Auszug aus „Schach der Qual“: Drucken E-Mail

 

Auszug aus „Schach der Qual“:


„Das Axiom wurde nun einmal aufgestellt – um alle unliebsamen Diskussionen abzubrechen –, dass im Dienste der Wissenschaft und zum Wohle der Menschheit das Opfer der minderwertigen Kreatur notwendig und sogar im höchsten Maße segensreich und es daher eine ganz und gar unwissenschaftliche, nur tiernärrischen alten Jungfern geziemende Charakterschwäche beweist, wenn man gegen diesen wichtigen Behelf der Heilkunde Einspruch erheben will. Um nicht so unvernünftig zu erscheinen, geben viele dem Proteste, auch wenn er sich in ihrem Innern regt, nicht Ausdruck. Also denn: denken wir nicht daran, weil es uns weh tut – und reden wir nicht darüber. Alles – nur nicht etwa für dumm gehalten werden!

Ich will aber reden.

Mir ist die Berechtigung jener Dinge schon von Grund auf verdächtig, welche die Diskussion scheuen und welche mit Berufung auf irgendein abstrahiertes allgemeines Wohl die Verantwortung der konkreten Einzelübel von sich abwehren. Noch jede grausame Gepflogenheit – auch die verruchteste – ist immer als in Hinblick auf höhere Nützlichkeit geboten dargestellt worden; und je unvernünftiger, für desto weiser, je unbarmherziger, für desto heiliger erklärt. Alle verbrannten Hexen, alle mit glühenden Zangen gezwickten Delinquenten, alle auf den Schlachtfeldern hingemordeten Krieger und in den Kolonien ausgerotteten Eingeborenen – sie alle wurden ja nur den höheren Zwecken, der Glaubensreinheit, der Gerechtigkeitspflege, der Vaterlandsliebe und der Kulturverbreiterung (!) geopfert; die einzelnen Leiden sollten immer als nichts gelten dem großen Gewinn gegenüber, der daraus für die Allgemeinheit entspringt. Und an all den hochweisen und hochheiligen Qualinstitutionen hat man zur Zeit ihres Bestehens nicht zu rütteln gewagt. Wer es tat, galt für begriffsstutzig oder gar für frevelhaft.

Ich aber glaube dies und sage es offen: Über dem angenommenen Nutzen einer unbestimmten Allgemeinheit steht das unverbrüchliche Recht jedes einzelnen fühlenden Geschöpfes, nicht gequält zu werden.

Wohin würde zum Beispiel dieses Axiom führen: „um zehn Menschen der künftigen Generation in China zu nützen, darfst du einen Menschen deiner Umgebung umbringen?“ Oder, wenn man nicht in Zahlen rechnet, sondern in Werten und dabei in gewohntem Hochmut den Wert des Menschen tausendmal höher stellt als den des Tieres (obwohl es, weiß Gott, bravere Hunde gibt als so mancher rohe menschliche Wicht), „du darfst, um eines künftigen Kranken Zustand besser diagnostizieren zu können, tausend gesunden Tieren die unerträglichsten Qualen zufügen“. Wird solche Wertabschätzung erlaubt, so müsste man ja auch innerhalb der Menschheit derlei Opferungen gestatten und sagen: „hundert kleine Kinder oder hundert verkommene Verbrecher sind doch nicht so viel wert wie ein vielleicht künftig erkrankender großer Fürst – oder wie ein Fortschritt der Wissenschaft überhaupt – also vivisezieren wir an kleinen Kindern, zerfasern wir die Gehirne unserer Gefangenen.“ – Warum wird da Halt gemacht? Entweder ist die Mehrwertigkeit ausschlaggebend, oder sie ist es nicht.

(Bertha von Suttner, Pazifistin, Friedensforscherin und Schriftstellerin, Trägerin des Friedensnobelpreises, Wien)

 


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