Politik zwischen Blut und Bandscheiben Drucken E-Mail


Ein gewöhnlicher Donnerstagabend. Im Fernsehen ist Talk mit Maybritt Illner angesagt. Das aktuelle Thema: "Rote Karte für Kiew – kann man in der Ukraine einfach so Fußball spielen?" Tierschützer und Tierrechtler sind schon seit vielen Monaten der Meinung, dass auf dem blutgetränkten Boden der Ukraine eigentlich keine unbeschwerten Fußballduelle stattfinden können. Das Blut stammte von Abertausenden Hunden und Katzen, die in einer unbegreiflichen Säuberungsaktion auf den Straßen der Austragungsstätten der Fußball-EM abgeschlachtet wurden; mit dem Hammer erschlagen, vergiftet oder bei lebendigem Leib in rollenden Krematorien verbrannt, um nur einige Hinrichtungsmethoden zu nennen. Prämien wurden demjenigen gezahlt, der einen toten Streuner ablieferte. Tierschützer protestierten vehement europaweit – Politiker schwiegen europaweit.

hund_ball.jpgWer nun glaubt, dass die Talkmasterin Illner in den 60 ihr zur Verfügung stehenden Minuten in illustrer Runde aus Politik und Prominenz nur ein Wort über das Tiermassaker verloren hat, liegt falsch. Es ging bei dem seichten Talk ausschließlich um die Menschenrechtsverletzungen, welche Julia Timoschenko wiederfahren, ihre Verhaftung nach fragwürdigen Prozessen, die Gewalt die ihr angetan wurde, ihr Rückenleiden und die verweigerte Behandlung ihres Leidens.

Nun, um die bei einem solchen Thema immer einsetzenden, reflexartigen Diffamierung der Tierfreunde durch Nur-Menschenfreunde gleich von vornherein abzuwehren: Nein, nichts von dem was Frau Timoschenko wiederfahren ist und gerade wiederfährt, ist tolerierbar oder gar in Ordnung. Das menschenverachtende Regime der Ukraine muss dafür geächtet werden. Genau so, wie das gleiche Regime für seine Verbrechen und den Mord an den Tieren zur geächtet werden muss und Konsequenzen spüren sollte.

Die Regierung der Ukraine schockiert mit ihren Taten. Was mich aber durchaus noch mehr schockiert, ist das Verhalten unserer heimischen Politiker und auch unsere heimische Gesellschaft inklusive der Medien. Der tausendfache Mord an Tieren lässt gleichgültig, ruft keine nennenswerte Reaktion bei unseren Politikern hervor, wird von unserer Gesellschaft gleichgültig zur Kenntnis genommen, ist vielleicht mal eine Randnotiz in den Medien wert. Kein Grund über einen Boykott des Fußballevents oder sonstige Konsequenzen nachzudenken, kein Anlass für die Presse über die Massaker an fühlenden Lebewesen angemessen zu berichten. Kollektiv wird diese Facette der EM wegignoriert, sind doch die Spiele auf dem schönen grünen Rasen so wichtig und toll. Erst als in diesem bluttriefenden Szenario die blauen Flecken und die entglittenen Bandscheiben von Frau Timoschenko auftauchen, bricht Hektik aus. Unser neuer Bundespräsident sagt seinen Antrittsbesuch ab, unsere Kanzelerin führt, zaghaft die Worte „politischer Boykott“ summend, ihren merkelschen Eiertanz auf. Ihre Vasallen summen leise mit, hüpfen ein wenig zu dem Tanz ihrer Chefin, nicht zu laut und nicht zu auffällig, dass dies von dem Wirtschaftsapparat hinter dem Sportevent um himmelswillen nicht als Bedrohung wahrgenommen werden kann.

„Der Sport dürfe nicht politisiert werden“, „man müsse dort in der Ukraine sein, um Protest ausdrücken zu können“, um nur zwei hirnrissige Argumentationen aufzugreifen. Diese kruden Argumentationen erinnern mich in der Qualität und in der Logik an Ausreden von Kindern, die gerade von der Mutter z.B. aufgefordert werden Ordnung ins Kinderzimmer zu bringen und sich gerade in ihrer aufkeimenden und oftmals bestechenden kindlichen Logik von der Aufgabe freireden zu versuchen.

Zurück zum Polittalk im Zweiten. Während Politik- und Sportfunktionäre, ein Jungmoderator und die Talkmasterin im Dunst der Verlogenheit vor sich hin wabern und schwafeln, fragen viele Zuschauer in dem parallel zur Sendung laufenden Blog im Internet, ob vielleicht auch mal ein Wort über die Tieropfer der EM verloren werden würde. Nach 60 Minuten ist diese Frage beantwortet: Nein, kein Wort! Die Tiere spielen keine Rolle. Auch in dem Blog gibt es den einen oder anderen Ausrutscher. Einmal wird gefragt, wann nun endlich die Leute aufhören auf die massakrierten Hunde hinzuweisen, ein anderer fragt sich, was Fußballfans wohl sagen würden, wenn diese in den Straßen von streunenden Hunden angefallen würden.

Ach ja, damit es an dieser Stelle nicht untergeht muss noch erwähnt werden, dass die Ukraine ja gerne in den hehren Zirkel der EU-Mitgliedsstaaten eintreten würde. Ein Assoziierungsabkommen ist vorbereitet, liegt aber im Moment erst mal auf Eis. Für einen Moment?

Ich lausche noch dem unbeholfenen Argumentieren der abendlichen Diskussionsrunde und warte immer noch auf eine Erwähnung des Tierblutbads, als ich mich frage, was mich mehr anwidert: Die Taten der ukrainischen Regierung oder diese vordergründige Empörung unserer hiesigen Politik- und Gesellschaftselite, die sich wohlgefällig eine Welt zurechtargumentiert, in der scheinbar Baden ohne naßzuwerden möglich ist?

Nun, wie wird die ganze Sache ausgehen? Ich bin davon überzeugt, dass kurz vor dem ersten Anpfiff bei der EM die Bandscheiben von Frau Timotschenko behandelt werden, es tolle Spiele gibt, alle glücklich sind und spätestens beim Schlusspfiff des Endspiels alle Verwerfungen im Vorfeld vergessen sind. Die toten Tiere sowieso, die haben Politik, Presse und Gesellschaft ja schon im Vorfeld wegignoriert, das Blut ist bis dahin versickert.

Der Abspann der Talksendung läuft, mein Hund, der die ganze Zeit nichtsahnend neben mir auf dem Sofa gedöst hat, schaut mich an und ich überlege - analog zu dem Auspruch „Wie erkläre ich’s meinem Kind“: Wie könnte ich das meinem Hund erklären ...

 

(Autor: Harald Hoos / Mai 2012)

Bild: © javier brosch - Fotolia.com

 


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