"Jemand, der mich liebt" Drucken E-Mail

Sehr geehrter Herr Aue,

flenstag.jpg nachdem ich Ihr kirchliches Wort im Flensburger Tageblatt "Jemand, der mich liebt" vom 24.9. Anno Diaboli 2016 intensiv durchgelesen habe, bleiben für mich Fragen und offene Punkte, für die ich keine Hinweise und Erklärungen in Ihrem Text gefunden habe. Ich erlaube mir daher, die wesentlichen Stellen kurz anzureißen.

Zuerst taucht die Behauptung auf, dass Gott die Liebe verkörpert. Diese Behauptung weist allerdings den Mangel- oder präziser- die wissenschaftliche Todsünde auf, dass der Beweis für die Existenz Gottes bis heute fehlt, denn alle Gottesbeweise sind kläglich gescheitert.

Diesen Punkt hat Sam Harris in seinem „Brief an ein christliches Land“ wunderbar formuliert: „Es ist an der Zeit, dass wir uns zu einem ganz grundlegenden Wesensmerkmal des menschlichen Diskurses bekennen: Wenn man über die Wahrheit einer Behauptung nachdenkt, dann befasst man sich entweder mit einer aufrichtigen Bewertung der vorliegenden Evidenz, oder man tut es nicht. Religion ist der einzige Lebensbereich, in dem Menschen glauben, irgendeine andere Norm als intellektuelle Integrität anwenden zu können.“

Er fährt fort: „Während ein unbeugsamer und von keinerlei Evidenz gestützter Glaube in jedem anderen Bereich des Lebens als ein Merkmal von Irrsinn oder Dummheit gälte, genießt der Glaube an Gott in unserer Gesellschaft noch immer höchstes Ansehen. Religion ist das Gebiet im Diskurs der Menschen, auf dem es als edel gilt, vorzugeben, sich über Dinge gewiss zu sein, die kein Mensch je mit Gewissheit wissen kann. Bezeichnenderweise erstreckt sich diese Aura des Edelmuts jedoch nur auf die Glaubensweisen, denen sich gegenwärtig viele Menschen verschrieben haben. Jeder Mensch, der dabei ertappt würde, wie er Poseidon verehrt – und sei es, er täte es auf hoher See -, würde für verrückt erklärt.“

Verlassen wir Sam Harris und wenden uns der „Liebe“ Gottes zu. Zum einen scheinen Ihnen völlig die Passagen des AT entfallen zu sein, in denen der „liebe Gott“ zu Mord, Totschlag, ja gar zum Genozid aufruft (siehe hierzu auch: http://www.pro-iure-animalis.de/index.php?option=com_content&task=view&id=1022&Itemid=54).

Und sind Sie wirklich der Meinung, dass bei täglich ca. 20.000 verhungernden Kindern die „Liebe“ Gottes für diese unschuldigen Wesen tief ausgeprägt ist? Es scheint ihm egal zu sein, er zeigt sich als der Mördergott, den das AT so treffend charakterisiert. Gänzlich unverständlich wird aber Ihre Behauptung, wo denn die Liebe – bleiben wir nur in der Neuzeit - in Auschwitz, Nagasaki und Hiroshima, im Vietnamkrieg und in den heutigen Religionskriegen des IS zu suchen war und zu suchen ist. Hier von "Seht doch, wie groß die Liebe ist, die der Vater uns schenkt!" zu sprechen, ist eine bösartige Verhöhnung der Opfer.

Ihre Ethik erscheint als ein Wunschdenken, ein irreales Phantasiegebilde und – was das Schlimmste ist und intellektuell unredlich – es ist ein perfides anthropozentrisches Konstrukt, das alle nichtmenschlichen Lebewesen konsequent ausklammert und damit deren Leiden zu Gunsten einer Spezies manifestiert. Ihre Ethik ist somit fragmentarisch, rudimentär und als isoliert stehendes Gebilde nahezu unbrauchbar.

Formuliert man die Worte von Günther Anders aus seinen „Ketzereien“ etwas um, ergeben sich Fragen, auf welche die christliche Ethik – wohl mangels Interesse oder Kompetenz – beharrlich schweigt, immer geschwiegen hat:

Wenn es ihn gibt, dann ist er einer, der die Massentierqual, der die Schlachthäuser nicht verhindert. Er ist also einer, der - die Hände im Schoß - diese Ereignisse zulässt?

Er ist also einer, der einer einzigen Spezies seine ganze Schöpfung zum Fraß, zur Vernichtung vorwirft?

Ist ein solcher Gott ein gerechter Gott? Ein liebender Gott? Ein barmherziger Gott? Einer, zu dem wir beten dürfen, ohne uns zu entwürdigen? Einer, den wir anbeten dürfen, ohne uns zu schämen?

Findet ihr nicht, dann schon besser kein Gott, als ein bluttriefendes Monster?

Empört euch nicht die Würdelosigkeit derer, die einem, der dies zulässt, sich noch im Gebet nähern, ihn noch als liebenden Gott umlügen?

Meinen Sie wirklich, das Schwein im Kastenstand, das Huhn in der Legebatterie und das Kalb, das wegen und im Religionswahn geschächtet wird, spüren auch nur das geringste von der „Liebe Gottes“ oder empfinden es im Gegenteil als teuflischste Ausgeburt eines anthropozentrischen Wahns, mit welchem sich die menschliche Spezies - mit Hilfe der Religionen - zur „Dornenkrone der Schöpfung“ entwickelt hat? Vielleicht können Sie in diesem Punkt mein Wissen aus theologischer Sicht erweitern und mir zeigen, wie sich die christliche Theologie der geschundenen Tierwelt nachhaltig zuwendet.

Sehr geehrter Herr Aue, ich würde mir wünschen, dass Sie den Weg zu einer tiefen, ehrlichen Ethik für a l l e Lebewesen  finden, denn nichts wäre notwendiger in einer Welt, die zusehends trotz und beschleunigt wegen der Religionen ins Chaos trudelt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Gunter Bleibohm
 


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