Kleine feine intakte Jägerwelt Drucken E-Mail


Eine Provinzposse, die den Titel „Kleine feine intakte Jägerwelt“ tragen könnte, wurde am 17. Dezember 2012 in dem kleinen, beschaulichen Dorf Rehweiler im Landkreis Kusel gegeben. Was war geschehen?

Es gab Ärger um die Jagd. In Rehweiler regten sich ein paar Bürger auf; bei einer Treibjagd hat es Zwischenfälle gegeben. Ein Kind wurde verletzt, als seine Mutter es auf den Arm nahm, um vor einem Wildschwein zu flüchten und in der Hektik samt Kind stürzte. Dann war da noch das zahme Kaninchen, das in einer Sielung lebte und plötzlich verletzt dasaß und laut Tierarzt eine Ladung Schrot im Körper hatte, woran es wenig später verstarb.

Einige Leute waren aufgebracht und haben DIE RHEINPFALZ, die örtliche Tageszeitung, eingeschaltet. Diese titelte „Treibjagd wirft Fragen auf - verletztes Kind und erschossenes Kaninchen nach Jagdtreiben am Wochenende“. Weiter konstatiert die Redakteurin in ihrem Beitrag, dass Treibjagden eben nicht nur für Wildtiere gefährlich werden könnten. Sie beschreibt ein Szenario, welches so oder noch heftiger zur Zeit vielerorts in Deutschland vorzufinden ist. Es ist Jagdsaison, die Lodengrünen marodieren durch Wald und Flur!

Die Gemüter erhitzten sich kurz, ein Strohfeuer der Empörung brach aus, die Jäger mussten handeln. Also initiieren die Waidmänner und Waidfrauen einen Infoabend zur Jagd und suggerierten, man würde sich kritischen Fragen stellen. Zunächst scheinbar ein guter Plan, sicher verbunden mit der Hoffnung, dass man mit etwas Ausdruck des Bedauerns über Unannehmlichkeiten und den üblichen Erklärungen, wie wichtig Jagd sei, welch aufopferungsvolles Werk die Waidmänner im Sinne der Allgemeinheit vollbringen, alles wieder glattziehen und der übliche Trott weitergehen kann. Sicher rechnete man damit, dass alles in einer halben oder ganzen Stunde geklärt sei und man dann zu dem gemütlichen Teil übergehen kann. Die Infoveranstaltung war für den 17. Dezember angesetzt, der Saal im Gemeindehaus füllte sich bis auf den letzten Platz, zusätzliche Stühle wurden herbeigetragen. Doch es kam ein bisschen anders.

Das Publikum bei der Veranstaltung war fast so strukturiert, dass dieser Plan hätte aufgehen können. Von den ca. 70 anwesenden Personen waren rund 40 Jägerinnen und Jäger, dazu ein paar Landwirte, einige Personen aus Bevölkerung und Honoratioren der Dorfpolitik. Der kritische Frager von den Grünen wäre genauso untergegangen, wie die sich über das mit Schrot gespickte Kaninchen empörende Dame. Leider hat dieser Plan in Rehweiler nicht ganz störungsfrei geklappt, denn es sind zusätzlich noch sechs Jagdgegner angereist und haben kritische Statements abgegeben, haben hinterfragt und in Wunden gebohrt. Die heile Jägerwelt wurde jäh gestört, der Beschwichtigungsplan in Wanken gebracht.

Der Kreisjagdmeister und der betroffene Revierpächter gaben sich als Moderatoren des Abends alle Mühe, dem Publikum die krude Gedankenwelt der „jägerschen“ Wildbiologie dem Publikum schmackhaft zu machen. Das klappte natürlich bei der lokalen Publikumsstruktur fast zu 100 % . Jagdkritische Sachargumente verhallten im Raum, die Kontrahenten in ungleicher Gewichtung gaben sich artig, sprachen beiderseitig nicht aus, was man von dem anderen wirklich hält, so dass die Veranstaltung nach etwas mehr als zweieinhalb Stunden mit der Beteuerung endete, man habe eine faire und ordentlich Diskussion geführt. Aber eben resultatfrei und ergebnisoffen.

Kritische Nachfragen zum Haustierabschuss, Fütterungsvergehen, grausamer Fallenjagd usw. parierten die Jäger mit dem Hinweis, dass man da durchaus auch kritisch wäre, dass man wisse, dass es so was gäbe und man es nicht gutheiße, aber nein, in Rehweiler gibt’s so was nicht. Niemals. Ja, es gäbe schwarze Schafe unter den Jägern, wie in allen anderen Gruppierungen, die sich zu einem gemeinsam Tun und Handeln zusammen schlössen. Nein, in Rehweiler würde man so was nicht dulden, da würde man schon selbst aktiv werden und die entsprechenden Waidgenossen in die Schranken weisen. Einige beteuerten, dass Haustierabschuss absolut tabu sei, schon ihre Väter und Großväter hätten das nicht getan. Andere schwiegen. Aber nein, sich dafür einsetzen, dass der legale Haustierabschuss aus dem Jagdgesetz gestrichen wird, wolle man nicht, die Möglichkeit an sich solle bestehen bleiben. Es überkam mich ein ungute Gewissheit: ich bin sicher, eine Veranstaltung gleichen Charakters an jedem beliebigen anderen Ort der Republik hätte sicher ein gleiches Ergebnis zu diesem emotionalen Thema gebracht. Rehweiler ist austauschbar. Wo kommen aber dann z.B. die zigtausend erschossenen Hunde und Katzen jährlich her? Selbstmord der Tiere mittels Schusswaffen? Wohl kaum ...
Bei einem Blick durch das Publikum und der Wertung einiger Reaktionen würde ich auch nicht das Risiko eingehen wollen, dass mein Kätzchen in Rehweiler mehr als 300 Meter vom bewohnten Bereich entfernt herumläuft. Auch ließen einige Reaktionen während und nach der Veranstaltung in Hinsicht auf die Sache mit den schwarzen Schafen dunkle wollige Flecken vor meinem inneren Auge auftauchen.

Dann war da noch die Sache mit der Zeitungs-Redakteurin. Still saß sie an dem für sie vorbereiteten Tisch mit dem Schild „Presse“ und hörte sich alles an. Es war eben die Dame, die mit den kritischen Beiträgen alles in Rollen gebracht hatte. Verantwortliche aus Jägerkreisen äußerten schon während der Diskussionsrunde ihren Unmut über eben diese jagdfeindliche Berichterstattung und im persönlichen Gespräch mit verantwortlichen Jägern war zu erfahren, dass man schon mal dem Chefredakteur bescheidgegeben hätte, dass das so nicht ginge. Also ist es wahrscheinlich nicht falsch anzunehmen, dass man von der Dame jetzt einen schönen glatten Artikel über die Veranstaltung erwarte, bei dem keine kritischen Töne zu vernehmen sind, sondern einen Artikel, der Harmonie, Frieden und heile Welt ausstrahlt. So ist es auch geschehen. Mit ihrem Beitrag zu der Jäger-Info-Veranstaltung hat sich die Dame rehabilitiert. Dass in dem Beitrag wenig die offenen Fragen und die Kritik um die Jagd aufgegriffen wurde, ist wohl diesem Ansinnen geschuldet und vielleicht auf die eine oder andere Weisung von höherer Stelle zurückzuführen. Kritischer und sachlich ausgewogener Journalismus ist etwas anderes. Der letzte Satz orientiert sich wenig an der Realität, denn dass die Jagd breite Akzeptanz findet wird von einschlägigen Umfragen inzwischen klar widerlegt.

Nun, alles in allem kein Grund sich als Jagdgegner zu grämen, beide Seiten haben ihr Bestes getan. Keiner der angereisten Jagdgegner wusste im Vorfeld, welche Publikumsstruktur sich bei der Infoveranstaltung ergibt. Es hätte auch anders laufen können, wären wirklich ein paar kritische Bürger aus Rehweiler, die es sicher auch in diesem Dorf gibt, mit von der Partie gewesen. Aber ich habe durchaus auch Verständnis dafür, dass eben im Hinblick auf mögliche Ächtungen und Unannehmlichkeiten man in diesen Kreisen auf eine Teilnahme verzichtete.

So bleibt in Rehweiler – zumindest für den Moment – die kleine feine intakte Jägerwelt erhalten.

Harald Hoos

 


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