Ist das Kunst oder kann das weg? Drucken E-Mail

Gedanken zu dem „Orgien Mysterien-Theater“ des Hermann Nitsch


Kunst muss nicht der Mehrheit gefallen. Kunst muss nicht durch die Mehrheit verstanden werden. Kunst ist kein Massenprodukt. Kunst darf individuell, exzentrisch und schräg sein. Kunst darf provozieren. Darf Kunst alles?

Das ist eine Frage, die seit geraumer Zeit intensiv diskutiert wird. Die Empörung ist groß, die Wogen überschlagen sich. Im Zuge seines „Orgien Mysterien-Theater“ will der umstrittene österreichische Künstler Hermann Nitsch am 22. Juni 2013 in Leipzig auf der Bühne Tiere ausweiden, mit Innereien und Gedärmen rumsudeln und eine seiner bereits bekannten Blutorgien veranstalten. Der Künstler Nitsch sagt, „das Orgien Mysterien-Theater ist ein Gesamtkunstwerk, Inszenierungen von realen Geschehnissen beanspruchen alle fünf Sinne. Das Wort wird nicht mehr benötigt“. Was möchte der Künstler dem Zuschauer sagen?
Allen vorneweg sind Tierrechtler und Tierschützer auf der Palme, aber auch in anderen Bevölkerungskreisen ohne besondere Affinität zum Tierschutz regen sich laute Stimmen. Die Tiere sollen nicht auf der Bühne geschlachtet werden, aber ihr Tod dient nur der Kunst. Denn die Veterinär- und Lebensmittelaufsicht hat jede weitere Verwertung in Hinsicht auf Verzehr usw. untersagt. Ist das Kunst?

Eines steht fest: Nitsch will provozieren – das darf Kunst ja. Bei aller Verachtung gehe ich mal ein Schritt auf seine Idee zu. Will Nitsch eventuell unseren Umgang mit Tieren anprangern? Will er vielleicht sogar auf den blutrünstigen Umgang mit Tieren z.B. in Schlachthöfen aufmerksam machen? Ich habe keinen Anhaltspunkt für eine solche Intention gefunden. Auch fehlt mir alleine der Glaube daran, beim Blick zurück auf Nitschs vergangenes Schaffen. Selbst wenn es so wäre, würde ich an dieser Stelle sagen, dass er einen ungeeigneten Weg geht, wenn er sein Vorhaben so durchzieht. Würde er im letzten Moment sagen, „Ätsch – ich habe mit der Ankündigung provoziert!“, dann könnte und wollte ich das Konzept verstehen, wenn dann Schwein und Rind lebendig über die Bühne pilgern. Aber wer sich ein klein wenig über Nitsch’schen Blutorgien informiert hat, wird wenig Hoffnung hegen. Nitsch ist auf dem internationalen Kunstmarkt ein bekanntes, aber kleines Licht. Bekannt ist der Name im wesentlich nur im Zusammenhang mit derartig absurden Aufführungen. Seine Bilder werden bei internationalen Auktionshäusern kaum angeboten und wenn, dann nur im unteren Preissegment.
Also benötigt Herr Nitsch Werbung und Publicity, wenn er auf dem Kunstmarkt in höhere Kategorien aufsteigen möchte. Fatalerweise meint er, mit derart blödsinnigen Schockveranstaltungen im Konzert großer Künstler mitspielen zu können. Aber auch wenn ein Zwerg auf einem Berg von Aufmerksamkeit steht, bleibt er dennoch ein Zwerg.

Kunst ist frei – und das ist auch gut so! Die Freiheit der Kunst wird in der Bundesrepublik Deutschland durch das Grundgesetz garantiert. Dieser Umstand ist ein wichtiges und hohes Gut und sollte niemals grundsätzlich zur Diskussion stehen. Aber darf Kunst deswegen alles?

Nein! Werfen wir dazu einen Blick auf die Meinungsfreiheit, ebenfalls ein wichtiges und hohes Gut, welches uns hierzulande auch durch die höchste Rechtsnorm garantiert wird. Trotzdem darf ich nicht beleidigen, diffamieren und Falschbehauptungen aufstellen. Diese Grenzen sind wichtig, da sonst jede Freiheit Missbrauch erfährt und unwillkürlich sich in Un-Freiheit wandelt, in das Diktat der Dummheit abdriftet.
Wenn also jetzt mit Hinblick auf Nitschs Pläne Genehmigungs- und Aufsichtsbehörden sowie andere Institutionen, wie Veterinäramt, Ordnungsamt, Tierschutzbeirat, Oberbürgermeister, Politiker usw. auf die Freiheit der Kunst verweisen, machen sich diese Personen und Institutionen mit zu Totengräbern eben dieser Freiheit. Denn Freiheit muss auch verstanden werden, es muss behutsam mit diesem Gut umgegangen werden. Offensichtlich versteht dies unsere Obrigkeit nicht, es fehlt ihnen die intellektuelle Basis. Der Reiz mit zu provozieren und zu den von der Masse Unverstandenen zu gehören ist groß. Doch wo sind wir angelangt, wenn es reicht unverstanden zu sein, um sich mit dem Hauch des Elitären zu umgeben?

In der Sphäre der vermeintlich Elitären tummeln sich jetzt auch diejenigen, die den Kritikern des Kunstevents kleingeistiges und provinzielles Denken vorwerfen. Diese Personen schauen herab auf die Person, die sich mit einem Wurstbrot in der Hand über die Schlachtung im Namen der Kunst echauffieren. Ja, da kann ich noch einen Schritt mitgehen. Doch noch herablassender schauen diese vermeintlichen Größen herab auf Tierrechtler und Tierschützer und versuchen denen klarzumachen, dass das Leben kein Ponyhof ist. Nun, auch wenn mancher Gedanke in dieser Szene kurz gedacht ist, mancher Wunsch und manche Forderung zunächst unrealistisch erscheint, steht doch hinter dem ganzen ein ehrlicher und aufrichtiger Gedanke: der Respekt und die Ehrfurcht vor dem Leben!
Keiner der Herrn Nitsch und seinen willfährigen Handlangern aus der Obrigkeit und Möchtegern-Denkern in diesem Darkroom der geistigen Onanie sitzt, hat für mein Dafürhalten das Recht auf diejenigen herabzusehen, die eine klare Ethik gegenüber dem einzelnen Lebewesen vertreten. Vielmehr sollten manche hier endlich ihr eigenes Versagen erkennen. Doch wo ist dieses Versagen anzusiedeln?

Wenn das „Orgien Mysterien-Spektakel“ wie geplant durchgeführt wird, haben die Behörden bis hin zur Staatsanwaltschaft versagt. Das Tierschutzgesetz sagt ganz klar, dass kein Tier ohne vernünftigen Grund getötet werden darf. Zuwiderhandlungen sind strafbewährt, bis hin zu Freiheitsstrafen. Die Veterinärämter haben eine Garantenstellung dahingehend, dass u.a. diese Rechtsnorm eingehalten wird. In der täglichen Praxis des Tierschutzes ist es für die Amtsveterinäre oftmals schwierig dieser Aufgabe nachzukommen. Die unrechtmäßigen Tötungen und Quälereien finden meist im Verborgenen statt, die Beweisführung, um Täter Dingfest zu machen,  ist meist schwierig. Im Falle Leipzig wird eine solche Tat öffentlich angekündigt – alle schauen zu und verweisen auf die Freiheit der Kunst. Alle haben versagt, nicht aus Versehen versagt, sonder wollen versagen!
Würde ich heute öffentlich eine Straftat ankündigen, einen Bankraub, eine Vergewaltigung oder gar einen Mord, käme eine große Maschinerie in Gang, um dies zu verhindern. In Leipzig passiert gar nichts! Wer kann das Vorhaben des Herrn Nitsch noch verhindern?

Wahrscheinlich niemand. Demo und Protest sind angekündigt, was letztendlich das Spektakel noch ausweitet und dem Künstler eine noch größere Bühne und Aufmerksam bereitet. Ein Künstler, der es nicht schafft mit seinem künstlerischen Oeuvre nennenswert Aufmerksamkeit und Wert auf nationaler und internationaler Ebene zu erlangen, versucht es durch Provokation und willfähriger Unterstützung einiger Steigbügelhalter, die allesamt mangels Kunstkenntnis und Kunstverständnis einem dilettierenden Kunstzwerg auf dem Leim gegangen sind und sich in ihrer geistigen Beschränktheit zu mitspielenden Marionetten und Statisten degradieren ließen, ohne es selbst zu merken.
 
Das ganze Setting verkommt zu Brot und Spielen für das Volk, eine Unterhaltungsform, auf das wir in Erinnerung des  römischen  Amphitheaters normalerweise verachtungsvoll zurückblicken. Ist das alles Grund sich von der Sache zu distanzieren und wegzuschauen?

Nein! Wir spielen mit! Wir werden unseren Beitrag dazu leisten, dass Hermann Nitsch und seine Gefolgsleute noch etwas länger im Gespräch bleiben. Wir werden das Versagen von Ämtern, Behörden und Justiz mit in das Spektakel integrieren. Wir werden den Finger in die Wunde legen und hoffen, dass diese sich infiziert und eitert. Denn der Prozess des Eiterns ist ein reinigender Prozess!

Um nun noch zum Schluss den Bogen zu schlagen und die zentrale Frage zu beantworten: Das ist keine Kunst – das kann weg!

19.06.2013   Harald Hoos

 

Die Partei Mensch Umwelt Tierschutz - Tierschutzpartei - ruft zu einer Demo gegen das
"Orgien Mysterien-Theater" auf:

Wir bitten alle Tierfreunde, Tierschützer und Tierrechtler an der Demonstration “Tiermord für die Kunst – Nicht mit uns!“ teilzunehmen.

Datum: Samstag, den 22. Juni 2013
Ort: in unmittelbarer Nähe des Haupteingangs des Centraltheaters, Bosestr. 1, Leipzig
Zeit: 15:30 bis 18:30 Uhr

Weitere Infos unter www.tierschutzpartei.de

 

 


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