Die Ohnmacht und der Zorn Drucken E-Mail

 

Die Ohnmacht und der Zorn

Die Menschheit spielt russisches Roulette. Nicht die gewöhnliche Form, bei der nur eine Kugel in den sechs Kammern des Revolvers ist. Nein, sie spielt die umgekehrte Version, bei der fünf Kugeln in den sechs Kammern sind. Die Wahrscheinlichkeit des finalen Todesschusses ist extrem hoch, die Wahrscheinlichkeit des Überlebens extrem niedrig.
Man spielt um die private Zukunft, die Zukunft der eigenen Kinder und Enkel, um lebenswertes Leben, um die Perspektiven der Menschheit, der Tierwelt sowie der gesamten Natur. Nun könnte man sich auf den Standpunkt stellen, sollen sie sich doch gegenseitig vernichten, versklaven, ausbeuten, sinnlose Religionskriege führen, unwiederbringliche Kulturstätten vernichten, die Erde leer plündern, nachfolgenden Generationen ein Chaos, eine ausgeschlachtete Erde als zementierte, vermüllte Hülle, als Lebenshölle hinterlassen, wenn nicht der Gedanke sich ins Hirn gefressen hätte, dass die Unschuldigsten, die Wehrlosesten, die Vertrauensseligsten und am wenigsten Wehrhaften, die Tiere, zuerst den Revolver an die Stirn gehalten bekommen. Täglich kommen mehr als 200.000 neue Spieler hinzu, pro Sekunde ca. 2,7 Wesen, die den Planeten wie eine Springflut überschwemmen, in alle Winkel  der bisher freien Natur drängen, eine vernichtende Spur hinterlassen und ihre Existenz gnadenlos und rücksichtslos an die Stelle der dort lebenden Tierwelt setzen.
Die Menschheit als Ganzes spielt das umgekehrte russische Roulette auf dem Heck des Weltenschiffes, ignorant, vorsätzlich - wie damals auf der „unsinkbaren Titanic“ - und die Zuschauer des Spiels tanzen zu den Klängen der Untergangsmelodie, dem beliebten road-to-nowhere-Hit. Es ist der Tanz der Masse, diese manipulierbare, meinungs- und machtlose Ansammlung einzelner Individuen, jeder sich als Nabel der Welt, der eigenen, kleingeistigen Welt fühlend und doch in der Summe nur dazu geboren, das Leid des Lebens weiterzugeben und um ausbeutbare Kaufkraft für wenige Großverdiener zu sein. Die ewige Wiederholung der Menschwerdung, der endlose Kreislauf von Geburt und Tod ist der Überschussproduktion von Spielzeugaffen vergleichbar, viel zu viele, zu schlecht gefertigt, in der Wirkung nach kürzester Zeit einschläfernd. Sie werden aufgezogen, hauen schnell, heftig und lärmend auf ihre Blechbecken, machen ein paar unbeholfene, schiebende Schritte, werden langsamer, leiser und ersterben dann in ihrer Bewegung, stehen still. Alle gleich, alle albern in ihrem Eindruck, alle produziert für den Müllhaufen der Unsinnigkeit. Mensch und Spielzeugaffe – das gleiche Produkt einer dauernden, endlosen und sinnlosen Wiederholung.
Der Bug des Schiffes ist bereits unter Wasser, das Heck steigt an, aber der Pöbel tanzt, das Orchester spielt und spielt und spielt und spielt…und die Gefahr des endgültigen Untergangs im Eismeer, im erbärmlichen Vegetieren, wird ignoriert. Von fast Allen, obwohl eindringliche Rufe schon lange, seit Jahrzehnten, über die Welt hallten. Aber es sind wenige, zu wenige, sie genügen nicht, sie genügen zur Rettung nicht. Es sind zu wenige, die hören, die verstehen, die denken und nachdenken, die Kommendes antizipieren können und Konsequenzen fordern – ihre Rufe sind vergeblich.
Denn wer in dieser Welt etwas ändern will, hat nur zwei Möglichkeiten. Entweder besitzt er finanzielle Macht oder weiß Menschenmassen hinter sich. Der finanzielle Weg ist der leise, der stille, der effektive, der bestimmende und der entscheidende, es ist der Weg der Großkonzerne. Der Weg über die Massen ist der Weg der Lüge, des Betrugs und der Täuschung, es ist der Weg der Politik, der Regierenden, weltweit, überall. Was kann die Masse, selbst wenn sie wollte, ausrichten, ohne Leitung, ohne Steuerung und Führung? Ein desolater Haufen ist es, der mit Brot und Spielen, mit Mediendiktatur, mit der Gaukelei der Freiheit beruhigt, gleichgeschaltet und verdummt wird, von den Lohnschreibern der Gazetten, die gehalten sind, Dinge zu schreiben, für die sie bezahlt werden, von den Programmdirektoren der Fernsehanstalten, die Regierungsmeinungen in Bild und Ton umsetzen, umsetzen müssen, wenn sie ihren Job behalten möchten. Es hat sich ein breiter intellektueller Analphabetismus manifestiert, gezielt gefördert und erwünscht. Wer lässt sich leichter lenken, missbrauchen und benutzen als der Flachkopf? In der Zeit der Romanik hatte man die Kirchen mit Bildern ausgemalt, um die gewünschte Botschaft dem gemeinen, ungebildeten Volk zu übermitteln, heute nimmt man Fernsehen, Smart-Phone und Tageszeitung und täuscht das ahnungslose Stimmvieh über seinen Einfluss und suggeriert ihm gar Bedeutung und Wichtigkeit ein.
Sie merken nicht einmal mehr, dass Freiheit auch Disziplin, Selbstdisziplin, Selbstdenken ist, dass man gegen den Strom schwimmen muss, aber gegen den Strom schwimmen ist anstrengend und Anstrengung ist nicht ihr Ding. Lethargie ist ihr Metier. Und selbst wenn die Masse sich an einzelnen Themen reibt und murrt und wiedersetzt, der kleine Widerstand wird durch einen sofortigen Schulterschluss zwischen Regierung und Kapital im Keim erstickt.
Natürlich verstehen einige die Zusammenhänge, begehren auf, aber ihre Stimme verhallt im Geschrei der Millionen, denn es kommt hinzu, dass die Masse keine Gemeinschaft mit dem wünscht, was nicht zu ihr gehört. Sie hat tief verwurzelte Abscheu, regelrecht Furcht, vor allem, was aus ihrer Gewohnheit herausfällt, sie zuckt vor Intellektualität zurück, wie der Finger von der heißen Herdplatte. „Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht wie alle ist, wer nicht wie alle denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden… Das allgemeine Stimmrecht gab der Masse nicht das Recht zu entscheiden, sondern die Entscheidung der einen oder anderen Elite gutzuheißen… Der Massenmensch ist der Mensch, der ohne Ziel lebt und im Wind treibt…. Und dieser Typus Mensch entscheidet in unserer Zeit ….Man pflanze ihnen eilig den Stolz auf die Macht der modernen Mittel ein, aber nicht den Geist …Wie sollte man nicht fürchten, dass der Staat unter der Herrschaft der Massen alle unabhängigen Individuen und Gruppen erdrückt und so die Zukunft zu einer Wüste machen wird! “ beschrieb fast hellseherisch bereits 1929 der große spanische Philosoph Ortega Y Gasset dieses Phänomen.
Die Masse ist das neue Ich des Massenmenschen. Sein individuelles Ich hat er aus seiner persönlichen Existenz heraus verlagert und in ein allgemeines, aber anonymes Wollen, Handeln, Begehren und Wünschen transformiert. Insbesondere dienen als Kompass für die neue Ich-Positionierung die Konsumgewohnheiten und Denkweisen des aktuellen Zeitgeistes. Die subjektive, aber originäre Empfindungs-und Denkwelt des Individuums hat der Massenmensch durch die schwammig-wolkenhafte Realität des kollektiven Ichs ersetzt. Seine eigenständige Persönlichkeit wurde durch ein allgemeines Massen-Ich verdrängt. Der Massen-Mensch hat seine persönliche Lebensauffassung einem kollektiven Lebensverständnis geopfert, d.h. er ist von einem eigenständigen personalen Subjekt zum unbedeutenden Masseobjekt mutiert. Durch eigenes Verschulden hat er damit seine geistige Freiheit verspielt.  In den Megagroßstädten gleicht er inzwischen einem menschlichen Nachfolgemodell der abscheulich kasernierten Hühner in der Massentierhaltung.
Was nützt es heute, wenn einige Klarsichtige jenseits der Massenmedien Gedanken und Texte veröffentlichen, selbst wenn sie 1000 Leser erreichen und bei einer Bevölkerung von 80 Millionen Menschen 79.999.000 nicht erreichen? Der Ritt gegen die Windmühlenflügel der ignoranten, desinteressierten Masse ist vergeblich, ermüdet die Gutwilligen, laugt sie aus und lässt sie am Ende resignieren. Und selbst wenn dieses Volk mit einer Stimme sprechen würde, was in toto mangels Intellekt und Wollen einer Fata Morgana gleichkommt, wo ist das Gewicht von 80 Millionen Individuen dieses Landes bei einer Erdbevölkerung von 7,2 Milliarden Menschen, von 7.200 Millionen Menschen, von denen 80 Millionen nur etwas mehr als ein Prozent sind? Wer glaubt, dass 7200 Millionen Menschen, verteilt auf mehr als 170 Staaten und Regierungen, je ein gemeinsames Ziel freiwillig, ohne Notwendigkeit, gemeinsam anstreben könnten, anstreben wollten, der ist entweder ein Dummkopf oder ein Scharlatan. Damit ist die Konsequenz klar. Es wird kein Umsteuern, kein kollektives weltumspannendes Wollen oder gar Handeln geben, den Planeten lebenswert für alle Lebewesen zu erhalten, das Chaos ist unvermeidbar – wehe den Zukünftigen! “Kinder sind unsere Zukunft” lautet eine gern benutzte Leerformel nur… diese Kinder haben keine Zukunft!
Wer beispielsweise jemals die Autobahn A7 von Dänemark Richtung Hamburg gefahren ist, sieht – wenn er halbwegs sensibel und aufmerksam ist –einen endlosen Strom von Tiertransportern nach Norddeutschland fahren. Hunderte von LKWs täglich, mit tausenden und abertausenden von Tieren beladen, meist Schweine und Rinder. Es ist ein Todesstrom, der dem empathisch Empfindenden den Schlaf raubt und ihn fast um den Verstand bringt. Ein Todesstrom, der in den Vernichtungsfabriken der Großstädte endet, in einem Massengemetzel hinter hohen Mauern, unvorstellbar, unglaublich, schrecklich, grausam. Ein Todesstrom, der für eine nichtswürdige Spezies fließt, die eigentlich nicht unfähig ist, überhaupt das von ihr erzeugte Leid, diese ethische Ungeheuerlichkeit, zu begreifen, sondern die nicht begreifen will. Diese Spezies, zergliedert in Einzelindividuen, die sich nicht im geringsten ihrer moralischen Deformation schämen, die sich empören über menschliche Kriegstote und vergessen, dass die Summe aller Kriegstoten der Menschheitsgeschichte in ca. 5 Tagen an Zahl und Grausamkeit in den Schlachthäusern des Planeten übertroffen wird. Mehr als 600 Millionen Lebewesen werden in diesem Zeitraum für den menschlichen Gaumenkitzel ermordet. Das Grauen kann man nicht auslöschen, man kann es verfälschen, man kann es ignorieren, man kann es vergessen, aber ungeschehen machen kann man es nicht.
Die Fähigkeit zu ethischem Denken setzt voraus, dass der Verursacher einer Handlung deren Wirkung so einordnen und empfinden kann, als ob die Wirkung ihn, den Verursacher, selbst beträfe oder betreffen könnte. Nur ein kleiner Teil der Menschen hat jedoch den Intellekt und die Sensibilität für derartige Imaginationen, denn, so sagte es Thomas Mann, die Menschen möchten sich nicht so sehen, wie sie sind, sondern wie sie zu sein wünschen.
Antizipatives Denken und die Beachtung der daraus entstehenden Schlussfolgerungen ist den Wenigsten gegeben. Ein zutiefst ethisch empfindender Mensch wäre beispielsweise vorstellungsmäßig in der Lage, sich in die Existenznot eines gejagten Rehs zu versetzen und würde mit Schaudern die Schmerzen nachvollziehen können, die der Bauchschuss dem verletzt fliehenden Tier bereitet. Dieser Mensch könnte auf Grund seines ethischen Empfindens und auf Grund seiner geistigen und empfindungsmäßigen Strukturierung niemals Jäger, Schweinezüchter, Schlächter, Pelztierfarmer, Hundefänger, Hühnerbaron, Tierfolterer im Versuchslabor etc. werden.
Da die Fähigkeit, sich an der Durchdenkung des Verursacher-Wirkungsprozesses zu orientieren, nur einer exilierten Minderheit gegeben ist und – was entscheidend ist – von der Majorität in voller Tiefe und Konsequenz kaum oder gar nicht nachvollzogen werden kann, wird zwischen diesen Gruppierungen geistiger Konsens meist Utopie bleiben. Der Schlächter beispielsweise, per definitionem ein Angehöriger der ethisch wenig reflektierenden Verursacher, kann Argumente über Tierrechte, Ehrfurcht vor dem Leben, Leidensfähigkeit zwar hören, durch seine limitierte Wesensstrukturierung aber selten nachvollziehen.
Doch die Menschheit trudelt weiter dahin in einem Kokon von schützender Dummheit, in einer zunehmenden Vergröberung der moralischen Auffassung gegenüber den Mitlebewesen. Ihre Wortführer geben sich gerne als die großen Humanisten und sind in letzter Konsequenz nichts anderes als die Kollaborateure des Grauens, die dummdreisten Verräter tierischer Lebensformen und Lebensrechte. Sie verraten die Tierwelt für wirtschaftlichen Profit; jeder ein Judas der Moral. Man steht vor einer unvorstellbaren Ignoranz fremden Leides, einem verbrecherischen Wegsehen, einem Nichtsehenwollen, einem zügellosen Ausleben ihrer eigenen Interessen, denn nichts beschäftigt die Masse so sehr wie ihr persönliches Wohlbefinden sowie die ungehemmte Ausdehnung ihrer Lebenswünsche.
„In diesem Sinn bilden sie alle eine große Familie, denn gleich ist die Schuld, gleich die Feigheit und Heuchelei, gleich die Blindheit, die Beschränktheit, gleich die Arroganz und der Opportunismus, der doppelzüngige Opportunismus und der intellektuelle Terrorismus und die Demagogie“ schreibt in anderem Zusammenhang Oriana Fallaci.
Ortega y Gasset fasst zusammen: „Aber der Mensch, den wir analysieren, ist daran gewöhnt, niemals von sich fort auf eine Instanz außer ihm zu blicken. Er ist zufrieden mit sich, so, wie er ist. Naiv, ohne dass er darum eitel zu sein brauchte, wird er als das Natürlichste von der Welt alles bejahen, was er in sich vorfindet- Ansichten, Triebe, Gesinnungen, Neigungen-, und es gutheißen. Warum nicht?-wenn ihm, wie wir gesehen haben, nichts und niemand zu der Erkenntnis verhilft, dass er ein Mensch zweiter Klasse ist, außerordentlich beschränkt und unfähig, auch nur die Organisation zu schaffen und zu erhalten, welche seinem Dasein jene Weite und Befriedigung gibt, auf die er eine solche Einschätzung seiner Person gründet … Nicht, dass der gewöhnliche Mensch glaubt, er sei außerordentlich und nicht gewöhnlich, sondern dass er das Recht auf Gewöhnlichkeit und die Gewöhnlichkeit als Recht proklamiert und durchsetzt… Der Einfältige aber ist ohne Arg gegen sich selbst; er dünkt sich gewaltig gescheit, und daher die beneidenswerte Genügsamkeit, mit der sich Beschränkte in ihrer eigenen Geistesarmut zur Ruhe setzen…. Dummheit ist lebenslänglich und hoffnungslos.“  Und ich füge noch hinzu: die menschliche Kollektivdummheit ist für Mutter Erde und seine Bewohner vernichtend und tödlich!

21.7.2014   Gunter Bleibohm

 

 


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