Wildschweine in Rheinland-Pfalz Drucken E-Mail


Tierschutzorganisationen schalten wegen ministerieller „Wildschweinhetze“ Anwaltskanzlei ein

Derzeit ist in allen Zeitungen von einer „Wildschweinschwemme“, gar von einer „Wildschwein-Plage“ zu lesen. Am 18.10.2012 hat die so genannte „Wildschweinproblematik“ in Rheinland-Pfalz auch das SWR-Fernsehen erreicht. Jäger und Landwirte bezeichnen die Wildschweinzunahme als dramatisch und plädieren für eine weitere Verschärfung der Jagd auf Schwarzwild. Insbesondere durch großflächige revierübergreifende Bewegungsjagden und die Aufhebung der Schonzeit – also die Jagd auf Wildschweine das ganze Jahr hindurch, auch während der Aufzucht der Jungen - soll dieser heimischen Wildtierart der Garaus gemacht werden. Auf dieses Szenario stimmt auch das rheinland-pfälzische Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten die Jäger ein, wie jüngst in dem „Handlungsprogramm zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände und zur Absenkung des Risikos einer Ausbreitung von Tierseuchen für die Jagdjahre 2012/2013 und 2013/2014“ geschehen.

Akteneinsicht nach dem Umweltinformationsgesetz

Hiergegen schlagen jedoch zahlreiche Natur- und Tierschutzorganisationen, darunter die international bekannte Tierrechtsorganisation PETA Deutschland e.V., Alarm und schalteten einen Rechtsanwalt ein. Dieser hat beim verantwortlichen Ministerium Akteneinsicht nach dem Landesumweltinformationsgesetz beantragt. „Die Tierschutzorganisationen wollen wissen, auf welche Informationen sich das Ministerium bei dessen umstrittener Aufforderung zur drastischen Reduzierung der Schwarzwildbestände beruft“, so Rechtsanwalt Dominik Storr, der das Auskunftsersuchen für die Natur- und Tierschützer gestellt hat.

„Wildschweinhetze“ des Ministeriums ignoriert Tierschutz vollends

Die Tierschutzorganisationen werfen dem Ministerium in einem gemeinsamen Schreiben vor, sich bei der „Wildschweinproblematik“ allein von wirtschaftlichen Aspekten und Jagdinteressen leiten zu lassen und dabei den Tierschutz willentlich außen vor zu lassen. Niemand dürfe einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen (§ 1 Tierschutzgesetz). Das gelte selbstverständlich auch für Wildtiere. Gerade bei großflächigen revierübergreifenden Bewegungsjagden und bei Jagden bei Schneelage, zu denen das Ministerium aufrufe, seien die tierschutzrechtlichen Aspekte, die sich stellten, immens und wegen des Tierschutzgesetzes auch zwingend von dem Ministerium zu beachten. Dies zeige auch eine Stellungnahme der "Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz" (TVT), Arbeitskreis Wildtiere und Jagd (AK 6), welche die tierschutzrechtliche Problematik von Bewegungsjagden bestätige: Großflächige Jagden - gerade im Winter - würden nicht nur zu Verletzungen der Tiere führen, sondern auch die Energiereserven der Tiere aufbrauchen, was zur Zunahme von Wildschäden führe. Zudem bestünde die Gefahr, Bachen von ihrem unselbstständigen Nachwuchs zu trennen. Das könne zum leidvollen Erfrieren der Frischlinge führen. Zudem seien bei Bewegungsjagden tödliche Treffer schwieriger, viele Tiere würden „nur“ angeschossen. Statistiken aus Hessen zeigen, dass bei Drückjagden auf Schwarzwild nur etwa ein Drittel mit Blattschuss erlegt werde, der Rest der Strecke weise Waidwund-, Keulen- oder Laufschüsse auf. In der eingangs erwähnten „Aufforderung“ des Ministeriums spielten jedoch all diese Aspekte überhaupt keine Rolle.

Langzeitstudie zeigt: Je mehr Jagd, desto mehr Wildschweine


„Rheinland-Pfalz möchte auf allen Gebieten modern, fortschrittlich und innovativ sein. Nur bei der Jagd verschließt sich Rheinland-Pfalz wohl willentlich den wissenschaftlichen Fakten“, sagt Harald Hoos von der Initiative „pro jure animalis“, die ihren Sitz in Rheinland-Pfalz hat. Anhand einer im renommierten „Journal of Animal Ecology“ veröffentlichten Langzeitstudie, die auf zahlreiche weitere universitäre Arbeiten und Untersuchungen Bezug nehme, sei es wissenschaftlich erwiesen, dass der hohe Jagddruck hauptverantwortlich für die hohe Wildschweinpopulation ist. Je mehr Jagd auf Wildschweine gemacht werde, desto stärker vermehrten sie sich (Journal of Animal Ecology 2009, 78, 1278-1290).

Zahlen zeigen: Wildschweinjagd in Rheinland-Pfalz ist kontraproduktiv

Lovis Kauertz, Vorsitzender des Vereins „Wildtierschutz Deutschland“, zeigt anhand der offiziellen Zahlen, dass dies auch für Rheinland-Pfalz zutrifft. Die Anzahl der getöteten Wildschweine steige dort im langjährigen Durchschnitt trotz einer Intensivierung der Bejagung kontinuierlich an. Wurden im Jagdjahr 1991/92 noch etwa 20.000 Wildschweine im langjährigen Jahresschnitt zur Strecke gebracht, so sind es 19 Jahre später bereits 55.000 erlegte Tiere - Tendenz steigend, wie das Rekordjahresergebnis von 2008/09 mit über 80.000 erlegten Wildschweinen zeige.

Die Tierschutzorganisationen haben das rheinland-pfälzische Ministerium für Umwelt, Landwirtschaft, Ernährung, Weinbau und Forsten aufgefordert, das "Handlungsprogramm zur Reduzierung überhöhter Schwarzwildbestände und zur Absenkung des Risikos einer Ausbreitung von Tierseuchen für die Jagdjahre 2012/2013 und 2013/2014" umgehend zurückzunehmen. Andernfalls würden sie sich rechtliche Schritte vorbehalten.


Neustadt, den 22.10.2012

Rechtsanwalt
Dominik Storr
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