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Der Tod und die Kälte

von Heike Heinze, Berlin


"Sobald es kalt wird, glitzernd weiße Flöckchen die Stadt zudecken, begegne ich meinen toten, einst gepeinigten Freunden überall. In Form von Kleidung und Accessoires, die Menschen tragen. Die Haut der Tiere, ihr herrlicher Pelz, den ihnen die Natur im Laufe der Evolution zum Schutz geschenkt hatte, wurde ihnen zum Verhängnis. All die Jahre gehe ich durch die kalten Wintermonate für meine noch lebenden Freunde und für die toten.
Es wird wieder ein harter Tag da draußen in der Kälte, das weiß ich. Doch gestern fand ich einen Schlüssel, an dem ein Nerzschwanz hing. Zwei Straßen weiter einen Schlangenlederhandschuh und kurz vor einer Haustür, mitten im Schnee, eine Silberfuchsstola. So hole ich nach und nach die gestohlene Haut meiner Freunde zurück...
Erst wenn es nichts mehr zum Zurückbringen gibt, werde ich kein Streuner mehr sein."
Der Streuner  (H. Heinze)

Es ist schon eine Weile her, da vererbte mir eine Großtante eine handbemalte Truhe, deren wuscheliger Inhalt meiner damals achtjährigen Tochter dicke Tränen und viele schlaflose Nächte bescherte. Der eingemottete Blaufuchs, den wir zur Überraschung in diesem Holzungetüm entdeckten, sah uns mit solch traurigen Glasaugen an, dass ich mich sofort auf den Boden setzen musste, um nicht zu taumeln. Meine Tochter, die wie angewurzelt stehenblieb, drückte entsetzt ihren Teddybär an sich und weinte leise. Sie fror. Ein paar Tage zuvor hatte ihre Schulklasse von den totgeschlagenen Robbenbabys in Kanada erfahren und, um das Leid der Tiere in Zukunft zu verhindern, Unterschriften, Bittbriefe und Malereien gesammelt, die sie an die Botschaft schickte. Für meine Tochter und ihre Freundinnen war das Tragen von Pelzen ein Tabu, auch wenn Barbie sie anzieht.
Nach drei albtraumgeplagten Nächten gab ich ihrem Drängen nach: Wir fuhren mit Hacke und Spaten hinaus aus der Stadt und beerdigten, ein kleines Abschiedslied singend, den Fuchs im Wald. Aus Rache gleich in der Nähe eines Jägerhauses.

Und tatsächlich sah es eine geraume Zeit so aus, als hätte Großtantchens, an Geschmacklosigkeit nicht zu überbietender, Modeunfug keine Perspektive. Kaum noch  jemand wollte sich mitschuldig machen und in Pelze hüllen. Nicht nur die unermüdliche Brigitte Bardot hatte dafür Sorge getragen. Die halbe Welt schien sich gegen das Gemetzel an den geschundenen Kreaturen zur Wehr zu setzen und verbannte deren pelzige Überreste aus den Kleiderschränken geschweige denn gewährte ihnen dort Platz.
Die vor die Hunde gehende Pelzindustrie suchte sich händeringend Nischen. Was ist so stark wie die Macht der Verbraucher? Vorsichtig wurde den Kunden wieder Bekleidung mit echten Pelzapplikationen angeboten, Vorreiter in Deutschland war und ist zum Beispiel das Versandhaus BADER. Mittlerweile unterstützen angesagte Modedesigner schonungslos das blutige Treiben und verwenden ungeniert für ihre Mörderfummel der Saison Haut von Tieren, die bis zu ihrem Tod die Hölle auf Erden erleben müssen. Jeglicher Protest gegen ihre Kreationen ermüdet die Modeschöpfer.  Langeweile ist nicht ihnen, sondern jenen Geschöpfen vorbestimmt, die bis zur Hinrichtung, eingepfercht in Drahtkäfige, ungeschützt gegen Hitze, Nässe und Kälte, ihr erbärmliches Dasein fristen. Viele der scheuen Tiere werden aufgrund der Enge, wider ihre Natur, schlichtweg wahnsinnig, ihre Pfoten verkrüppeln oder bleiben zwischen den Gitterstäben hängen. Sie vegetieren bis zur Krönung der Perversion, dem sogenannten "Abpelzen", zwischen ihrem eigenen Kot. Dennoch kämpfen die ängstlichen Vierbeiner, wenn es zur Sache geht, ums blanke Überleben und versuchen, sich zu verkriechen oder  mit ihren deformierten Pfötchen an den Stäben ihres Gefängnisses festzuhalten. Das ist der Fluch ihres Instinkts...
Gern würde ich den pelzbekleideten, Krokodilledertaschen tragenden Damen oder Herren mithilfe der Telepathie jene Bilder von diesen gequälten Wesen übermitteln, die sie, wahrscheinlich nichtsahnend, zur Schau stellen. Bilder, die so grausam sind, dass man den Verdacht hat, der Schädel spaltet sich, bevor sie sich unwiderruflich im Gedankengut des menschlichen Gehirns verankern. Szenen von durch Stromschlag getöteten, vergasten, erschlagenen oder sich windenden Pelztieren, denen unter dem Gelächter ihrer Peiniger bei lebendigem Leib das Kostbare, für das man sie zu diesem Schicksal verdammte, abgezogen wird. Gehäutete, nackte Häufchen Unglück, die noch lange, qualvolle Minuten hilflos zwischen ihren Artgenossen liegen, bevor der Tod sie erlöst. Schau solch einem Tier in die Augen, und du vergisst diesen Blick niemals. Reptilien, die auf diese Art "gepellt" wurden, leben oft noch Tage, bevor sie endlich sterben dürfen. So manche Frau, die in ihren, von Blut und Qual gereinigten, Fellen Yeti dem Schneemensch oder einer aufgetakelten Fabrikantenwitwe  zum verwechseln ähnelt, würde sich in Grund und Boden schämen, hätte sie gesehen, wie ihr Prachtstück entstanden ist und was auf unserem blauen Planet an Grausamkeit gegen unsere Tiere existiert.
Neulich sah ich im "Bildungsfernsehen" einen recht drollig aufgebauten Bericht über diese Killerindustrie. Wobei dem Zeit totschlagenden Zuschauer nicht das Geringste an Hintergrundinformationen preisgegeben wurde, sondern die tatsächlichen Gräueltaten die gesamte Sendung lang unter dem berühmten Pelzmantel der Verschwiegenheit verborgen blieben. Zum Schluss brüllte ein weibliches, bis zum Hinterkopf geliftetes Gespenst ins Mikro und versuchte, in die Kamera zu lächeln: "Ich kann ohne Pelz nicht leben!"
Nun, das kann ich auch nicht. Doch muss in ihm ein glückliches Herz schlagen...

 


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