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vom 25. September 2016
 
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Liebe Freunde der Tiere,
 
als Arzt und Tierfreund erwarb sich Albert Schweitzer (1875–1965) größte Verdienste, die ihm niemand streitig machen möchte. Schweitzers Schriften werden heute allerdings auf zwei Konzepte reduziert. Die „Ehrfurcht vor dem Leben“ ist in aller Munde und man zitiert gern seinen Satz „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Wie so oft, lohnt es sich auch bei Schweitzer, etwas genauer hinzusehen und zu prüfen, ob die wohlklingenden Konzepte mit anderen Äußerungen Schweitzers zusammenpassen und inwiefern sie das Wohl von Tieren fördern.

„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“
Schweitzer nennt diesen Satz die „unmittelbarste und umfassendste Tatsache des Bewusstseins“, von der alle Philosophie ausgehen müsse. Was er dabei vergessen hat, ist, dass auch Folgendes zutrifft:
Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben MUSS.
Kein Mensch und kein Tier konnte zum eigenen Lebensbeginn Nein sagen. Jeder muss leben, weil die eigenen Eltern es so wollten oder weil die Tiereltern sich naturbestimmt fortpflanzten. Während es lebensunwillig gewordenen Menschen zumindest prinzipiell freisteht, sich das Leben zu nehmen, muss selbst ein schwerkrankes oder verletztes Tier bis zum bitteren Ende existieren, da es keinen freien Willen hat. Dieses Lebens-Diktat betrifft insbesondere unsere Nutztiere. In einer Nutztieranlage wäre es verwerflich, zu sagen: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.“ Zutreffend wäre an solchem Ort: Ich bin ein Mensch inmitten von Lebewesen, die leben müssen, weil man sie gezüchtet hat, da jemand damit Geld verdient. Hier könnte man einwenden, dass Schweitzer mit dem Leben, das leben will, nicht die Nutztiere im Sinn hatte, sondern die in der vielbeschworenen Freiheit lebenden Tiere. Über sie sagt er jedoch: „Ein Dasein setzt sich auf Kosten des anderen durch, eines zerstört das andere. Ein Wille zum Leben ist nur wollend gegen den andern, nicht wissend von ihm.“ Schweitzer ist sich völlig im Klaren darüber, dass das Leben zahlloser Wildtiere von Not, Krankheit und Schmerz erfüllt ist. Dennoch möchte er, dass möglichst viele Lebewesen existieren. Er plädiert dafür, dass es „auf der Welt möglichst viel Willen zum Leben gebe“ und schreibt: „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen.“ Dies ist Albert Schweitzers Mehrungsgebot.

Ehrfurcht vor dem Leben
Halten wir bis hierhin fest: Das Leben zahlloser Nutz- und Wildtiere verläuft zumindest phasenweise alles andere als angenehm. Gleichwohl möchte Schweitzer, dass es möglichst viele Lebewesen gibt. Was insbesondere die Nutztiere anbelangt, kommt nun seine „Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben“ ins Spiel. Der Ausdruck „Ehrfurcht vor dem Leben“ wurde nicht von Albert Schweitzer geprägt, sondern bereits im Jahr 1902 von dem bedeutenden Tierrechtler Magnus Schwantje (1877–1959). Schweitzer sagt zur Ehrfurcht vor dem Leben: „Sie lässt uns miteinander nach Gelegenheit spähen, für so viel Elend, das Menschen den Tieren zufügen, Tieren in irgendetwas Hilfe zu bringen, und damit für einen Augenblick aus dem unbegreiflichen Grauen des Daseins herauszutreten.“ Er selbst hat sich als Arzt nicht nur um Menschen gekümmert, sondern auch kranke Tiere gepflegt. Schweitzer kennt beides: ein Mehrungsgebot und das Grauen tierlichen Daseins. Dadurch wird seine Ethik problematisch. Einerseits möchte er, dass möglichst viele neue Lebewesen zu leben beginnen. Dies zu hemmen gilt ihm als „böse“. Andererseits bedarf es seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben, um das Grauen des tierlichen Daseins zu lindern. Indem Schweitzer die zahlenmäßige Zunahme aller Lebewesen bejaht, befürwortet er unausgesprochen jenes Grauen, das er mit seiner Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben in Grenzen halten will.

Vermehrungsfurcht in Anbetracht des Lebens
Ein weitergedachtes Prinzip der Ehrfurcht vor dem Leben gibt Schweitzer dahingehend Recht, dass allen bereits existierenden Lebewesen nach Kräften beizustehen ist. Schweitzers Mehrungsgebot hingegen, sein Plädoyer dafür, dass möglichst viele zusätzliche Lebewesen in das von ihm als grauenhaft beschriebene Dasein eintreten sollen, muss abgelehnt werden. Schweitzers Mehrungsgebot ist durch einen tierbezogenen Antinatalismus zu ersetzen, dessen Ziel es ist, dass so wenig neue Tiere wie möglich ein Leben beginnen müssen, über das Schweitzer illusionslos das Nötige gesagt hat. Möglichst viele Wild- oder Nutztiere zunächst in ein grauenvolles Dasein treten zu lassen, um ihnen anschließend auf der wohlklingenden Grundlage einer "Ethik der Ehrfurcht vor dem Leben" beistehen zu wollen, grenzt an Sadismus. Wir können dies sprichwörtlich so ausdrücken: Die Ehrfurcht vor dem Leben muss ergänzt werden um eine Mehrfurcht vor dem Leben.
 
 
Herzliche Grüße
für pro iure animalis
 
Dr. Gunter Bleibohm und Harald Hoos
 
 
Weitere Infos unter:
www.pro-iure-animalis.de

 
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Illusion Menschenwürde

Die Menschenrechte regeln die Beziehungen der Menschen untereinander und beschreiben einen globalen idealisierten Sollzustand für die Gattung Mensch. Sie betrachten den Mensch als isolierte Einheit, denn eine Verbindung zur übrigen Natur und den anderen Lebewesen wird in der Konvention ausgeklammert.
Die Präambel der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ (Resolution 217 A (III) der Generalversammlung vom 10. Dezember 1948, vom Vatikan nicht unterschrieben!) spricht von angeborener Würde des Menschen, einer Würde, in deren Genuss das Individuum zufällig durch Geburt und durch eine Laune der Natur gelangt mit der Folge, dass ein angeborenes Faktum dauerhaft wirkt und vom Geburtsmoment bis zur Todesstunde vorhanden ist. Ein Bemühen, Erlernen oder ein Streben nach diesem Kriterium ist infolgedessen nicht notwendig, ein Verlust darüber hinaus ausgeschlossen.
Es ist zu fragen, was unter dem in dieser Erklärung undefinierten und nebulös-schwammigen Begriff der Würde zu verstehen ist

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