähige
Biologen daher extrahieren und über das Trinkwasser zum
Wohl der gesamten Menschheit, zur Rettung der belebten
Natur, in Umlauf bringen.
Beide Fraktionen beweisen damit wieder mal die Volksweisheit,
dass niemand ungeeignet ist, als vorbildliches Beispiel
zu dienen – auch wenn man in Einzelfällen sehr, sehr lange
suchen muss.


L a z a r u s . — Das Johannesevangelium berichtet von einem
Mann, der vier Tage zuvor gestorben war, beerdigt wurde
und somit seine Bestimmung, den Tod, als das Ziel jeglichen
Lebens erreicht hatte. Sein Körper hätte naturgemäß
verwesen können und Lazarus, so hieß der zu dieser Zeit noch
Glückliche, wäre friedlich in das unendliche Vergessen, in das
absolute Nichts zurückgekehrt. Aber die Johannesfiktion hält
eine besondere, ja geradezu sadistische Bosheit parat. Ein
Mensch namens Jesus holte auf Bitten der Angehörigen den
Lazarus aus dem Tod zurück und stellte ihn erneut unfreiwillig
und ungefragt in das Leben; er wandelt den ewigen Frieden
des Nichts in eine erneute Zwangsdeportation innerhalb
einer nochmaligen Existenz. Waren dem Gottessohn damals
eigentlich die Worte des Prediger Salomo, des Philosophen
unter den Propheten, entfallen, der lehrte, ein guter Ruf ist
besser denn gute Salbe, und der Tag des Todes besser denn
der Tag der Geburt sowie da lobte ich die Toten, die schon
gestorben waren, mehr denn die Lebendigen, die noch das
Leben hatten?
Man könnte dieses Märchen getrost und ruhigen Gewissens
vergessen, würde es nicht beispielhaft Grundzüge christlichen
Denkens skizzieren. Man begegnet dem Grundaxiom heutiger
Lebensentwertung, der Vorstellung, dass Leben um jeden
Preis dem Tod, dem Nichts, vorzuziehen ist. Es stellt sich nicht
mehr die Frage, ein Leben würdig – möglichst auf seinem Höhepunkt
– zu beenden; die Frage lautet inzwischen vielmehr,
wie gelingt es, das Leben wie ein Gummiband auszudehnen
und zu verlängern. Die Länge des Lebens wird als Synonym
für die Güte des Lebens missbraucht. Diese Denkabnormität
wird aber noch durch den Sadismus des Christengottes gesteigert,
indem er dem Lazarus einen neuerlichen Todeskampf,
einen zweiten Tod in unbestimmter Zukunft zumutete, ihm
den Frieden des Nichtseins, des Nichtmehrseins, raubte und
ihn erneut der Sinnlosigkeit des Seins auslieferte.
Die Lazarusfabel symbolisiert exemplarisch das Paradoxon der
christlichen Lebensentwertung durch Lebensverlängerung;
der Fall Lazarus – das Spiegelbild der Absurdität, die skurrile
Reflexion heutiger Denkschemata.


Z w e i e r l e i . — Leben schaffen, gebären, bedeutet in erster
Linie die systematische Erzeugung von Leiden, in zweiter
Linie aber Leichenproduktion. Das gilt für jegliche Kreatur.

S i e g . — Das Nichts gewinnt immer über das Etwas, denn
jedes geschaffene Leben fällt durch den Tod ins Nichts zurück.

V o r t e i l . — Erst der Tod hebt das Diktat der Geburt auf,
stellt die Kreatur gleich mit der Situation einer Nicht-Geburt.
Der Nie-Gewesene verliert nichts, verlässt er doch niemals die
Leidensfreiheit. Hier ist er dem Toten gegenüber entscheidend
im Vorteil, da dieser erst nach der Höllenfahrt durchs Leben in
die Leidensfreiheit gelangt.


S e i n . — Sein hat keinen Vorrang vor dem Nichts, der
Nichtexistenz
fehlt nichts, weder Glück noch Schmerz, weder
Furcht noch Hoffnung


U r z e i t e n . — Warum hat der Feuersturm vor Urzeiten
nicht die erste lebende Zelle, die Geburt allen Leidens, vernichtet?
Dieses Versäumnis hallt als der schrecklichste aller denkbaren
Flüche durch das Universum. Dies nefastus!


T ä g l i c h . — Die Menschheit wächst jeden Tag um ca.
200.000 Köpfe!
Das ist d i e apokalyptische Zahl schlechthin.
Sie ist die Ursache, durch welche die Zukunft von Mensch,
Tier und Natur nachhaltig und dauerhaft vernichtet wird.


R e t t u n g s w e g . — Seid unfruchtbar und mehret euch
nicht.


R e c h t f e r t i g u n g . — Es gibt keine logisch-philosophische
Rechtfertigung, geschweige denn eine Notwendigkeit
für die Existenz von Leben auf unserem Planeten – weder für
Menschliches, noch Tierisches, noch Pflanzliches. Leben ist
d i e eine große Dummheit des Universums, ist der Grundstoff
allen Leidens.


R e g e l . — „Der Irrsinn ist bei einzelnen etwas Seltenes –
aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.“ Wie
wahr, wie wahr, großer Friedrich Nietzsche!
Irrsinn aller Orten, keine Revolte gegen Unvernunft, kein Aufbegehren
gegen Absurditäten, kein Kampf gegen Leid, Angst,
Vernichtung, Versklavung, Ausbeutung, nur dümmliche Hoffnung
auf Besserung. Keine Ächtung der ungebremsten, alles
vernichtenden Vermehrung der menschlichen Heuschreckenkreaturen,
keine Ächtung der vernunftfressenden Religionen,
keine Ächtung der uferlosen Naturausbeutung, keine Ächtung…
von nichts, von niemand, nicht einmal Ächtung der
globalen Verblödung. Die Welt verreckt an der auf positive
Veränderung hoffenden Stupidität, am kollektiven Irrsinn der
viel zu vielen Mittelmäßigen.


K i n d e r . — „Kinder sind unsere Zukunft” so sagt man, nur
… diese Kinder haben keine Zukunft!

S c h l a g w o r t . — Kein Mensch braucht den Mensch.


S p i e lz e u g a f f e . — Die ewige Wiederholung der
Menschwerdung,
der endlose Kreislauf von Geburt und Tod
ist der Überschussproduktion von Spielzeugaffen vergleichbar,
viel zu viele, zu schlecht gefertigt, in der Wirkung nach
kürzester Zeit einschläfernd. Sie werden aufgezogen, hauen
schnell, heftig und lärmend auf ihre Blechbecken, machen ein
paar unbeholfene, schiebende Schritte, werden langsamer,
leiser und ersterben dann in ihrer Bewegung, stehen still. Alle
gleich, alle albern in ihrem Eindruck, alle produziert für den
Müllhaufen der Unsinnigkeit. Mensch und Spielzeugaffe – das
gleiche Produkt einer dauernden sinnlosen Wiederholung.

A m p e l . — Die Einführung der Verkehrsampel war das untrügliche
Zeichen, dass zumindest an dieser Stelle zu viele
Menschen existierten. Es war der Beginn der Kanalisation von
Menschenströmen. Heute ist die cloaca maxima humana über
die Ufer getreten und verpestet mit ihrem ekelhaften Gestank
den gesamten Globus.


L e b e n s v e r ä c h t e r . — Wer Leben produziert – menschliches
oder tierisches – zeigt, dass er keinerlei Respekt und
Achtung vor dem Leben hat. Er zeigt durch seine Tat eine
tiefe Lebensverachtung, die allenfalls durch seine geistige Beschränktheit
erklärbar, wenn auch nicht entschuldbar, ist.


D a n a e r g e s c h e n k . — Jeder von uns ist hinausgejagt
worden in das Leben mit der stillen Massgabe der Eltern:
„Jetzt bist du da, du kannst nicht mehr zurück, sieh zu, wie du
klar kommst, wie du die Aufgaben löst, die dich erwarten. Wir
haben dich am Ufer des Lebens ausgesetzt, wie du zurückkommst
aus diesem Leben, das alles geht uns nichts mehr an,
das ist dein Problem.“
Das Ganze nennt man das Geschenk des Lebens, ein Danaergeschenk
der bösartigsten Sorte, ein Geschenk, auf das so
mancher hätte gut verzichten wollen.


K u n s t . — Die Kunst ist nicht in das Leben zu gelangen –
die Kunst ist, es mit Anstand wieder zu verlassen.


A u s l ö s c h u n g . — Wenn ein Körper nach seinem Leben
wieder in den ewigen Kreislauf der Natur zurückgefunden
hat, sind Gedankenspuren aus persönlichem Erleben – neben
hinterlassenen Werken – in den Herzen der Zurückgebliebenen
das einzige, was als Verbindung zu diesem Wesen bleibt.
Das ehemals komplexe Wesen hat sich auf rudimentäre Überbleibsel
reduziert. Dieser Prozess dauert solange an, bis mit
der Auslöschung der letzten Erinnerung an dieses Wesen es
aufgehört hat, jemals existiert zu haben. Es ist dann endgültig
zurück im Nichts, nämlich dort, von wo es einstmals aufgebrochen
war.


L ö s u n g . — Weniger Lebewesen bedeuten weniger Leiden.
Ein einfacher, trivialer Zusammenhang und trotzdem
nicht verstanden. Im Gegenteil.
Warum fließen so viele Gedanken in die Mehrung von Leben,
menschlichem und tierischem, in die Erweiterung der
Leidenssumme? Die Zeit ist nicht reif und wird es wohl nie,
zumindest aber so bald nicht werden, dass man diesen sadistischen
Lebens-Produktionskreislauf durchbricht und Leiden
durch Verhinderung und Verminderung von Leben reduziert.
Wer wird vor diesem Hintergrund die ersten Sterberäume einrichten,
in denen jeder, der den Wunsch nach Beendigung
seines Lebens hat, sein Leben in freier Entscheidung schmerzlos
beschließen darf und sich nicht mehr vor den Zug werfen
oder von der Brücke springen muss?
Warum gewährt man dem Menschen nicht, was für jedes
Haustier eine Selbstverständlichkeit ist?
Wann wird man den freien, selbstbestimmten Tod – würdig
eines freien Menschen – loben und feiern, wie einstmals eine
Geburt?
Wann werden Sterilisationskliniken für Mensch und Tier ihre
Leistung unentgeltlich und gesellschaftlich finanziert erbringen
können, damit ungewolltes Leben nicht mehr in die Existenz
des Seins gezwungen wird?
Wann wird man bei einer Geburt sich voller Traurigkeit erzählen,
welche Elendsstrecke das neue Leben künftig zu durchlaufen
hat?
Nur ein kleiner Ausgriff von Fragen, deren rationale Beantwortung
freies Denken, Denken abseits von Religion und Gewohnheit,
jenseits von Tradition und Trieb voraussetzt, von
Faktoren also, die niemals Gedankengut der Masse waren und
sein werden.
Das Scheitern ist vorprogrammiert, ist dem Menschen immanent,
sein Zwitterwesen aus Vernunft und instinkthaften Trieb
treibt ihn selbst und die Welt sehenden Auges ins Chaos. Er
könnte es verstehen, er hätte es ändern können, wenn in ihm
Vernunft, Klarsicht, rationales Handeln die Oberhand über seine
triebhaften Instinkte gewonnen hätte. Aber er hat das Spiel
verloren, seine Chancen verspielt, die Tränen über Versäumtes
werden vergeblich vergossen werden. Die Lösung bleibt der
ewigen Weisheit sowie der gnadenlosen aber unterschiedslosen
Gerechtigkeit der Natur vorbehalten – und diese Gerechtigkeit
wird schrecklich sein.


T ä u s c h u n g . — In welch schlimmer Täuschung nähert
sich der Mensch, insbesondere der jüngere Mensch, seinem
Daseinsende! Träumt er doch von der sanftesten Form des
Sterbens, dem klaglosen und zufriedenen Einschlafen bei bester
Verfassung im höchsten Alter.
Aber die Realität holt ihn ein, der Lebensweg belehrt ihn über
die anderen Möglichkeiten des Sterbens. Er wird erkennen,
dass seine Todesvorstellung der absolute Ausnahmefall ist
und seinem Ende im Regelfall eine teilweise sehr lange Zeit
voller Angst, Hoffnung, Enttäuschung, Verzweiflung, Einsamkeit,
eine Zeit voller Einschränkungen, Abhängigkeiten und
Schmerzen vorangeht. Er wird feststellen, dass all das, was
ihm einstmals wichtig war, nichtig geworden ist, er sein eigenes
Wesen nach und nach verliert und sein Körper und Geist
mit zunehmender Gebrechlichkeit in einen Zustand erbärmlichsten
Vegetierens übergeht. Er wird alle Spielarten einer finalen
Krankheit kennenlernen, bis hin zu den entwürdigsten
Situationen im Pflegeheim. Sein Kampf, sein Lebenszweck,
all sein Sinnen und Trachten gilt nur noch dem Erhalt seines
kläglichen Lebensrestes, bis auch der letztendlich verlöscht.
Warum sollte es ihm aber auch besser ergehen? Hat er nicht
Zeit seines Lebens mit ignorantem Hochmut die ihm nun widerfahrenden
Grausamkeiten der Tierwelt zugemutet? „Ausgleichende
Gerechtigkeit” wispert Mutter Natur ihm ins Ohr.
Hat er sich nicht standhaft geweigert, sein Ende zu bedenken,
um Vorsorge für einen selbstbestimmten Tod, einen würdigen
Freitod zu treffen? Heute hätte er gern die Kraft dazu, die ihm
damals aus Gleichgültigkeit fehlte.
Und hat er nicht sogar, getrieben vom kollektiven Gruppenzwang
und angestachelt von seinen Trieben, diese Grausamkeiten
unüberlegt an seine Kinder weitergegeben, die demnächst
das Gleiche durchleben werden?
Es ist einer der wichtigsten Sätze der antiken Philosophie
und wird doch kaum beachtet: respice finem – bedenke das
Ende.
Aber kristallklare Vernunft ist ein seltenes Gut, das höchste
Gut und deshalb nur einer elitären Minderheit von Mutigen,
Unabhängigen und Klarsichtigen zugänglich.


K a t a s t r o p h e . — Nichts, aber auch gar nichts geht für
Lebendes gut aus! Jedes Leben, ausnahmslos, endet unausweichlich
in der Tragödie des Untergangs, der Vernichtung,
der Vergeblichkeit jeglichen Bemühens.
Das Leben im allgemeinen endet in 4 bis 5 Milliarden Jahren
im kosmischen Feuersturm der explodierenden Sonne, das individuelle
Leben – je nach Gattung – nach einer kurzen endlichen
Lebenszeit in der individuellen Vernichtung, im persönlichen
Untergang, in dem Desaster der endgültigen Agonie
und Auflösung.
„Weil es bisher gut war und gut ging, wird es auch weiterhin
gut und erträglich werden” lautet der Tenor, die ignorante
Truthahnillusion des weltweiten Natalismus. Aber der Satz
lautet im Licht der Vernunft anders: „Weil es bisher gut war
und gut ging, steigt mit jedem Tag die Wahrscheinlichkeit für
den Beginn, für den finalen Eintritt der Katastrophe”.


S e l e k t i o n . — Viele Millionen von Jahren war die natürliche
Selektion der Regulator, der einen Gleichgewichtszustand
zwischen allen Arten herstellte und gewährleistete.
Mit zunehmender Denkfähigkeit der Spezies Mensch wurde
der Selektionsmechanismus für diese Spezies nachhaltig gebrochen.
Auslöser waren die Entwicklungen in Wissenschaft,
Technik und insbesondere in der Medizin.
Den angenehmen Vorteilen dieser Entwicklung stand auf der
anderen Seite eine ungebremste Ausbreitung der Menschheit
mit einem exponentiellen Bevölkerungswachstum gegenüber
und die – nahezu – ausgeschaltete Selektion wurde durch gegenläufige
Maßnahmen nicht kompensiert. Der Weg in das
Chaos aller Umwelt- und Ressourcenprobleme war somit vorgezeichnet,
dem Übergang in ein elendes künftiges Vegetieren
der Menschheit wurde die Brücke gebaut.
Und trotzdem – es klingt fast wie kollektiver stiller Wille zum
globalen Suizid – steht das friedlichste Kompensationsmodell,
der Antinatalismus, in Acht und Bann, denn es kommt zu keiner
bewussten Einsicht in die Notwendigkeit der Reduzierung
mittels Nachkommenlosigkeit. Den Worten von Plautus in Miles
gloriosus 236 ist bei diesem Tatbestand zum Verhalten des
Menschen nichts mehr hinzuzufügen:
„Neque habet plus sapientiae quam lapis – Er hat nicht mehr
Verstand als ein Stein.“


M u t t e r t a g . — Muttertag ist wohl der einzige Feiertag,
an dem ein Täter dafür geehrt wird, dass er ein unschuldiges
Wesen zu einem lebenslangen Existenzkampf gezwungen hat,
der letztendlich nach einem mehr oder weniger leidensvollen
Weg in der Katastrophe des Untergangs, in der Grausamkeit
der psychischen und physischen Vernichtung endet.


F r i e d e n . — Erst wenn nur noch der Wind um die Felsen
heult, erst wenn nur noch der Sturm über die Meere tobt, erst
wenn die Laute aller Lebewesen endgültig verstummt sind,
erst dann ist der ewige Frieden zurückgekehrt, das Leid vernichtet.


G e b u r t s t a g . — Jede Geburtstagsfeier ist die Verherrlichung
der näherkommenden Zerstörung. Man feiert, dass
man bald untergehen wird.


P r o d u k t i v . — Jedes Leben ist produktiv, denn es produziert
täglich, stündlich, unentwegt Vergangenheit. Lebensvergangenheit
gehört aber immer dem Tod.


G e n u s s . — Wenn ich doch auf der Treppe der Empfindungen
doch nach unten steigen könnte! Vom Mensch, zum
Tier, zur Pflanze und als Krönung ins Mineralische. Die Last
des Denkens und Fühlens wäre verschwunden, das Sein wäre
wieder genießbar.


Wa r u m . — Stephen Hawking meinte dieser Tage, dass die
Menschheit in den nächsten 1000 Jahren nur außerhalb unseres
Planeten überleben könne. Leider hat er die Erklärung
vermieden, warum sie überhaupt überleben sollte.


M u t t e r . — Deine Mutter hat dich geboren und damit auf
eine Reise in den Tod geschickt. Gewiss – wenn du viel Glück
hast – erlebst du vor Reiseende einige erfreuliche, vielleicht
sogar beglückende Momente. Aber die Endstation heißt Tod,
der Weg dahin führt zumeist über die Stationen Schmerz, Pein
und Qual. Können, wollen, dürfen Mütter nicht vorausschauend
denken? Verstellt der Naturtrieb den Blick für Zukünftiges?
Oder sind sie gar nur an deinem Anfang interessiert, ist
dein Ende ihnen aber gleichgültig? Der Trieb zur Erhaltung
der Art dominiert die Vernunft, der Ruf der Natur übertönt
das Flüstern des Intellekts. Ehernes Naturgesetz – die Fackel
des Elends kann und darf nicht verlöschen!

Mo m e n t e . — Leben an sich ist die größte Absurdität im
Universum. Trotzdem gibt es seltene Momente, da ist man
von der Schönheit dieser Absurdität überwältigt.


I s o l a t i o n . — Jedes Lebewesen wird durch seine Geburt
in die Einsamkeit katapultiert, denn es lebt auf seiner ganz
individuellen Insel im Meer des Seins. Diese Insel bildet sich
durch seine Erfahrung, sein Wissen, seine Umgebung, seine
Gedanken, seine Gefühle, Ängste und Hoffnungen und ist die
Heimat seiner Innenwelt. Verbindungen zu Nachbarinseln,
zur Außenwelt, können das eigene Robinsonleben zwar sporadisch
beeinflussen, anregen, erregen, narkotisieren, aber in
letzter Konsequenz gibt es niemals ein Entkommen vom einsamen
Eiland des individuellen Seins. Nur der Tod hebt diese
grausame Verbannung in die Isolation auf, eine Verbannung,
zu welcher der Gefangene schuldlos, von seinen Richtern aber
vorsätzlich und arglistig, verurteilt wurde.

F l u t . — „Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel
lebt und im Wind treibt“ schreibt Ortega y Gasset im „Aufstand
der Massen“. Der Mensch in der Masse gleicht täglich
mehr einem träge und schmutzig dahinfließenden Strom. Es
ist nur noch entscheidend, wohin und vor allem wie man die
Flut lenkt, bevor sie das letzte Grünland überschwemmt hat.


M u s c h e l n . — Am Strand liegen zahllose Milliarden von
Muscheln. Der Sand ist durchsetzt von Muschelresten, besteht
aus zerstörten, zermahlenen Resten dieser Tiere. Jeder Schritt
führt dich über ein unendliches Leichenfeld einstigen Lebens,
der Tritt kann den toten Resten der Tiere nicht ausweichen.
Waren es eigentlich Wesen, die in molluskenhafter Dumpfheit
dahinvegetiert sind, ihre Existenz nicht wahrgenommen
haben, für die Leben und Tod eins war, austauschbar, beides
nicht erkennbar? Oder waren es Wesen, die einen bewussten
Hang zum Weiterleben, zum Überleben, hatten und um ihre
Existenz – in welcher Form auch immer – gebangt haben?
Warum diese Überfülle, diese unendliche Produktion von Leben,
von Tod, von Vernichtung, von Untergang?
Ich stehe immer sofort vor dem Unbegreiflichen, wie ich mit
allem Wissen an der Artengrenze der Lebewesen scheitere,
völlig unfähig bin, auch nur die Denkwelt, die Empfindungswelt,
einer anderen Art zu verstehen. Natürlich können wir
das beschreiben, erklären und in Umrissen erforschen. Aber
es gelingt nie, niemals, das Wesen, das Innere zu verstehen, in
die Strukturen des Empfindens einzudringen, um zu denken
wie ein Hund, wie ein Vogel, wie ein Fisch, wie eine Muschel.
Ignoramus, ignorabimus.
Mein Restleben würde ich gerne tauschen für die Erfahrung,
in eine derart andere Welt gedanklich einsteigen zu können.
Es macht mich dann schnell fassungslos und verständnislos,
halte ich mir vor Augen, mit welch unvorstellbarer Ignoranz,
Überheblichkeit, Dummheit und Anmaßung die menschliche
Rasse dieses Faktum ausblendet und meint, dass alles Wissen
des Universums sich nur in ihren Hirnen konzentriert. An diesem
Punkt wird dann meine Wut, Abscheu und Verachtung
für die Urheber dieses Irrsinns, für die Überheblichkeitslehren
der Monotheisten, grenzenlos und auf der anderen Seite
wächst meine Demut gegenüber der Natur ins Unendliche.


A u s s c h l a g . — O Mutter Natur, warum hast du dieses
Kind „Mensch“ gezeugt, geboren und groß werden lassen?
Sieh dich an, wie du jetzt aussiehst! Dein Kind hat dir das
Gesicht zerkratzt, dein Körper ist voller Wunden, Narben und
Geschwüre, Brust und Rücken sind von einem abstoßenden
Ausschlag verunstaltet und auf deinen einstmals wunderschönen
makellosen Körper tropft der giftige Geifer deines Kindes,
verkrustet deine Poren, so dass du dadurch erbärmlich stinkst.
War es denn wirklich nötig dieses schreckliche Wesen zu zeugen?


H o r i z o n t . — Jedes Leben wird durch seine Erzeuger aus
dem Nichts in die Nichtigkeit des Seins gezerrt, um dann nach
einer erklecklichen Spanne der Leidenszeit wieder im Nichts
zu verschwinden. Masochisten halten das sogar für den Sinn
des Lebens, Sadisten muten das gleiche Procedere bewusst
ihren Nachkommen zu. Anscheinend sind beide Gruppen
unfähig, über den Horizont ihrer persönlichen Triebbefriedigung
hinaus zu denken. Egoismus statt Empathie bestimmt
ihr Handeln.


Z u f a l l . — Es ist der große Fluch des Universums, dass es
die Erde in der habitablen Zone platziert hat. Es hätte auch
woanders sein können, in einer anderen Galaxie, bei einer
anderen Sonne. Diesem unsäglichen Zufall verdanken alle
Lebewesen die Qualen ihrer Existenz, der sie in die vergebliche
Lebenshölle des Kosmos unschuldig gezwungen hat. Die
Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichsten hat sich nachdrücklich
manifestiert.


S p a z i e r g a n g . — Bei einem Sommerspaziergang kam
mir ein junges, sehr hübsches Mädchen joggend entgegen.
Spontan erfassten mich zwei Gedanken. Zum einen läuft sie
wahrscheinlich einer Chimäre nach, dachte ich, denn in diesem
Alter glaubt man leicht und nur zu gern, dass dem jungen
Leben Glück und Gesundheit langfristig beschieden sein
wird. Aber sie kann es noch nicht ahnen, wahrscheinlich will
sie es auch nicht denken, dass sie einer Unmöglichkeit nachläuft.
Ihr Leben wird mit hoher Wahrscheinlichkeit – und das
behaupte ich aus der Erfahrung einer langen Rückschau – wie
jedes andere Leben früher oder später in Zerfall, Zerstörung
und angsterfülltem Untergang enden.
Der andere Gedanke aber verdeutlichte mir den Sirenengesang
des Seins, die immerwährende Täuschung der Lebenden
durch die Natur zum Zwecke der Arterhaltung. Die junge Frau
war jung und attraktiv und die Wahrscheinlichkeit wird hoch
sein, dass sie eines Tages im Gefühl vermeintlichen Glücks
und denkferner Emotionen Nachkommen zeugt und somit
die Fackel des Lebens in dem Leidensmarathon des Seins
weitergibt. Es ist die immerwährende betrügerische Raffinesse
der Natur, die ewige Wiederkehr des Gleichen, dass die
Fortpflanzung in die Zeit des Lebens fällt, in der die Erfahrung
und die Erkenntnis um die Nichtigkeit des Seins bei den
Wenigsten vorhanden ist. Durch diesen Kunstgriff garantiert
„das Leben“ die Arterhaltung und vermeidet den Rückfall in
die unbelebte, aber friedvolle Materie. Wäre den Menschen
hingegen in jungen Jahren die Nichtigkeit und Vergeblichkeit
ihrer persönlichen Existenz bewusst, vorausgesetzt sie wollten
es denken, sie könnten es denken und diesen Gedanken dann
auch ertragen, wäre menschliches Leben auf unserem Planeten
ähnlich selten wie Gold. Welch ein schöner, aber leider
doch utopischer Gedanke.


L e b e n s w i l l e. -  Der Lebenswille ist die heimliche Triebfeder der Arterhaltung
und lässt sich genauso schwer ausblenden wie das Schmerzempfinden.
Zur bewussten Negation des Willens zum Leben
ist deshalb nur der große und freie Geist fähig.


V a t e r. -  Wenn neun Monate vor der Geburt des Kindes der Vater Zigaretten
geholt hätte statt sich zu seiner Frau zu legen, was
wäre dem Kind erspart geblieben! Kann der Zufall ungerechter
handeln als wenn er aus einer unterlassenen Handlung
über jemand Unschuldigen eine lebenslange Strafe verhängt?

 


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