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TIERE  NUTZEN ? 

Tiere nutzen ? Ist nicht nur eine Frage der Ethik, sondern gleichsam eine der Vernunft, wie des Kenntnisgewinns. Die Frage ist komplex und kann nur differenziert beantwortet werden, wobei auch die Nutzung selbst als weitläufige Begrifflichkeit, zu definieren ist. Handelt es sich um eine humane, annehmbar humane, oder eine totale Nutzung, oder nur um ein Missverständnis bar Planungsabsicht. Unbehandelt soll hier die sprachliche Nutzung bleiben, ein selbständiges Kapitel mit dem Anspruch ideologisch begründeter Rechtfertigung für ein Unterfangen, dessen Moralität dem Wunschgedanken untergeordnet wird. Du darfst töten, weil die Natur tötet. Und weil Gott es befürwortet.

Die Natur berücksichtigt weder Recht, noch Unrecht. Skrupel sind kein Wert an sich. Machtdurchsetzung im Sinne der natürlichen Behauptung der Art ist legitim. Natur unterscheidet lediglich Kraft des Durchsetzungsvermögens mittels Stärke oder Klugheit. Stärke ist die Strategie per se. Klugheit entsteht infolge Unterlegenheit und zweigt in zwei Zielrichtungen, von der die eine die Steigerung der Fertilität und die andere die Innovation von Taktik darstellt. Die in jeder Hinsicht schwächliche und unterlegene physische, aber auch psychische, im Kontext realer Naturbedrohungen, Ausstattung der Art Mensch, wurde folglich durch die Innovation von Taktik in einem Bezug zu einer erdachten strategischen Übermacht, Gott genannt, zwingend zur Spitze der Nahrungskette. In diesem Kontext nutzt der Mensch den Menschen intensiver, als etwa das in Abhängigkeit gedrängte Wesen aller anderen Arten. Mensch hat unter Anleitung zu arbeiten; Tier hat zu kompensieren. Gott, oder ein Derivat, als erste Erfindung des frühen Menschen, ist unerläßlch, als Systemgröße der Natur vorangestellt zu werden, um einen Garanten  zu erhalten, der die eigenen Wünsche zu Gesetzen erklärt. Folglich darf Mensch beim Töten sich auf der rechtfertigenden Seite seines Gottes, wie allerdings auch nachrangig der Natur vergewissert sehen.

Wenn wir uns einbilden wollen, Raubtiere zu sein, wie uns interessierte Kreise der Jagdbehörden und der Archäologen, mit Zustimmung der Fleischmafia und der jeweiligen Politik stereotyp vermitteln, müssen wir auch bereit sein, die Kinder der Nachbarin zu fressen, weil wir die ja nicht geschwängert haben. Auch müssen wir Beweis erbringen, wie wir mit schwächlichen Fingernägeln, weichen Knien und einem unzulänglichem Gebiß, Fleisch unter der Lederhaut zerreissen, um es durch die fingerdicke Speiseröhre zu verschlucken. Gebisse sind wissenschaftlich anerkannte Merkmale der Zugehörigkeit der Arten. Halten wir uns daran und gestehen, dass wir Körnerfresser sind und Pflanzen zerlegen können.

Leben ist per se kein Geschenk, sondern die Transformation von Materie zu Bewusstsein und die abrupte Realisation, in Abhängigkeit von einer umfassenden Umgebung geraten zu sein. Leben bedeutet Zwang, den Zwang, die Endlichkeit durch Anpassungsfähigkeit und Opportunismus hinauszuschieben und durch Vermehrung das eigene Ableben zu kompensieren. Insofern ist Opportunismus, natürlicher Opportunismus, nicht grundlegend ein moralisches Defizit, sondern Ausdruck der Erkenntnis, solange die sich nicht auf Vorteile innerhalb der eigenen Art niederschlägt. Klugheit, als Flexibilität, bedeutet gelernte Überlegenheit über inherierte Verhaltensmuster, und fördert, nicht zuletzt in Erkenntnis der eigenen Verletzlichkeit und in Einklang des status quo, Empathie gegenüber den Unterlegenen. Weder Mensch, noch all die anderen Arten, besitzen die Fähigkeit uneigennützigen Handelns. Auch Empathie ist der zum Ausdruck gebrachte Anspruch auf eine kompensierende Gegenleistung, die sich den Minderbemittelten freilich nicht ad hoc erschließt. Empathiefähigkeit ist nicht nur dem homo sapiens gegeben, sondern ebenso und mit identischer Intensität auch allen anderen Arten bei denen wir Empathie als Symbiose bezeichnen, eine notwendige Abgrenzung zu zementieren.

Im moralischem Kontext ist die Nutzung von Tieren dann legitim, solange eine Symbiose eingegangen wird, aus der beide Seiten Nutzen ziehen. Das gilt für die sogenannten Pets, denen eine vertretbare Gegenleistung abverlangt wird. Das Pferd der Historie ist differenzierter zu betrachten. Zwar genoß es Schutz vor Carnivoren und Wetter, aber ihm wurde eine beständige Leistung abverlangt, die seinem Wesen widersprach und es vollumfänglich der Willkür des Menschen überließ. Ein hoher Preis; unter Betrachtung, dass die Natur zu der Zeit weitgehend noch eine artgerechte Lebensweise zuließ. Das Pferd der Gegenwart dient lediglich dem Anspruch des Menschen auf Unterhaltung und im Alter als Ergänzungsnahrung, Sauerbraten, Cervelatwurst, neben dem Statussymbol. Es wäre zu differenzieren, ob der Anspruch der Arterhaltung die Kosten der Abhängigkeit überwiegt. Und nur zu bejahen, wenn man Leben höher wertet, als endloses Leiden mit gewaltsamem Tod aus Gründen ökonomischer Grundsätze. Aber auch in der Arterhaltung ist der verlangte Nutzeffekt manifestiert.

Wir werden solange nicht wissen, ob sie sich einen Gott erkoren haben, solange wir uns unfähig erweisen, ihre Sprachen zu erlernen. Aber die seit einer halben Dekade haussierende Verhaltensforschung überrascht uns kontinuierlich mit neuen Erkenntnissen über die Fähigkeiten und psychischen Leistungen nahezu aller anderen Tierarten und die medizinische Tierversuchspraxis verteidigt ihren Anspruch auf die identischen physiologischen Anordnungen; freilich ohne von dem „Befund“ abzurücken, dass Tiere laut Deskartes nach wie vor als instinktbewehrte Maschinen zu bezeichnen sind, das Geschäftsmodell nicht zu beschädigen. Sie haben mit dem Menschen identische neuronale Netze, können also zwangsmäßig denken. Sie verhalten sich sozial. Viele bilden lebenslange Partnerschaften. Sie haben Familien, Sie planen die Zukunft. Sie entwickeln und benutzen Werkzeuge. Sie bauen Wohnungen und Häuser. Sie übertreffen unsere nautischen Kenntnisse und Fähigkeiten. Sie beweisen, dass sie jeglichen Wetterunbilden gewachsen sind. Sie sprechen und singen. Sie gewinnen Zuversicht und Vertrauen.  Sie drücken Freude und Trauer aus. Die Säuger reproduzieren sich wie die Menschen. Nur nicht unentwegt; sind also sittlich gefestigter. Sie sind übermütig und nachdenklich. Sie haben ein Bewusstsein, sind lernfähig sogar in der dritten Dimension, sie verstehen menschliche Axiome. Sie sind wie wir. Wir sind ihrer Teil. Nach den universellen Gesetzen der Vernunft sind sie als ebenbürtig und gleich zu behandeln und der Kant´sche Kategorische Imperativ des sittlich moralischen Gesetzes ist bar Einschränkung anzuwenden.

Einstweilen jedoch, besteht lediglich Einstimmigkeit darüber, dass sie leidfähig sind und empfinden können. Immerhin ein gewaltiger Fortschritt, dem zweitausend Jahre Lehrtätigkeit zugrunde liegen.

Die mühsam erarbeiteten Argumente gegen eine Gleichheit sind unscharf geworden und gereichen nur noch zu ideologischer Propagandaverleumdung, die sich unseren Bürgern leichter offenbart, als verständlicherweise unseren  einschlägigen Wissenschaftlern und den Verhandlungspartnern Gottes. Sie haben keine Seele als letzter Stand des Starrsinns ist ebenso wenig beweisbar, wie Mensch hat eine Seele. Die beliebte, recht fortschrittliche Einstufung anderer Tiere Intellekt gemessen an einem zwei, drei, gar vierjährigem Menschenkind übersieht geflissentlich, dass das Menschenkind schlicht doof ist und das Tier alle Fähigkeiten besitzt, erfolgreich das Leben zu meistern, was der Hälfte aller erwachsenen Menschen  abgesprochen werden muß. Mindestens der Hälfte. Ein solcher Argumentationsversuch unterbindet bewusst die Unterschiedlichkeit von Äpfeln und Pflaumen und kann nur statthaft sein, das bedrohte und betroffene Menschheitsbild behutsam an die Wahrheiten heranzuführen, psychische Schäden durch Realisationsschock zu vermeiden. Mensch ist das Produkt des Arbeitgebers. Tier das der individuellen Vernunft. Kein Tier vernichtet seine Lebensgrundlagen und keine Tierart ist im entferntesten derart Gewaltaffin und destruktiv. Immer wieder Eigenschaften der sozialsittlichen Umerziehungsabsichten. Es verbleibt die „Würde des Menschen“. Ein Konstrukt, zum unantastbarem selbst kreiertem Gesetz, die Unterschiede im positivem Sinne zu bewahren und in seinem lächerlichem Anspruch per Fingerschnippen revidierbar. Geeignet allenfalls, die labilen psychischen Befindlichkeiten vor Schaden zu bewahren. Der Mensch hat keine Würde. Das Schwein hat eine Würde. Es beweist sie durch Duldsamkeit. Durch Dankbarkeit. Durch Gensequenzen. Die Würde des Schweins ist unantastbar. Die Würde des Menschen ist verhandelbar. Wir selbst teilen die Menschheit in gute und schlechte Kategorien. Wir sind Materialisten, keine philosophischen Wesen. Wir beweisen, dass wir in jeder Lage unseren Vorteil suchen und kategorieren uns somit als Instinktwesen. Damit erfüllen wir selbst die Vorgaben, die wir den anderen Tieren beimessen müssen, uns in der Überhöhung zu behaupten.

Die Natur kennt kein Gut und kein Böse. Sie ist mittelbar uninteressiert an unserem Treiben. Also steht es uns frei, mit Tieren nach Bedarf zu verfahren, wie es auch der christlich jüdische Anthropozentrismus ausdrückt. Unser maßloses Verhalten aber wird uns allmählich bewusst, in der Aussage, dass wir dabei sind, die Grundlagen unserer Existenz zu vernichten, in dem Irrglauben für Alles mit einem Substitut schließlich aushelfen zu können. Die mühsame Addition synthetischer Unterschiede ist uns abhanden gekommen. Wir haben realisiert, dass wir Tiere sind und dass kein Beweis mehr anzuführen ist, die anderen Tiere unterordnen zu können. Sie vertreten das Postulat der identischen elementaren Interessen. Wir haben die gleichen Vorfahren.  Wir haben erkannt, dass die Sklavenhaltung von Mitgliedern unserer Art moralisch nicht mehr vertretbar ist. Wir haben aufgehört, unsere eigene Art zu verspeisen. Wir lernen, dass alles in der Natur zusammenhängt und der Totemismus, die Zusammengehörigkeit, die Verpflechtung, von Mensch und Natur  ein Naturgesetz ist, die anderen Tiere ein Selbst besitzen und dass das letzte Postulat - Der Maßstab bleibt der Mensch - in die satirische  Veranstaltung und nicht in die Überlegung gehört.

"Ich esse meine Freunde nicht". Ein geflügeltes Wort Gelehrter. Und ich esse meine Verwandten nicht. Warum den Mythos unserer Überhöhtheit ablegen, wo er uns doch soviel bedeutet. Kannibalismus macht uns krank, degradiert uns zu Deponien der chemischen Industrie und versperrt uns den Weg vom tyrannischem Beherrscher zum Behüter Derer, denen wir uns überlegen fühlen. Wir begehen Raubmord, indem wir sie ihres Lebensrechts berauben.

Ist das die Zivilisation derer wir uns rühmen? Soll das mit Humanismus umfassend katalogisiert werden? Machen wir das noch aus Gründen der Selbsterhaltung der Art ? Oder nur des Vergnügens willig, einen Gaumenkitzel zu erfahren? Unseren inherierten Sadismus auszuleben? Ginge es um den natürlichen Trieb der Erhaltung der eigenen Art, morden wir die Falschen. Wir sähen uns gezwungen, uns selbst zu dezimieren. Moral ist die Erfindung der Rechtfertigung der eingeschränkten Handlungsweisen unserer Fähigkeiten; Empathie, Mitgefühl, ist eine genetische Essenz, die allen Tieren gemein ist.  Gott ist die übernatürliche Instanz, uns zu erlauben, was wir wünschen und uns zu verwehren, was wir nicht wollen.

Wollen wir Tiere quälen, sie einkerkern, ermorden, wenn sie beginnen würden, am Leben teilzuhaben? Wenn wir bereit sind, das zu wollen, dürfen wir sie nutzen, weil wir dazu die Macht haben. Und wenn uns Mordgelüste an Wehrlosen zuwider sind, sollten wir uns derart verhalten, wie wir uns verstehen wollen - als humane Tierart, die die Fähigkeit erlernt hat, Verstand vor Können zu setzen und uns bemühen, ein Ersatzwort für Humanität zu kreiern. Das Deckwort aller Grausamkeiten zu ersetzen.

Wir dürfen Tiere nutzen, solange es sich um eine Symbiose des Nutzens für Alle handelt.

Wir dürfen kein Lebewesen nutzen, dessen elementare Interessen durch die Nutzung eingeschränkt, oder verunmöglicht werden. Das sind wir unserem Selbstverständnis schuldig. Und unserer Machtstellung.

 

Bernd Wolfgang Meyer

 


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