Ein interessanter Briefwechsel Drucken E-Mail

 

 

Frau

Silke Niemeyer

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http://www.deutschlandradio.de/audio-archiv.260.de.html?drau:broadcast_id=541&drau:from=04.10.2016&drau:to=04.10.2016

 

 

Sehr geehrte Frau Niemeyer,

 

durch Zufall habe ich am 4.10. Ihre Rede zum Welttierschutztag im Deutschlandfunk gehört, ohne eigentlich zum Hörerkreis religiöser Betrachtungen zu gehören. Ich muss zu einigen Ihrer Gedanken Stellung nehmen, weil diese so nicht ohne Widerspruch stehen bleiben können. Da Sie das große Forum des Rundfunks für Ihre Botschaft zur Verfügung haben, erlaube ich mir, diesen Brief mindestens in die weitreichenden deutschsprachigen Tier- und Naturschutzverteiler einzustellen.

„Tiere gehören vor allem nach draußen“. Das ist ein guter Satz! Ich habe Sie nur so verstanden, dass Sie damit die Hunde und Katzen aus dem Wohnzimmer scheuchen wollen. Oder sollte es Ihnen um die Freilandhaltung der landwirtschaftlich ausgenutzten Tiere gegangen sein? Dann wären wir als AGfaN e.V. sehr bei Ihnen. Wo eigentlich sieht man bei einer Fahrt über das Land Schweine draußen? Oder die ganzen Legehennen, Puten und Milchkühe mit ihren Kindern? Die paar wenigen liefern vielleicht ein Alibi - aber bestimmt nicht die viel zu vollen Eier-, Butter-, Joghurt-, Käse-, Quark- und Fleischregale der Supermärkte.

Sie könnten mit diesem Thema einen wahrhaft vortrefflichen und sehr sinnvollen Vortrag beim Bauernverband halten, der ja auf immer größere Tierfabriken abzielt, in denen es für die Tiere eben kein Draußen gibt, die uns aber neben einer gigantischen Tierquälerei kaputte Böden, nitratverseuchtes Grundwasser, multiresistente Keime und den Menschen in ärmeren Ländern Hunger und Vertreibung bescheren.

Sie könnten bei Ihrem Referat vor dem Bauernverband darauf hinweisen, dass er die Bauern in das Boot der Agrarindustrie und damit ins gesellschaftliche Abseits zieht.

„Tiere haben keinen Gott und betteln nicht um Vergebung der Sünden“. Das kann man wohl so annehmen. Aber wenn Sie das als Aufwertung für den Menschen und als Abwertung für die Tiere meinen, halte ich Ihr Denken für zu kurz. Einen Gott zu haben ist kein Kriterium für eine höhere Wertigkeit - weder des Menschen gegenüber dem Tier noch der religiösen Menschen gegenüber denen, die sich keinen Gott zurechtlegen. Die Christen mögen es ja so halten, dass sie „um Vergebung der Sünden betteln“. Der Großteil der heutigen Gesellschaft hat kein Bedürfnis in dieser Richtung, was man unschwer an den Kirchenaustrittsraten ablesen kann.

Meine Absicht ist es keineswegs, in eine theologische Auseinandersetzung zu treten. Aber wenn Sie schon Ethik und Religion so eng miteinander verknüpfen, muss man sich mit der Tatsache zu Wort melden, dass es durchaus andere Ansichten über einen ethisch vertretbaren Umgang mit Tieren gibt.

Sehr belanglos hinsichtlich des ihnen zustehenden Schutzes erscheint die Frage, „ob Tiere in den Himmel kommen“. Für alles Leben vollzieht sich das Schicksal in diesem Aufenthalt hier auf der Erde, und bei der Unsicherheit einer himmlischen Zugabe lohnt es sich nicht, darüber nachzudenken, für wen diese unwahrscheinliche Nachspeise wohl aufgetischt wird. Wir hätten genug damit zu tun, die über Arbeitsgemeinschaft für artgerechte Nutztierhaltung Seite - 2 -

Jahrhunderte – schuldhaft besonders auch von den Kirchen gelehrte - menschliche Voreingenommenheit den Tieren gegenüber abzulegen.

Ihren Pragmatismus – Tiere werden geliebt und gegessen und damit basta – kann ich nicht teilen. Ich empfinde ihn gleichermaßen simpel wie anmaßend.

Es gibt einen Pragmatismus anderer Art. Der heißt: Mach die Augen auf und schau, wie ähnlich die Tiere dir selber sind, körperlich wie psychisch. Viele Tiere haben erwiesenermaßen in einzelnen Bereichen den Intellekt eines kleinen Kindes, in anderen Bereichen sogar einen so hohen, dass wir Menschen ihn nicht erreichen werden (s. Zugvögel u.v.a.m.). Sie kommunizieren über ihnen eigene Sprachen, und was die körperliche Ähnlichkeit angeht, sind die Menschen ja eifrig dabei, diese in unzähligen grausamen Tierversuchen vorauszusetzen.

Kein vernünftiger Mensch wird heutzutage mehr abstreiten können, dass Tiere leidensfähige Wesen sind, also Angst, Schmerz, Verlassenheit - aber auch Freude, Zuneigung und viele andere seelische Vorgänge erkennen lassen. Da kann man wirklich keinen grundsätzlichen sondern nur einen graduellen Unterschied zwischen Tier und Mensch erkennen. Und ob der als moralische Begründung ausreicht, für einen kurzen Gaumenkitzel zu töten, darf man immerhin anzweifeln. Ein für den Menschen gesundheitliches Erfordernis, Fleisch zu essen, gibt es nicht.

Um auf das große Weltproblem „Töten, um zu leben“ zu kommen: Tatsächlich sind wir dazu verurteilt, mit jedem Schritt und mit jedem Mittagstisch anderes Leben auszulöschen.

Der geistig weiter entwickelte Mensch wird diese Tatsache in seinem Leben sehr wohl berücksichtigen. Er wird große Hemmungen verspüren, das Leben, das ihm selbst so ähnlich ist, für einen kurzen Genuss oder für den Beweis seiner Macht zu vernichten. Es ist ihm bewusst, dass auch der Salat und die Möhre ein Daseinsrecht besitzen, sonst wären sie ja nicht da. Er wird sie trotzdem essen, weil er der Tatsache nicht entweichen kann, dass er durch sie sein eigenes Leben erhält. Aber er wird das Leben, an dem er eindeutig Leidensfähigkeit erkennt, schonen. Und das sind alle Säugetiere, alle Vögel, alle Fische und wahrscheinlich noch sehr viel mehr an Getier. Er wird sich aus dieser Erkenntnis heraus immer dann zurück halten, fremdes Leben auszulöschen, wenn es nicht um ein für ihn selbst lebenswichtiges Erfordernis geht sondern nur um einen kurzen Genuss, wozu allemal jeder Fleischkonsum gehört.

Der Grundsatz: so wenig wie möglich töten, um selber zu leben, stellt immer eine Gratwanderung dar und kann nie ganz sicher verwirklicht werden. Dass wir letzten Endes zum Töten verurteilt sind, wenn wir leben wollen, können religiöse Menschen mit Ihrem „lieben Gott“ besprechen, der das doch so eingerichtet hat (wenn ich die Logik richtig verstehe).

Ich selber halte mich gerne an Aussagen von großen Denkern wie z.B. Leo Tolstoi, der sagte: „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“

Ihre bemerkenswerte Verkündigung, dass dem Menschen ein Lebensrecht zusteht und dem Tier nicht, ist doch vom hohen Podest der von den Kirchen geförderten menschlichen Selbstverherrlichung aus gesprochen. Was Sie zur Tierethik bemerken – nämlich dass sie „vom Standpunkt des Menschen aus“ denkt (von welchem anderen Standpunkt aus soll ein Mensch eigentlich denken?) – betreiben Sie selber in hohem Maße. Die scheinbar objektiven Wahrheiten, die Sie verkünden – z.B. dass man Tiere töten und essen darf, Punktum – beruhen auf Ihren eigenen kindlichen Erinnerungen. Wenn das nicht „vom Standpunkt des Menschen aus“ gedacht ist!

Zur Frage „Wen streicheln – wen essen?“ (Albert-Schweitzer-Stiftung) will ich bei Ihrem Beispiel bleiben: selbstverständlich werde ich meinen Hund von der Zecke befreien. Die Tatsache, dass die Natur grausam eingerichtet ist, dass sich das Leben auf dem Tod des anderen Lebens aufbaut, ist für den mitfühlenden Menschen ein großes Problem. Aber für die Einrichtung der Natur sind wir Menschen nicht verantwortlich.

Wer einen „liebenden Schöpfer“ annimmt, wie die Kirchen es allgemein tun, ist vielleicht gezwungen, dieses tiefe und letztlich unlösbare Problem auszublenden oder über große Gedankenumwege und gern gehabte Vorstellungen sich dann doch noch trotz aller Grausamkeit auf die Gedankeninsel eines liebenden Gottes zu retten. Nach meiner Vorstellung hat das nichts mit intellektueller Redlichkeit zu tun.

Mit freundlichen Grüßen,

Maria Groß

 

Sehr geehrte Frau Groß,

sehr gern antworte ich Ihnen auf Ihren ausführlichen Brief und werde im Folgenden Ihre einzelnen Vorwürfe der Reihe nach aufnehmen.

Sie zitieren mich mit dem Satz „Tiere gehören vor allem nach draußen.“, um mir dann vorzuhalten: „Ich habe Sie nur so verstanden, dass Sie damit die Hunde und Katzen aus dem Wohnzimmer scheuchen wollen.“ Damit liegen Sie jedoch falsch. Ich habe in der Einleitung meines Beitrags über meine eigene Biografie mit einer Kindheit auf dem Land gesprochen. In diesem Kontext habe ich zusammengefasst: „Tiere wurden geliebt, und sie wurden getötet, um sie wurde getrauert, und sie wurden gebraten, alles mit derselben Selbstverständlichkeit. Tiere gehörten vor allem nach draußen oder in den Stall, jedenfalls nicht ins Haus.“ Ich bedaure, dass Sie mich nicht nur falsch zitieren (Präsens statt Präteritum) und meine Worte aus dem Zusammenhang reißen, sondern das „nur so“ verstehen möchten, dass ich eine garstige Person bin, die Hunde und Katzen „scheuchen“ will. Schade, dass Sie nicht auch noch folgendes aus meiner Andacht zitieren: „Tiere sind entweder zu Kuscheltieren geworden oder zu Fabrikprodukten. Der beste Schutz für Tiere ist jedoch, wenn sie beides nicht sein müssen. Wer sie schützen möchte, lässt sie sein, was sie sind: Tiere und keine Menschen. (..) Mensch und Tier werden aber immer mehr zu Rohstoffen und Mittel zum Zweck – Mittel zum Zweck Geld zu verdienen, am besten rund um die Uhr, ob das ihr Körper ist, ihre Gene, ihre Gesundheit, ihre Nahrung.“
Ich würde mich freuen, wenn Sie diese Äußerung genauso verstehen könnten, wie sie gemeint ist, nämlich als Plädoyer für eine artgerechte Haltung von Tieren. Als Vertreterin der Rechte von Nutztieren machen Sie sich vor allem für deren Rechte stark, ich aber habe hier erstmal von Tieren überhaupt geredet, von dem Rind in der Viehfabrik und auch von dem verhätschelten und zu Tode gefütterten Dackel, der als Kinderspielzeug herhalten muss. Insofern rennen Sie mit Ihrer Forderung nach der Abschaffung nach Viehfabriken doch nur weit offene Scheunentore ein. Woher kommt Ihre Aggressivität mir genau das Gegenteil zu unterstellen?

Sie schlagen mir einen Auftritt beim Bauernverband vor und gleich mit, welche Rede ich dort halten sollte. Nun habe ich leider bisher keine Einladung dazu vom Bauernverband erhalten, würde aber ähnlich reden, wie Sie mir nahelegen. Das zumindest habe ich so bei einem Empfang des Landwirtschaftsministers vor einem Jahr hier in Lüdinghausen getan und so werde ich es auch am Buß- und Bettag bei der Generalversammlung der Viehzüchter in unserer Region tun. Es ist mir nur zu billig, moralisierendes Bauern-Bashing zu betreiben und sie zu Buhmännern zu machen. Ich sehe auch den Druck, unter dem die Landwirte in meiner Nachbarschaft stehen, die mit immenser Verschuldung ihre ehemals kleinen Familienbetriebe dauernd vergrößern müssen, um wirtschaftlich zu überleben. Ich habe keine Lust mich daran zu beteiligen, dass Kinder von Bauernhöfen sich in der Schule anhören müssen, sie seien Tierquäler. Die Landwirtschaft ist Teil einer zerstörerischen Wettbewerbspolitik, die sich gestern erst an anderer Stelle in der Aufhebung der Preisbindung für Medikamente zeigt. Ich halte es für falsch, auf einzelne Berufsgruppen zu dreschen, sei es auf die Lehrer wegen der Bildungsmisere, auf die Banker wegen der Bankenkrise, auf die Landwirte wegen der Umweltverseuchung. Die Verbandspolitik von Bauernfunktionären, die diese Entwicklung fortschreiben will und darauf setzt, mit deutschen landwirtschaftlichen Produkten auf dem chinesischen Markt zu landen, halte ich für absurd, ebenso die Forcierung der Freihandelspolitik. Das habe ich auch so in meiner Predigt beim erwähnten Empfang gesagt. Und es steht schon in meinem Redekonzept für die Tierzüchter.

Weiter zitieren Sie mich mit dem Satz „Tiere haben keinen Gott und betteln nicht um Vergebung der Sünden“, und vermuten dann, ich meine das als eine „Aufwertung des Menschen und als Abwertung für Tiere “. Sie finden, dass so ein Denken „zu kurz“ ist. Richtig. Zu kurz ist auch Ihre Vermutung, denn es ist nicht mein Denken. Dass ich von etwas Anderem rede, nämlich nicht von Wertigkeiten, sondern von kategorialer Andersartigkeit von Tieren, die es zu respektieren gilt, könnten Sie erkennen, wenn Sie mich vollständig zitierten: „Sie betteln nicht um Vergebung der Sünden, höchstens um ein paar Streicheleinheiten. Sie wollen nicht in den Himmel kommen, weil ihnen die Erde genug ist. Der Wunsch, dass Tiere in den Himmel kommen, ist ein menschlicher Wunsch und rührt aus der menschlichen Liebe zu einem Tier.“ Sehen Sie, schon wieder laufen Sie durch das sperrangelweite Scheunentor. Ja, Sie haben Recht, es ist belanglos für Tiere, ob sie in den Himmel kommen, genau das sage ich doch. Ich spreche hier gegen Christen – es sind übrigens nicht nur Christen, die die Frage nach dem Hundehimmel stellen –  die Tiere für ihre spirituellen Bedürfnisse einspannen. Sie aber verkürzen meinen Text, um sich selbst das Stichwort für ironische Bemerkungen über „die Christen“ zu geben und mit einiger Schadenfreude die hohe Zahl der Kirchenaustritte zu nennen. Kann es sein, dass Sie selbst hier Opfer einer antikirchlichen Voreingenommenheit werden?

Im folgenden Absatz Ihres Briefes spießen Sie wiederum die Beschreibung meiner Kindheitswelt der sechziger Jahre in Westfalen auf, in der Tiere „geliebt und gegessen“ wurden. Sie beschimpfen dies als simplen und anmaßenden Pragmatismus. Noch einmal, sehr geehrte Frau Groß: es ist dies eine beschreibende Aussage einer vergangenen Welt und keine normative Aussage über meine eigene ethische Position. Wieder haben Sie völlig recht: kein vernünftiger Mensch wird abstreiten, dass Tiere leidensfähig sind und seelische Vorgänge erkennen lassen. Ich tue das auch nicht. Warum tun Sie so, als täte ich das?
Sie ziehen daraus die Schlussfolgerung, es gebe keinen grundsätzlichen, sondern einen graduellen Unterschied zwischen Mensch und Tier. So ist es. In dieser Hinsicht und bei manchen Tierarten. Und so ist es zugleich nicht. Es ist wichtig, in dieser Dialektik zu denken und sie immer wieder auszutarieren. Menschen, die die Unterschiedlichkeit zwischen Menschen und Tieren zu sehr ausblenden, haben die Neigung Tiere zu vermenschlichen und sie als Projektionsfläche für ihre Bedürfnisse zu missbrauchen, ich erinnere wieder an das Leiden der Millionen verzärtelten Haustiere und an perverse Züchtungen.

Danach kommen Sie auf „das große Weltproblem ‚Töten, um zu leben’“ und behaupten über den geistig weiter entwickelten Menschen: „Es ist ihm bewusst, dass auch der Salat und die Möhre ein Daseinsrecht besitzen, sonst wären sie ja nicht da.“ Im Umkehrschluss würde das bedeuten: Alles, was da ist, hat ein Daseinsrecht. Das kann man vom Mond aus vielleicht so sehen, und bei Salat und Möhre habe ich auch kein Problem mit der These. Aber was ist, wenn der Krebs da ist, lauter lebendige und wachstumsfreudige Zellen? Was ist, wenn die Mücke da ist, die Malaria überträgt? Der geistig noch weiter entwickelte Mensch wird die Behauptung „Alles, was da ist, hat ein Daseinsrecht“ nicht so glatt über die Lippen bringen. Denn es gibt nicht ein Recht, das sich einfach aus der Natur einer Sache oder aus der Natur eines Lebewesens ergibt. Recht ist immer der menschliche Diskurs darüber, wie man Interessen möglichst human zum Ausgleich bringt. Aber Sie sehen dieses Dilemma ja letztlich selbst in Ihren Ausführungen über die Notwendigkeit zu töten und die ethische Gratwanderung, die das bedeutet. Sie halten sich dabei gern an große Denker wie Tolstoi, der sagte „Solange es Schlachthäuser gibt, wird es auch Schlachtfelder geben.“ Ob der Umkehrschluss gilt, dass es keine Schlachtfelder mehr gibt, wenn es keine Schlachthäuser mehr gibt, ist fraglich. Hitler war Vegetarier.

Kommen wir zum „hohen Podest der von den Kirchen geförderten menschlichen Selbstverherrlichung“, auf dem Sie mich sehen – sei’s drum, auch wenn ich in der Kirchengeschichte eher die Förderung menschlicher Selbstverleugnung sehe. Jedenfalls finde ich Sie an dieser Stelle wirklich überaus unredlich. Sie behaupten, ich habe gesagt, „dass dem Menschen ein Lebensrecht zusteht und dem Tier nicht“. Das ist falsch. Ich habe folgendes gesagt: „Es gibt keine ungetrübte Harmonie zwischen Mensch und Tier. Menschen haben ein unbedingtes Lebensrecht, Tiere nicht.“ Das ist nichts Anderes als Sie selbst problematisiert haben in Ihren Ausführungen über Töten, um zu leben. Wenn Sie das Lebensrecht von Menschen und Tieren als identisch annehmen, müssten Sie – ich treibe es jetzt bewusst auf die Spitze – dieselben ethischen Überlegungen, die im Fernsehstück „Terror“ über das Lebensrecht angestellt wurden, auf die Situation übertragen, dass ein Sportflugzeug auf einen Hühnerstall fallen könnte. Würde jemand ernsthaft auf die Idee kommen, hier einen Konflikt aufzubauen, ob man um der Rettung der hundert Hühner willen einen Menschen abschießen müsste? Wenn Sie ein gleiches Lebensrecht annehmen, müsste es so sein.
Auch Sie werden Ihren Hund „selbstverständlich“ von der Zecke befreien, schreiben Sie. Sie handeln damit gegen die Natur. Damit nehmen Sie sich das Recht, über die Wertigkeit einzelner Tiere zu urteilen. Was ist der Maßstab für solch ein Urteil? Die Menschenähnlichkeit des jeweiligen Tieres? Seine Schönheit? Seine Ungefährlichkeit? Die Beziehung, die Sie persönlich zu diesem einzelnen Tier haben? Wenn Sie ethisch ein gleiches Lebensrecht von Menschen und Tieren annehmen, ergeben sich diese Fragen.

Ich finde es klarer, so ehrlich zu sein und zwischen einem unbedingten Lebensrecht des Menschen und einem bedingten des Tiers zu unterscheiden. Das sage ich als Theologin nach der Exegese der biblischen Texte und das sage ich als säkulare Anhängerin einer humanen Gesellschaft, die auf den Menschenrechten fußt. Sie möchten diese Differenzierung des Lebensrechts nicht aussprechen, wenden Sie aber sehr wohl praktisch an, wenn auch mit Mitleid. Am Ende ziehen sich darauf zurück, dies sei nicht Ihre Entscheidung, sondern Einrichtung der Natur: „Für die Einrichtung der Natur sind wir Menschen nicht verantwortlich.“ Nein, das sind wir nicht, aber wir sind verantwortlich dafür, wie wir uns zu der Einrichtung der Natur verhalten und welches Recht wir einrichten, um die Einrichtungen der Natur zu bewahren und auch zu kontrollieren. Die Theologie blendet das nicht aus, sondern ein. Meine Andacht, die leider auf 4:30 Minuten begrenzt ist, also viel kürzer als Ihre Stellungnahme, hat versucht einige Schlaglichter darauf zu werfen. Es kann sein, dass ich in manchen Formulierungen missverständlich war oder zu wenig differenziert. Es ist unmöglich, ein Thema, das so viele Facetten hat, in dieser Zeit so zu behandeln, dass alles gesagt ist. Schmunzeln muss ich nun doch bei Ihrem Vorwurf „Wenn Sie schon Ethik und Religion so eng miteinander verknüpfen...“. Ist das etwas Verwerfliches in einer Sendung der Kirche? Oder meinen Sie Religion und Ethik hätten eigentlich gar nichts miteinander zu tun?

Ich wünsche mir von den Lesern unserer Korrespondenz, dass sie das Manuskript meiner Andacht lesen. Das ist mir wichtig, weil Sie meine Sätze teilweise falsch oder aus dem Kontext gerissen anführen. Das ist bedauerlich, weil es ja sein könnte, dass einige Ihrer Leser nicht genug Zeit haben sich meinen Beitrag anzuhören oder nachzulesen und Ihre Meinung über mich allein auf der Grundlage Ihrer Zitate bilden. Leider haben Sie nur den Link zur Audiodatei mitgeliefert. Hier der Link zum Text: http://www.rundfunk.evangelisch.de/kirche-im-radio/morgenandacht/welttierschutztag-8339

Bei allem Dissens zwischen uns mag ich die Leidenschaft, mit der Sie sich für Tiere einsetzen. Denn anders als die schwächsten Menschen haben Tiere keine Stimme, mit der sie ihre Rechte verlangen können. Sie geben den Nutztieren eine solidarische Stimme, und die haben sie wahrhaft nötig in aller Qual, die sie erleiden, weil sie nicht mehr als Geschöpfe, sondern als Fleischwaren behandelt werden. Dafür wünsche ich Ihnen langen Atem und den Erfolg der kleinen Schritte. Vielleicht nützt unser kleiner Streit ja dazu.

 

Mit freundlichen Grüßen aus dem Münsterland
Pfarrerin Silke Niemeyer

 


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