Jäger fordern Abschaffung der Schonzeit: Räude als Alibi? Drucken E-Mail


Von Dag Frommhold www.fuechse.info

Die sechsmonatige Schonzeit, die seit 2011 für Füchse im Saarland gilt, ist großen Teilen der Jägerschaft ein Dorn im Auge. Der jägerische Beutekonkurrent Reineke, so argumentieren sie, hätte sich seit Einführung der Schonzeit stark vermehrt, wodurch nun vermehrt die Räude auftrete.

Allerdings gibt es weder für die behauptete Zunahme der Fuchspopulation noch für eine eventuelle Ausbreitung der Räude überhaupt belastbare Daten. Die Anhaltspunkte, die tatsächlich existieren, weisen eher auf das Gegenteil hin: Die Jagdstrecken im Jagdjahr 2011/12 sind im Vergleich zum ersten Jahr nach Einführung der Schonzeit gesunken; in Wildtierstationen werden tendenziell weniger verwaiste Jungfüchse abgegeben.

Hinzu kommt, dass die Jagd zur Bekämpfung von Wildtierseuchen gerade beim Fuchs zumeist kontraproduktiv ist: Fuchspopulationen gleichen starke Verluste durch steigende Geburtenraten aus. Während die Gesamtzahl der Füchse konstant bleibt, wächst dadurch der Anteil an Jungfüchsen in stark bejagten Populationen. Da Jungfüchse jedoch im Herbst auf Reviersuche gehen und dabei oft kilometerweit wandern, sind sie es meist, die Krankheiten erst in neue Gebiete einschleppen.

Fakt ist zudem, dass die Räude schon seit Jahrzehnten in unregelmäßigen Abständen lokal aufflackert. Dabei zeigt sich, anders, als etwa vom Landesjagdverband Saar behauptet, dass vor allem geschwächte Füchse besonders anfällig für eine Infektion sind – neben Parasiten, Krankheiten oder Nahrungsmangel kann aber auch hoher Jagddruck die Konstitution von Individuen in einer Population beeinträchtigen. So zeigen verschiedene Studien, dass beim Tod eines Fuchsrüden, der seine Familie mit Nahrung versorgt, die Konstitution sowohl der Füchsin als auch der Welpen erheblich beeinträchtigt wird. Auch dies legt eine kontraproduktive Wirkung der Fuchsbejagung nahe.

Mittlerweile kann übrigens als gesichert gelten, dass sich vielerorts Fuchspopulationen herausbilden, die weitgehend gegen die Räude resistent sind. Nur bei einem kleinen Teil dieser Tiere treten tatsächlich Symptome auf; zumeist verläuft die Erkrankung subklinisch (Davidson et al., 2008; Constantin, 2005). Jäger können einem Fuchs eine eventuelle Räuderesistenz jedoch nicht ansehen und töten somit wahllose räuderesistente Tiere ebenso wie räudeanfällige. Infolgedessen wird der Überlebensvorteil der Räuderesistenz reduziert, was abermals dem Ziel der Reduktion von Räudefällen in Fuchspopulationen zuwiderlaufen dürfte.

Auch im Nachbarland Baden-Württemberg moniert der Jagdverband seit geraumer Zeit angeblich viel zu hohe Fuchsdichten und führt ins Feld, dass eine intensive Bejagung der Fuchspopulation für die Eindämmung der Räude unerlässlich sei. Einzelne Räudefälle, öffentlichkeitswirksam in Tageszeitungen platziert, erwecken für den unbedarften Bürger den Eindruck einer massiven Durchseuchung der Fuchspopulation mit Sarcoptes scabiei. Wirft man jedoch einen Blick auf die Fakten, relativieren sich die Warnungen der Jägerschaft dramatisch: Studien zeigten, dass von 2481 Füchsen nur etwa 3 Prozent tatsächlich positive Titer aufwiesen, also bereits in Kontakt mit Räudemilben gekommen waren. Als Haut und Fell dieser etwa 80 Tiere genauer untersucht wurden, stellte sich heraus, dass nur vier von ihnen tatsächlich äußere Markmale einer Räudeerkrankung aufwiesen. Hochgerechnet bedeutet dies, dass von 10.000 baden-württembergischen Füchsen etwa 300 räudepositiv sind und gerade einmal 15 von ihnen auch Symptome zeigen.

Diese Zahlen belegen eindrucksvoll das tatsächliche Ausmaß des vermeintlichen „Räudeproblems“ und legen nahe, dass die Jagdverbände die Räude wie zuvor Tollwut und Fuchsbandwurm instrumentalisieren, um in der Bevölkerung Rückhalt für die Bejagung des Fuchses im allgemeinen und die Rücknahme der Schonzeit im Besonderen zu gewinnen.

Dass es bei der Fuchsjagd jedoch letztlich um etwas ganz anderes als den Kampf gegen Wildtierseuchen geht, zeigen etwa die Jagdforen im Internet, in den Jäger sich stolz mit ihrer blutigen Beute – ob Altfuchs oder Welpe – präsentieren. Vor den Augen einer immer kritischeren Öffentlichkeit dürfte Jagdlust aber kaum als Argument für die massenhafte Tötung von Füchsen bestehen können.


Literatur:

Constantin, E.-M. (2005): Epidemiologische Untersuchung zur Verbreitung der Räude beim Rotfuchs (Vulpes vulpes) in Baden-Württemberg. Dissertation, Berlin.

Davidson, R.; Bornstein, S.; Handelanda, K. (2008): Long-term study of Sarcoptes scabiei infection in Norwegian red foxes (Vulpes vulpes) indicating host/parasite adaptation. Veterinary Parasitology, Vol. 267(3-4): .

Vergara, V. (2001): Comparison of parental roles in male and female Red Foxes, Vulpes vulpes, in southern Ontario. Canadian Field Naturalist, Vol. 115(1)
·    Zabel, C.J. (1986): Reproductive Behavior of the Red Fox (Vulpes vulpes): A Longitudinal Study of an Island Population

 


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